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Zum Runden Geburtstag
Alexander Kluge ist der Chronist und Seismograph unserer Zeit. Er hat abendfüllende Spielfilme gedreht, Kulturprogramme geprägt und neue Fernsehformate kreiert. Wie kaum ein zweiter Künstler oder Intellektueller in Deutschland setzt Alexander Kluge – einst Assistent bei Fritz Lang - in Film, Fernsehen und Literatur seit vielen Jahren entscheidende Impulse im deutschen Kulturraum. Bekannt ist der promovierte Jurist, Historiker und Kirchenmusiker als Regisseur – er hat den Neuen Deutschen Film aus der Taufe gehoben – als Filmproduzent, Hochschulprofessor, Kunsttheoretiker, Medienmanager und Philosoph, doch sein Hauptwerk – so sagt er selbst – sind seine Bücher. Darin zeigt er sich als Sammler und Denker über Daseinsspuren, der die Signatur der Zeit zu interpretieren versteht. Erfahrungen sammeln und weitergeben, ein Lebensmotiv von Alexander Kluge. Er feierte vor kurzem seinen 80. Geburtstag. Der Mensch hat gleichzeitig zwei entgegen gesetzte Eigenschaften: Einfühlung und Sachlichkeit. Empathie und Nüchternheit. Wie könnte das religiöse Pendant dazu lauten? Fides et Ratio? Eine Enzyklika Papst Benedikt XVI.? Eine letzte Frage: Auf Wunsch dieses Papstes gibt es im Vatikan seit zwei Jahren eine neue Einrichtung: Sie nennt sich ‘Vorhof der Völker’ und ist dazu da, den Dialog mit den Nichtglaubenden, den Agnostikern und Atheisten aufzunehmen und zu intensivieren. Denn die Kirche braucht auch die Stimmen jener, die nicht an sie glauben…..Finden Sie diese einmalige Initiative der katholischen Kirche richtungweisend? (rv 06.05.2012 ap)
„Annuntio vobis gaudium magnum. Habemus Papam: Eminentissimum ac Reverendissimum Dominum, Dominum Iosephum, Sanctae Romanae Ecclesiae Cardinalem Ratzinger, qui sibi nomen imposuit Benedicti Decimi Sexti.“ Übersetzt: „Ich verkünde euch große Freude: Wir haben einen Papst, und zwar Seine Eminenz, den hochwürdigsten Herrn Joseph, der Heiligen Römischen Kirche Kardinal Ratzinger, der sich den Namen Benedikt der Sechzehnte gegeben hat.“ „Als langsam der Gang der Abstimmungen mich erkennen ließ, dass sozusagen das Fallbeil auf mich herabfallen würde, war mir ganz schwindlig zumute. Ich hatte nämlich geglaubt, mein Lebenswerk getan zu haben und jetzt auf einen ruhigen Ausklang meiner Tage hoffen zu dürfen. Deswegen habe ich mit tiefer Überzeugung zum Herrn gesagt: Tu mir das nicht an, Du hast Jüngere und Bessere, die mit ganz anderem Elan und mit ganz anderer Kraft an diese Aufgabe herantreten können”. Mit diesen Gefühlen beginnt Joseph Alois Ratzinger am 19.April 2005 als erster Deutscher Papst seit 482 Jahren und als 265. Nachfolger Petri das höchste Amt in der katholischen Kirche. Noch steht er im Schatten seines Vorgängers, noch trägt er den Stempel eines strengen Glaubenshüters. Doch nach sieben Jahren Pontifikat ist längst deutlich geworden, dass Benedikt XVI. mit eigenem Stil und eigenem Profil regiert. Er ist nicht der Medienstar und Charismatiker wie sein Vorgänger, aber er führt die Kirche mit theologischer Gradlinigkeit, akademischer Brillanz und bescheidener Freundlichkeit durch die Wirrnisse unserer Zeit. Obwohl seine physischen Kräfte nachlassen, absolviert er ein enormes Arbeitspensum. ‚Ich bin alt, kann aber meinen Pflichten noch nachkommen’ sagt das 85-jährige Kirchenoberhaupt zum Abschluss seiner Kubareise dem gleichaltrigen Fidel Castro. Und wischte damit Spekulationen eines möglichen Rücktritts vom Tisch. Er begeistert Millionen von Menschen, auch Nichtkatholiken, weltweit - auf seinen vielen Reisen und jeden Mittwoch bei den Generalaudienzen auf dem Petersplatz. Im Folgenden bringen wir Höhen aber auch Rückschläge der bisherigen sieben Pontifikatsjahre in der gebotenen Kürze und beginnen mit der ersten Reise 2005 zum Weltjugendtag nach Köln. Mit rund einer Million Menschen feiert er den bisher meistbesuchten Gottesdienst auf deutschem Boden. „Liebe Jugendliche, Anfang 2006 legt Benedikt XVI. mit ‘Deus caritas est’ seine erste Enzyklika vor. Sie beschäftigt sich mit der Liebe Gottes zum Menschen und der Antwort des Menschen darauf sowie mit der Liebe zwischen den Menschen, deren Hochform die eheliche Liebe ist. Die zweite Auslandsreise führt Benedikt in die Heimat von Johannes Paul II. Den dramatisch - bewegenden Höhepunkt bildet dabei das symbolträchtige Gedenken des ‘deutschen Papstes’ an die Opfer des Nationalsozialismus im ehemaligen Konzentrationslager Birkenau-Auschwitz. „An diesem Ort des Grauens, einer Anhäufung von Verbrechen gegen Gott und den Menschen ohne Parallele in der Geschichte, zu sprechen, ist fast unmöglich – ist besonders schwer und bedrückend für einen Christen, einen Papst, der aus Deutschland kommt. An diesem Ort versagen die Worte, kann eigentlich nur erschütterndes Schweigen stehen, - Schweigen, das ein inwendiges Schreien zu Gott ist. Warum hast du geschwiegen? Warum konntest du dies alles dulden? In solchem Schweigen verbeugen wir uns inwendig vor der ungezählten Schar derer, die hier gelitten haben und zu Tode gebracht worden sind. Dieses Schweigen wird dann doch zur lauten Bitte um Vergebung und Versöhnung, zu einem Ruf an den lebendigen Gott, dass er solches nie wieder geschehen lasse”. Im Herbst 2006 besucht das Kirchenoberhaupt seine – wie er selbst sagt geliebte - bayerische Heimat. Unter anderem löst dabei ein in einem Vortrag unter Anführungszeichen stehendes Zitat über den Propheten Mohammed in der Regensburger Universität einen längeren weltweiten Disput aus. Der Vatikan startet darauf eine umfassende, letztendlich erfolgreiche Krisendiplomatie mit dem Islam. Ende des Jahres reist Benedikt unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen in die Türkei. Weltweite Beachtung findet dabei seine Versöhnungsgeste gegenüber dem Islam: der Besuch in der Blauen Moschee in Istanbul. Am 80. Geburtstag des Papstes erscheint 2007 sein erstes Buch, ein theologisches Grundsatzwerk über ‘Jesus von Nazareth’. Ein Welterfolg. - Die Reform der Karfreitags-Fürbitte im vorkonziliaren Messritus ruft 2008 Proteste und Verstimmung in der jüdischen Welt hervor. Seine achte Auslandsreise führt den Papst im selben Jahr in die USA. Dabei sind seine Rede vor den Vereinten Nationen sowie der Besuch am ‚Ground Zero’ in New York die absoluten Höhepunkte. „Durch die Vereinten Nationen haben die Staaten universale Ziele aufgestellt, die, auch wenn sie nicht mit dem Gemeinwohl der Menschheitsfamilie in seiner Gesamtheit zusammenfallen, zumindest einen entscheidenden Teil von ihm darstellen. Die Gründungsprinzipien der Organisation – das Streben nach Frieden, der Sinn für Gerechtigkeit, die Achtung der Menschenwürde, die humanitäre Zusammenarbeit und Hilfeleistung – sind Ausdruck der richtigen Bestrebungen des menschlichen Geistes und stellen die Ideale dar, die den internationales Beziehungen zugrunde liegen sollten. Wie meine Vorgänger Paul VI. und Johannes Paul II. von diesem Rednerpult aus angemerkt haben, gehört all dies zu den Wirklichkeiten, welche die katholische Kirche und der Heilige Stuhl mit Aufmerksamkeit und Interesse verfolgen, weil sie in ihrer Tätigkeit ein Beispiel dafür sehen, wie die Probleme und Konflikte, die die Weltgemeinschaft betreffen, in den Genuss einer gemeinsamen Regelung kommen können”. 2009 nimmt Benedikt die Exkommunikation für vier Bischöfe der traditionalistischen Priesterbruderschaft Pius X. aus dem Jahr 1988 zurück. Er versteht es als Versöhnungsgeste. Fast zeitgleich wird ein Interview veröffentlicht, in dem einer der vier den Holocaust leugnet. Dadurch wird ein Proteststurm, vor allem in Deutschland, ausgelöst. - Im Mai desselben Jahres folgt die Pilgerfahrt ins Heilige Land. Die Reise nach Israel und in die Palästinensergebiete wird ein diplomatischer Erfolg.- Im Juni veröffentlicht Benedikt XVI. seine erste Sozialenzyklika ‘Caritas in veritate’ - Sie befasst sich mit den ethischen Aspekten der Globalisierung und der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise. 2010 erreichen die Skandale um sexuellen Missbrauch nach den USA und Irland auch Deutschland und Österreich. Monatelange dramatische Debatten und eine Welle von Kirchenaustritten sind die Folge. Die katholische Kirche beginnt darauf eine beispiellose Aufklärkampagne – angeführt von Benedikt XVI. – die nach wie vor anhält. - Die Reise nach Schottland und England im September ist der erste Besuch eines Papstes in Großbritannien überhaupt. Mit seiner Rede in Westminster Hall gelingt Benedikt XVI. ein spektakulärer positiver Meinungstrend der Briten gegenüber dem Vatikan: „Die Monarchen Englands und Schottlands sind seit frühester Zeit Christen gewesen und schließen herausragende Heilige wie Eduard den Bekenner und Margareta von Schottland ein. Wie sie wissen, haben viele von ihnen ihre Pflichten als Souverän bewußt im Geiste des Evangeliums ausgeübt und auf diese Weise das Land durch und durch zu seinem Wohl geprägt. Als Ergebnis ist die christliche Botschaft über einen Zeitraum von mehr als tausend Jahren ein wesentlicher Bestandteil von Sprache,Gedanken und Kultur der Britischen Inseln geworden. Die Achtung Ihrer Vorfahren für Wahrheit und Gerechtigkeit, für Barmherzigkeit und Nächstenliebe erben sie von einem Glauben, der eine starke Kraft zum Guten in Ihrem Königreich zum Nutzen für Christen ebenso wie für Nichtchristen bleiben wird”. 2011 legt der Papst den zweiten Band seiner Trilogie ‘Jesus von Nazareth’ vor. Er wird, wie der erste Teil zu einem literarischen Welterfolg. Nach dem erfolgreichen Weltjugendtag in Madrid im August folgt im September die dritte Deutschlandreise Benedikt XVI. Es ist zugleich der erste Staatsbesuch des Papstes in seiner Heimat. Die Rede im Deutschen Bundestag wird von den meisten Beobachtern als absoluter Erfolg gewertet. „Es ist mir Ehre und Freude, vor diesem Hohen Haus zu sprechen – vor dem Parlament meines deutschen Vaterlandes, das als demokratisch gewählte Volksvertretung hier zusammenkommt, um zum Wohl der Bundesrepublik Deutschland zu arbeiten. Dem Herrn Bundestagspräsidenten möchte ich für seine Einladung zu dieser Rede ebenso danken wie für die freundlichen Worte der Begrüßung und Wertschätzung, mit denen er mich empfangen hat. In dieser Stunde wende ich mich an Sie, verehrte Damen und Herren – gewiss auch als Landsmann, der sich lebenslang seiner Herkunft verbunden weiß und die Geschicke der deutschen Heimat mit Anteilnahme verfolgt. Aber die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt. Sie anerkennen damit die Rolle, die dem Heiligen Stuhl als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukommt. Von dieser meiner internationalen Verantwortung her möchte ich Ihnen einige Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats vorlegen. Lassen Sie mich meine Überlegungen über die Grundlagen des Rechts mit einer kleinen Geschichte aus der Heiligen Schrift beginnen. Im ersten Buch der Könige wird erzählt, dass Gott dem jungen König Salomon bei seiner Thronbesteigung eine Bitte freistellte. Was wird sich der junge Herrscher in diesem wichtigen Augenblick erbitten? Erfolg - Reichtum - langes Leben - Vernichtung der Feinde? Nicht um diese Dinge bittet er. Er bittet: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht" (1 Kön 3,9). Die Reise des Papstes im März 2012 nach Mexiko und Kuba wird als eine der wichtigsten dieses Pontifikats bezeichnet. Der Papst wendet sich in Mexiko gegen die Drogenkriminalität und fordert auf Kuba mehr Freiheit für die Kirche ein. Benedikt XVI. hat bis jetzt 23. Auslandsreisen und weit über 30 Reisen innerhalb Italiens unternommen: Er führt die Weltjugendtage weiter und ladet zu einem interreligiösen Friedensgipfel nach Assisi ein; starke Akzente setzt er in die Ökumene und in die Beziehungen zu China Und Moskau. Gefestigt und ausgebaut hat Benedikt XVI. die ökumenischen und interreligiösen Kontakte. Ein zentrales Programm ist für ihn die ’Neuevangelisierung’. Mit ihr will er den müde gewordenen Christen in Europa neuen Elan vermitteln. Aber nicht nur Christen ruft er auf den Plan: mit der Einrichtung des ‘Vorhofes der Völker’ wirbt das katholische Kirchenoberhaupt um das Gespräch auch mit den Nichtglaubenden, den Agnostikern und Atheisten. Das ist nicht nur absolut neu in der Geschichte der römischen Kirche, sondern geradezu sensationell und viel versprechend. Am Tag seines 85. Geburtstages – am 16. April 2012 – spricht der Papst zu einem kleinen Kreis von Kardinälen, Bischöfen und Priestern in freier Rede unter anderem folgende bewegende Worte: „Ich stehe vor der letzten Wegstrecke meines Lebens und weiß nicht, was mir verhängt sein wird. Aber ich weiß, dass das Licht Gottes da ist, dass er auferstanden ist, dass sein Licht stärker ist als alles Dunkel; dass Gottes Güte stärker ist als alles Böse dieser Welt. Und das lässt mich in Gewissheit weitergehen. Das lässt uns weitergehen, und allen, die dieses ‘Ja’ Gottes immer wieder durch ihren Glauben auch mir gewiss machen, danke ich von ganzem Herzen in dieser Stunde.” (rv 29.04 2012 ap)
Dem heute fast vergessenen Poeten und Schriftsteller Giovanni Pascoli wird in diesen Tagen – dem hundersten Todestag – eine Briefmarke gewidmet, auf dem sein wohl bekanntestes Gedicht ‘La cavallina storna – die graue Stute‘ abgedruckt ist, das an die schmerzvolle Episode des Mordes an seinem Vater erinnert. Gleichzeitig werden anlässlich des 100. Todestages Pascolis ab dem 16. April 2012 in ganz Europa Münzen im Wert von zwei Euro zirkulieren, die an den großen italienischen Literaten erinnern sollen. Giovanni Pascoli wurde 1855 in San Mauro di Romagna geboren und starb am 6. April 1912 in Bologna. Nach schweren Schicksalsschlägen - 1867 wurde sein Vater ermordet, ein Jahr darauf starben die älteste Schwester und die Mutter - begann Pascoli als Stipendiat an der Universitäte Bologna das Literaturstudium. 1906 wurde er als Professor für die italienische Literatur an der bedeutenden Universität Bologna der Nachfolger seine Lehrers und Meisters Giosuè Carducci an dessen Lehrstuhl. Mit Carducci bildete Pascoli das Zweigestirn der neueren italienischen Lyrik. Bezeichnend ist, dass Pascoli seine umfangreichen lateinischen Hymnen, die einem religös gefärbten Vaterlandskult huldigen, selbst ins Italienische übersetzte und damit in die lebende Sprache humanistische Bildungselemente übertrug. Und Jesus richtete seinen Blick über den Jordan hinaus auf das Land des Todesmähers. Der Tag seines eigenen Todes lag nicht mehr weit entfernt. An die Eingangstüren der Häuser gelehnt sprachen die Frauen: Gegrüßest seist Du Prophet. Er dachte an die Stunde seines eigenen Todes. Er hielt im Schatten eines Weizenstocks inne und sagte: Wer den Samen nicht unter die Erde bringt, wird nicht ernten. Er sprach von der Weizenkammer des Himmels. Und Ihr, Jünglinge, hattet in euren dunklen Köpfen nur welke Halme. Er drückte jene Köpfe an seine Brust. Und umarmte seine kleinen Erben: Der Sohn – Judas sprach hastig – eines Diebes oh Rabbi. Barabbas trägt den Namen seines Vaters, der am Kreuz sterben wird. Und der Prophet hob seinen Blick, sprach ganz leise NEIN und setzte das Kind auf seine Knie. Es ist nicht das bekannteste Gedicht von Giovanni Pascoli, aber in diesem Gedicht ist die tiefe Religiosität des Dichters Pascoli gut zu erkennen. Der Poet hält sich den Erlöser in jenen Tagen vor Augen, die seinem Tod vorausgehen. Im Hintergrund des Gedichtes stehen jene bäuerliche Welt, die Natur und die Gottesverbundenheit, die Pascoli so nahe waren. In ihm finden Freude und Leid gleichermaßen ihren spürbaren Ausdruck. Verehrte Hörerinnen und Hörer, wenn Sie eine solche Münze in die Hand bekommen, werden Sie sich vielleicht an diese Sendung von Radio Vatikan erinnern. Von Aldo Parmeggiani
Joachim Fuchsberger braucht dem breiten Publikum nicht vorgestellt zu werden. Unzählige Filme, Fernsehauftritte, Talkshows, Moderationen, langjähriger Unicef-Botschafter, Chefsprecher der Olympiade in München, Großer-Fernsehpreis-Träger und und und haben das Multitalent weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt gemacht. Der heute 85 Jahre alte Künstler kann auf eine fabelhafte Karriere zurückblicken. Joachim Fuchsberger, alias Blacky, ist ein Mensch, der mit Haltung durchs Leben geht. Seitdem er – in Stuttgart geboren und in Heidelberg aufgewachsen – im Alter von 15 Jahren in den Krieg geschickt wurde, als Soldat in russische Gefangenschaft geriet und mit 18 Veteran des Zweiten Weltkrieges war, hat er sich als Lebensprinzip geschworen, „unabhängig” zu bleiben. Seine Lebens-Erfahrungen bringt er in einem Buch mit dem aufschlussreichen Titel: ‚Altwerden ist nichts für Feiglinge’ zum Ausdruck. Es ist ein hohes Lied auf alte Menschen, voll Klugheit und Philosophie, Heiterkeit und Lebensweisheit. Ein Bestseller. Vor zwei Jahren haben Joachim Fuchsberger und seine Frau Gundula ihren 54-jährigen Sohn Thomas durch einen Unfall verloren. Es war die schwierigste Zäsur im gemeinsamen Leben einer glücklichen, nunmehr 60 Jahre währenden Ehe.
Martin Walser ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller Deutschlands. Geboren wurde er 1927 in Wasserburg am Bodensee. Nach einem Studium der Literaturwissenschaft und einer Tätigkeit als Journalist feierte Walser bereits 1957 mit seinem ersten Roman ‘Ehen in Philippsburg’ einen großen Erfolg. Seither macht er sich einen Namen als ein unermüdlicher Schriftsteller, ein literarischer Seismograph, dessen Produktivität im Alter noch zu steigen scheint. Kurz vor seinem 85. Geburtstag hat er einen seiner leidenschaftlichsten Romane vorgelegt.
Professor Dr. Rita Süssmuth hat auf sehr eindrückliche Weise die Politik in Deutschland über Jahrzehnte mit gestaltet und mit bestimmt. Zehn Jahre lang – von 1988 bis 1998 – war sie Präsidentin des deutschen Bundestages, davor Bundesfamilien – und Gesundheitsministerin. Daneben ist die überzeugte Christin ordentliche Professorin, Präsidentin des Volkshochschulverbandes und war langjähriges Mitglied im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken. Rita Süssmuth feiert in diesen Tagen ihren 75. Geburtstag. Frau Professor Süssmuth, sie galten lange Zeit in Deutschland als die ‚beliebteste Politikerin’. Einer Umfrage zu folge waren Sie jene Politikerin, der die meisten Befragten ‚ohne Bedenken’ ihr Auto anvertrauen würden. Wie würden Sie selbst Ihre ‚Andersartigkeit’, Ihre öffentliche Popularität in kurze Worte fassen? „Ich bin angetreten mit bestimmten Vorstellungen: wie die Rolle der Frau künftig verändert werden müsste, was sie tun müssen gegen Ausgrenzung von Menschen, was sie tun müssen in der Frage Schutz des Lebens. Dafür habe ich mich eingesetzt – vielleicht manchmal auch zu hartnäckig – aber ohne Hartnäckigkeit geht es nicht.“ Wer viel Anerkennung hat, erntet meistens auch Kritik. Bisweilen sind Sie durch ungewöhnliche Auftritte auch auf Widerstand gestoßen. War das bewusste Provokation, politische Ambition oder einfach Zivilcourage? „Ich bin meiner Überzeugung gefolgt, manchmal nach langem Nachdenken darüber – wagst Du’s oder Wagst Du’s nicht – ich bin manchmal auch gescheitert dabei, aber ich finde schon wichtig, dass die Überzeugungen stärker sind als die Ängste oder Opportunitäten“. Was erwarten sich die meisten Menschen eigentlich von einer Bundestagspräsidentin in erster Linie? In nenne einmal: Orientierung, beispielhafte Lebensführung, glaubhafte Positionierung? „Sie handelt danach, was sie sagt; Das ist das, was Sie glaubhafte Positionierung nennen. Ich denke zum anderen, wichtig sind die Umgangsformen. Wenn wir vom Parlament sprechen, dann lebt unsere Demokratie zugleich von Freiheiten, aber auch von Regeln, die von allen einzuhalten sind. Das sind so wichtige Umgangsregeln, die im Parlament praktiziert werden müssen, Es gibt manchmal Verbalangriffe, die sind schlimmer als körperliche Auseinandersetzungen.’ Und damit sind wir bei der Moral angekommen: Moral und Politik, passt das zusammen? Eine häufige Frage. „Diese Frage irritiert mich: ich kann mir keine Politik ohne Moral vorstellen! Selbst Macchiavelli wusste sehr wohl um diesen Zusammenhang“. Was ist das Wichtigste in der Politik? Was muss in der Politik im Mittelpunkt stehen? „Also für mich muss im Mittelpunkt stehen, der Mensch mit seiner Umgebung. Mit seinen kognitiven, seinen verstandeskräftigen, seinen emotionalen und seinen sozialen Kräften. Und wir in der Politik haben es zu tun mit dem Zusammenleben der Menschen. Da geht es um die Frage: wie fair geht es zu, wie gerecht geht es zu. In welcher Weise werden die grundlegenden Menschenrechte geachtet.“ Ein neues Buch von Ihnen, es wird im kommenden März erscheinen, mit dem Titel: ‚Das Gift des Politischen’. Das klingt wie ein Krimi…. „Das ist kein Krimi, das ist nicht die Thematik meines Buches. Die Politik hat nach wie vor hohe Attraktivität. Wenn ich von mir selbst spreche, weil ich etwas verändern möchte. Und bei diesem Verändern ist es ganz wichtig, mit welchen Mitteln ich das tue. Was ich den Menschen sage über unsere Situation. Das Problem in unserer Republik ist in den letzten zwei Jahrzehnten gewesen, dass wir immer mehr versprochen haben, als wir halten konnten. Das ist Gift. Dass wir die Frage von Freiheiten, von Rechten und Pflichten nicht mehr ernst genug genommen haben. Es hat sich so ein Demokratieverständnis entwickelt: ich habe Rechte aber Pflichten habe ich eigentlich nicht. Das ist Gift!“ Sie sind eine engagierte Katholikin und weisen sich auch immer als solche aus: was heißt katholisch sein, heute? „Ja, ich bin engagiert und der Glaube bedeutet mir sehr viel. Aber vor das Katholische kommt für mich das Christliche, Katholisch sein heißt für mich, offen sein für die Menschen. Das ist kein regionaler Glaube, das hängt mit den Botschaften unserer Schöpfungsgeschichte und der Rolle des Menschen in der Welt zusammen. Das heißt, dass wir gebunden und verbunden sind mit dem was ich Transzendenz nenne, Wir wissen: wir sind nicht allein gelassen. Und wir sollten andere nicht allein lassen. Wir sind zuständig für alle Menschen. Nicht nur für die Katholiken. Und keiner soll verloren gehen. Die Liebesbotschaft und die Erlösungsbotschaft: das ist für mich der Inhalt dessen, was mich bewegt und Vertrauen zu den Menschen zu haben, bei allem Wissen um unsere Schwächen“. Wo ist die katholische Kirche für Sie ein wirkliches, echtes Beispiel, wo ist sie es nicht? „Also am stärksten ist sie für mich Beispiel in der Caritas. In der Liebe, der sich uns Gott offenbart hat und die wir in dem Maße, wie wir Menschen es vermögen, weitergeben. Wo Menschen für Menschen eintreten, da ist sie beispielhaft. Sie ist beispielhaft, wenn es um die Freiheit der Menschen geht, ich würde mir wünschen, sie würde diese Freiheit auf der einen Seite noch konsequenter zulassen. Denn wir sind ein Leben lang Suchende. Unser Papst Benedikt XVI. hat als Theologe nie vertreten, dass wir d i e Wahrheit erkennen, sondern das sind Annäherungsschritte. Es ist mir wichtig, dass die katholische Kirche – auch sie hat ihre Schwächen – denken Sie an die Missbrauchsfälle - keinen Menschen aufgibt, auch wenn er nicht mehr in ihrem Sinne katholisch ist.“ Vor zehn Jahren haben Sie sich aus der aktiven Politik zurückgezogen, sich aber vermehrt in den Bereichen Zuwanderung, Integration eingesetzt. Sie sind eine ausgewiesene Expertin in Zuwanderungsfragen. Wie lauten Ihre Lösungskonzepte? Ist die Sorge vor Überfremdung begründet oder nicht? „Was mir ganz wichtig ist: Einbeziehung der Menschen, nicht Ausgrenzung. Ob der Frauen, der Behinderten, der Fremden, der Aids-Infizierten, das ist der rote Faden, das Kontinuum in meiner Politik gewesen, und ist es auch heute noch. Ich bin wirklich von der Frauenpolitik zur Migrationspolitik gekommen, weil ich festgestellt habe, bei der Ausgrenzung der Frauen galten ähnliche Merkmale, wie bei der Ausgrenzung der Migranten. Hauptfrage ist die Sorge vor Überfremdung begründet? Da möchte ich Ihnen sagen: das verstehe ich als Christ überhaupt nicht, dass wir diese Sorge vor Überfremdung haben. Ob wir uns nun an die biblischen alt- oder auch neutestamentarischen Stellen besinnen, da geht es doch darum; dass kein Mensch uns fremd sein sollte, sondern dass wir aufgefordert sind: Nimm Dich des Menschen an. Überfremdung passiert dann, wenn wir selbst als Christen keine Position mehr haben. Und uns nicht einlassen auf den anderen. Deshalb halte ich den Dialog unter Christen genauso wichtig, wie den Dialog mit Menschen aus nicht christlichen Religionen“. Im Umgang mit dem Schutz des ungeborenen Lebens – ein Paradigma der katholischen Kirche – ist es in Deutschland immer wieder zu Kontroversen gekommen. Sie haben darin eine liberale Haltung eingenommen. „Ja, ich habe eine Haltung eingenommen, die auch abweicht von der römischen Position. Ich habe Schwierigkeiten damit, dass man das liberal nennt. Wenn liberal verstanden wird – also man kann so oder anders machen, man kann Leben erhalten und man kann Leben töten – dann habe ich nicht eine liberale Haltung eingenommen, sondern eine Haltung wo ich mich gefragt habe: wie können wir den Schutz des Lebens wirksamer durchsetzen? Das heißt – ich kann dies auch mit den Worten von Kardinal Lehmann sagen – das geht nur mit den Betroffenen und nicht gegen sie. Da betone ich noch einmal, dass es ganz entscheidend darauf ankommt, dass wir nicht relativieren, was nicht zu relativieren ist. Lebensschutz ist Lebensschutz. Und zwar das Leben von Anfang an. Klarheit in den grundlegenden Prinzipien. Aber das andere ist auch die Liebe zum Menschen, die Zuwendung in der Not. Wieder das Christliche: Lass niemand allein, niemand darf verloren gehen. Man kann mich kritisieren, aber ich möchte Ihnen sagen: die letzte Entscheidung muss diejenige treffen, die das Kind austrägt. Dabei kann es sein, dass sie eine falsche Entscheidung trifft. Aber, sie zu zwingen, das Kind auszutragen, gegen ihren Willen, kann genau so falsch sein. Um des Kindes und der Mutter Willen. Insofern haben wir nach Möglichkeiten gesucht, beide Gesichtspunkte, den Schutz und die verantwortliche Entscheidung, zusammenzuführen. Aber das ist letztlich ein nicht lösbarer Konflikt“. Wie schätzen Sie das bisherige Pontifikat von Papst Benedikt XVI im allgemeinen ein? „Ich möchte einfach sagen: mein Papstverständnis ist das Verständnis des guten Hirten, der sich kümmert, der aber auch Leitlinien angibt, der diese Gemeinschaft zusammenhält. Der nicht spaltet, sondern verbindet. Ich bewerte sehr positiv die Bereitschaft Benedikt XVI. zum Dialog, seine Aufrufe zu Frieden, Friedensfähigkeit zu entwickeln, Ich wünsche mir, dass dieser Papst noch mehr die Menschen spüren lässt: wir wissen nur bedingt etwas, wir begeben uns in Gottes Schutz, manchmal zweifelnd, manchmal in dem Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit, aber Gott muss an uns erfahren, wie sehr wir versagen, aber er braucht auch uns Menschen – um es mit dem Theologen Metz zu sagen – das ist ein wechselseitiges Verhältnis und wir sind dabei Lernende und Irrende wie auch mitunter uns auf dem rechten Weg befinden“. Sind Glaube und Vernunft Gegensätze oder Herausforderungen, die sich ergänzen? „Als erstes nennen ich: sie sind Herausforderungen. Sie schließen sich nicht aus, im Gegenteil. Aber es gibt für den Glauben Grenzen der Vernunft, wo ich mich entweder auf die Glaubensebene hinbewege oder nicht. Da werden die Gegensätze deutlich. Denn der Glaube an ein Leben nach dem Tod ist nicht beweisbar, sondern da gibt es eine Evidenz die nur in der Tiefe unserer Überzeugung liegen kann. Da spüren wir dann auch die Gegensätze, die Grenzen der Vernunft, ohne dass die Vernunft sagen kann: das ist ausgeschlossen, dass da noch etwas sein kann. Der Glaube bleibt auch ein Fragender der neuen Vergewisserung, die manchmal auch verloren gehen kann“. Was würden Sie als den Kern der christlichen Botschaft bezeichnen? „Der Kern der christlichen Botschaft – das sagt ja der Theologe Ratzinger selbst, ist die Liebesbotschaft. Und mit der Liebesbotschaft verbunden, die Erlösungsbotschaft. Da möchte ich auf eine Paradoxie eingehend, die offenbar überzeugten Gläubigen anderer Religionen sehr zu schaffen macht: Wie könnt ihr Christen einen Gekreuzigten zu euern Gott erheben? Die Paradoxie – ich sage das mal mit Erasmus - ist das Kreuz, das ist die Kernbotschaft – auch zugleich ein sich Einlassen, nicht Herablassen, auf die extremsten existentiellen Situationen eines Menschen und andererseits in dieser Schwäche sich eine Stärke offenbart, die uns immer wieder neu im Glauben bewusst wird. Das nenne ich Paradoxie, weil man denkt, jemand der schwach ist kann nicht stark sein. Doch, das erleben wir an Menschen mit oft tiefer Krankheit, aussichtsloser Situation. Und von daher diese Liebes- und Erlösungsbotschaft ist für mich der Kern des Christlichen“. Welche Gestalten würden Sie im Bezug auf Ihre Lebensphilosophie nennen? „Da nenne ich Ihnen als erstes Thomas Morus. Das ist ein Stück meiner Lebensphilosophie, auch ein Mensch, der sehr gerungen hat mit seinem Leben. Der vita activa und der vita kontemplativa, einlassend sich engagierend auch im Alltag der Politik. Ich nennen Ihnen zum anderen Persönlichkeiten wie Franziskus. Jetzt werden Sie sagen: das sind ja nicht mehr Lebende, aber Tote können sehr lebendig sein. Und der afrikanische Kämpfer für Rassismus, Nelson Mandela, der ist für mich ein Lebensbeispiel.“ Was bereitet Ihnen heute am meisten Sorgen? „Die immer größer werdende Kluft zwischen Menschen verschiedener sozialer Lagen, verschiedener Lebensalters . Wir sind wieder stärker bei Ausgrenzung als bei Einbindung. Mich bedrückt, wenn ich in der arabischen Revolution erfahren muss, dass das Leben der Menschen dort so aussichtslos von Armut bestimmt ist. Und wir darüber kaum sprechen…. Wir haben uns so sehr an Wohlstand gewöhnt, dass wir anderei sträflich vernachlässigt haben. Und unserer Jugend zum Teil Steine statt Brot angeboten haben“. Was geben Sie von Ihren beruflichen und menschlichen Erfahrungen der Jugend weiter? „Ich gebe nicht nur meine Erfahrung weiter, sondern, - das ist wunderbar beim Älterwerden – Erfahrung mit Jugendlichen von denen ich viel mitnehme und in meinem Denken und Handeln beachte. Das ist eine wechselseitige Begegnung. Wir geben nicht einfach nur an die Jugend weiter, sondern die Jugend auch an uns“. (rv 22.01.2012 ap)
Menschen in der Zeit: Tomi Ungerer Tomi Ungerer, geboren 1931, stammt aus einer Straßburger Uhrmacherfamilie. Er verpatzte die Reifeprüfung, trampte dafür durch ganz Europa und veröffentlichte erste Zeichnungen im legendären ‚Simplicissimus’. Mitte der 50er Jahre ging er nach New York, wo sein unaufhaltsamer Aufstieg als Zeichner, Maler, Illustrator, Kinderbuchautor und Werbegrafiker begann. Nach einigen Jahren auf einer Farm in Nova Scotia, Kanada, lebt er heute mit seiner Familie im Südwesten Irlands und in seiner Heimatstadt Straßburg, die ihm 2007 ein eigenes Museum gewidmet hat. Der Elsässer hat ein Werk hervorgebracht, das an Vielfalt kaum zu überbieten ist. Seine Plakate und Zeichnungen haben in ihrer Schärfe Epoche gemacht. Die mittlerweile fast über 100 Kinderbücher aber, mit denen in den späten fünfziger Jahren alles begann, zählen mit unvergesslichen Titeln wie ‚Die drei Räuber’ oder ‚Kein Kuss für Mutter’ sowie ‚Otto’ zu den Klassikern dieses pädagogischen Genres. Herr Ungerer, Sie blicken auf eine weit über 60 Jahre erfolgreiche, künstlerische Tätigkeit zurück und gelten heute weltweit als ein Multitalent, als einer der besten Zeichner unserer Zeit. Aus Ihren Werken kann man erkennen, dass Sie den Humor, die Satire beherrschen, die Menschen, vor allem die Kinder, lieben. Vielleicht sind Sie aber auch jemand, der sich jeglicher Einordnung entzieht, für manche sogar ein nicht ganz bequemer Freigeist. Beginnen wir mit letzterem: hängt das zusammen, mit Ihrer Familie, Ihrer Erziehung oder weil Sie Elsässer sind? „Ja das hängt mit alldem zusammen. Der frühe Tod meines Vaters, die Faschisten, die Nazis, das Elsass. All dies hat mich geprägt. Wir Elsässer können gut vergleichen und später im Leben viel mehr Verständnis haben für andere Minoritäten, die es noch zwanzig Mal schlimmer erlebt haben, als wir, wie zum Beispiel die Juden, die Zigeuner und heute viele Menschen auf der ganzen Welt. Ich leide an Weltschmerz, mein großes Problem ist mein Zorn, der überträgt sich dann auf meine satirischen Zeichnungen, Ich sage immer, mir ist eine Barrikade lieber als ein Stau”. Sie haben Ihr Glück zunächst in der neuen Welt gesucht und auch gefunden. Dann aber trieb Sie das Heimweh wieder nach Europa zurück. Seither leben Sie abwechselnd in Straßburg und Irland. Was ist das, das Heimweh, für einen Menschen, der stets das Neue sucht? „Ja also Heimweh, wissen Sie, das ist ganz relativ. Im Moment habe ich Heimweh nach dem Ozean und nach meiner Familie. Aber ich muss immer sagen, meine Wurzeln liegen im Elsass. Wir Elsässer sind ‚Chamälionisten’. Wir können uns sehr leicht überall adaptieren. Ich habe gelernt, dass es mit dem Lächeln fast keine andere Sprache braucht. Und das ist das, was ich in Irland so sehr liebe: es ist ein Land des grünen Lächelns”. Vor wenigen Jahren konnten Sie eine schwere gesundheitliche Krise mit drei Herzinfarkten und einer Krebserkrankung überwinden und haben erneut zu Ihrer alten Produktivität zurück gefunden. War es das positive Denken, war es der Humor, war es der feste Glaube, dass Sie da herauskommen werden? „An erster Stelle, das Akzeptieren. Man muss einfach akzeptieren, was auf einem zukommt. Ich liebe die Herausforderung. Zum Beispiel mit dem Krebs, da habe ich gesagt: Tumor mit Humor. Ich glaube, mit dem Humor kann man vieles, vieles überwinden. Ich bin glücklich, Solange ich noch lesen, arbeiten und denken kann”. Sie haben einmal den ‚Mut zur Hoffnungslosigkeit’ als Ihre Lebensphilosophie bezeichnet. War das reiner Galgenhumor? „Nein, nein. Wissen Sie, schon seit meiner frühen Kindheit musste ich lernen, die negativen Elemente des Lebens zu positivieren. Und das kann ich mit meinem Willen tun. Aus der Hoffnungslosigkeit ist für mich eine Energiequelle geworden. Und wenn ich zweifle, dann ist das Zweifeln bei mir ein positives Zweifeln. Das bedeutet: alles ist möglich. Alles ist akzeptabel. Man muss sogar den Zweifel positivieren”. Vor vielen Jahren haben Sie den Tod einmal als Quelle der Kraft bezeichnet. Sehen Sie das im Alter genau so? „Ja sicherlich. Wissen Sie, ab dem Moment wo man geboren ist, ist man zum Tode verurteilt. Und ich war schon ein paar Mal tot und ich habe sogar eine Sehnsucht nach dem Tod. Ich erinnere mich, dass ich dabei kein Sündengefühl mehr hatte, kein Schuldgefühl mehr. Ich habe nie in meinem Leben so intensiv eine Schuldfreiheit gefühlt, als wenn ich im Koma lag. Und das ist eine enorme Erfahrung”. Es ist bekannt: neben Ihrer künstlerischen Arbeit setzen Sie sich sehr für soziale Aktionen ein, zum Beispiel für die Integration von Ausländern, für jugendliche Straftäter, für Aidspatienten, für an Krebs erkrankte Kinder. Kann man als Ironiker und gelegentlicher Zyniker ein echter Philanthrop sein? „Also, entweder ist man Mensch oder nicht. Und wenn man Mensch ist, dann muss man Mitmensch sein. Ich bin wirklich ein Moralist, ein Humanist und Pazifist auch im politischen Sinn. Ganz besonders in den letzten 25 Jahren, bei dem Aufbau der Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland. Das ist für mich eine Riesenmission gewesen. Und ich habe dieses enorme Glück, dafür sogar anerkannt zu werden. Am Anfang war es schon schwierig – von der französischen Seite her – da habe ich sogar Todesdrohbriefe gekriegt. Kommst du zurück nach Frankreich, wirst du erledigt….Aber die Zeiten ändern sich. Wissen Sie, in der alten Zeit habe ich gesagt: Elsass ist wie eine Toilette, immer besetzt. Das sage ich jetzt nicht mehr….das hat sich geändert. Und ich habe gegen den französischen Zentralismus und den Jacobinismus kämpfen müssen”. Sie brachten 40.000 Zeichnungen zu Papier und haben über 150 Bücher veröffentlicht, die meisten davon sind hervorragende Kinderbücher. Sie ergreifen darin immer Partei für die Rechte der Kinder auf Eigenständigkeit, auf Neugierde und Selbstverwirklichung. Die Helden Ihrer Kinderbücher sind alles Antikonformisten, so wie Sie. „Ja, ganz genau. Die meisten Kinderbücher, heute, haben kein Lebensmaterial mehr zum Inhalt. Da ist alles so idealistisch. Mein jüngstes Buch hingegen ‚Die blaue Wolke’ handelt über den Bürgerkrieg. ‚Freunde, Freunde’, das handelt über einen kleinen Schwarzen in einer weißen Nachbarschaft, also über den Rassismus. ‚Otto’ ist ein Buch über einen kleinen Juden und einem kleinen Deutschen. Da sieht man Szenen aus dem Krieg, wie ich sie im Colmarer Brückenkopf erlebt habe. Aus diesen Erfahrungen muss man etwas lernen. Aus der Geschichte, muss man etwas lernen, sonst hat die Geschichte keinen Sinn. Kinder sind keine Idioten. Man muss ihre Empfindsamkeit schätzen. Kinder müssen respektiert werden, sie haben das Recht, Meinungen zu haben”. Eine Lebensweisheit von Erich Kästner – dessen Preisträger Sie geworden sind – lautet: ‚Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch’. Sind Sie ein Kind geblieben? „Ja, unbedingt. Ich glaube, das ist fast eine Disziplin, die man beherrschen sollte: ein Kind zu bleiben. Oder besser: die Welt durch die Augen eines Kindes zu empfinden. Ich bin ein ewiges Kind geblieben.”. Da gibt es noch mehrere geistige Verwandtschaften zwischen Ihnen und Erich Kästner: Sie sind beide weltbekannt und haben weltberühmte Kinderbücher geschrieben. Sie sind beide Moralisten, der eine ein schreibender, Sie vorzugsweise in zeichnender Weise. Beide sind Meister der Ironie und der Satire, beide mit einem unterschiedlichen Schuss Zynismus behaftet. Beide schreiben und karikieren in sozialkritischer Absicht, um vor allem den jungen Lesern zu lehren, was gerecht und schlecht ist in dieser Welt. Beide sind und waren leidenschaftliche Pazifisten. Und beide verband ein problematisches Verhältnis zu ihrer Mutter, deren abgöttische Liebe zu Ihnen, Herr Ungerer, Sie beinahe erdrückte. „Ich wurde übergeliebt, weil ich auch der Jüngste war in der Familie. Und das mochte ich eigentlich nicht. Und darüber habe ich auch wieder ein Kinderbuch herausgebracht: ‚Kein Kuss von Mutter’, von einem kleinen Jungen, der sich wehrt, von der Mutter geküsst zu werden. Darauf habe ich so viele Briefe erhalten von Müttern, die sich bei mir bedankten, dass sie jetzt endlich ihren Bub verstehen konnten. Das war schon auch autobiographisch. aber ich bin für meine Mutterliebe sehr dankbar, sonst wäre ich nicht das, was ich bin”. Wenn man mit und über Tomi Ungerer spricht, kann man seine satirischen und erotischen Arbeiten für die Erwachsenen nicht ausklammern. Sie haben in ihren Karikaturen menschliche Sehnsüchte und Begierden ironisch, mitunter sarkastisch glossiert und dabei die Pornographie gestreift.....Gedanken sind gottlob frei, aber wenn man sie konkretisiert, legt man sie in Ketten, oder? „Ja, wissen Sie, wenn man die Pornographie anklagt, dann muss man die Pornographie auch zeigen und benützen. Besonders die Feministen vor vielen Jahren, haben das total missverstanden. Zum Beispiel mein Buch über die Mechanisierung des Sexes, das ist fast ein klinisches Buch. Das sind Symptome. Wenn man die Symptome unserer Zeitalters und die perverse Welt zeigen will, dann müssen auch die Zeichnungen über diese Perversität gezeigt werden”. Es ist Ihnen vorgeworfen worden, dass Sie dabei die Frauen diskriminieren. „Nein, dann wäre ich nicht verheiratet. Genau im Gegenteil: schon damals in New York, war ich einer der ersten, die die Frauenbewegung unterstützt haben. Ich war besonders für die Rechte der Frauen sehr engagiert”. Gibt es Dinge, an die Sie glauben, oder an denen Sie nicht zweifeln? „Ja, ganz einfach. Das ist der gute Wille. Und der Respekt vor den anderen, die Menschen zu nehmen, wie sie sind. Der gute Wille, ist etwas sehr, sehr wichtiges.” Es ist eine der großen Grundfragen der menschlichen Existenz überhaupt: hat der Mensch eine Seele und was passiert mit ihr nach dem Tod? „Ja, das ist die große Frage. Und da muss ich sagen: Ich glaube, der Mensch ist viel zu neugierig, er will alles erklären, alles wissen, der Mensch hat seine Arroganz, anstatt einfach zu akzeptieren und zu warten. Mit seinem Gewissen, natürlich. Aber die Seele….wissen Sie, ich habe eine Erfahrung gemacht: ich war so jung, als mein Vater gestorben ist. Ich habe immer dieses Gefühl gehabt, dass er mir alles gegeben hat, alle seine Talente. Und in meinem ganzen Leben, in schlimmeren Zeiten, habe ich ihn immer an meiner Seite gespürt. Gäbe es so ein Gefühl, wenn es keine Seele geben würde? Ich habe Ihnen schon gesagt, mein Zweifeln ist positiv. Also, warum soll es sie nicht geben”? Sie sind Botschafter des Europarates für Jugend und Erziehung. Wie lautet Ihre Botschaft für die Kinder – wie für die Erwachsenen? „Meine Botschaft für die Kinder ist, dass es im Leben immer wieder die Möglichkeit gibt, sich zu verbessern und aus seinem Leben ein Erfolg zu machen. Und der Mensch muss lernen, seine Ängste überwinden zu können. In meinen Kinderbüchern haben die Kinder nie Angst. Die Erwachsenen ja, aber die Kinder nicht.” Gibt es Dinge, die man nicht sagen, sondern nur zeichnen kann? „Man kann manchmal mit ein paar Strichen eine ganze Philosophie auf’s Papier legen. Das kann manchmal viel stärker wirken als viele Seiten in einem Buch”. Wenn man Sie nach Ihrem Innersten fragen würde, als was würden Sie sich am ehesten bezeichnen? „Als Sucher, ich bin ein Sucher. Und das ist viel Arbeit, viel Arbeit”. (rv 06.11.2011 ap)
Adolph Kolping versuchte, die Christen aus ihrer Trägheit aufzurütteln und sie an ihre Verantwortung für die Welt zu erinnern. Für ihn war das Christentum in erster Linie für den Alltag und für die Gestaltung der gesellschaftlichen Wirklichkeit gedacht. Die Lebensräumen, in denen sich die menschliche und christliche Berufung zu erfüllen hat, sind für ihn: die Familie, die Kirche, der Beruf und die Politik. Das sagte Papst Johannes Paul II. bei der Seligsprechung von Adolph Kolping am 27. Oktober 1991 in Rom. Mit dieser Seligsprechung bestätigte der Papst vor aller Welt feierlich, was er bei seinem ersten Deutschlandbesuch am 15. November 1980 am Grab des "Gesellenvaters" in der Minoritenkirche in Köln sagte: " Solche Leitbilder wie Adolph Kolping brauchen wir für die Kirche von heute." Am 8. Dezember 1813 in Kerpen geboren, wuchs Adolph Kolping in bescheidenen Verhältnissen auf und erlernte das Schuhmacherhandwerk. Er wanderte wie andere Gesellen damals, von Ort zu Ort. Doch Adolph Kolping hatte andere Pläne. Mit 23 Jahren wagte er den ungewöhnlichen Schritt und besuchte das Marzellengymnasium in Köln. Nach Ablegen der Reifeprüfung, studierte er Philosophie und Theologie. Zum Priester geweiht, lernte er den in Elberfeld gegründeten Gesellenverein kennen. In diesem Zusammenschluß der Gesellen erkannte er ein geeignetes Mittel zur Bewältigung sozialer Probleme junger Menschen. Am 6. Mai 1849 gründete er in Köln mit sieben Gesellen ebenfalls einen katholischen Gesellenverein, der sich später zum Mittelpunkt einer großen, weit verzweigten Gemeinschaft entwickelte. Sein Anliegen war: "Sozialer Wandel durch Veränderung der Menschen." Durch viele Reisen und unermüdlichen Einsatz gelang es Adolph Kolping, Idee und Praxis seiner Gemeinschaft bis an die Grenzen Europas und sogar bis nach Übersee zu verbreiten. In seinem letzten Lebensjahr gab es bereits 420 örtliche Gesellenvereine - heute Kolpingsfamilien genannt - in Europa und Nordamerika. Am 4. Dezember 1865 starb Adolph Kolping, geschwächt durch rastlosen Einsatz und geringe Rücksichtnahme auf seine angegriffene Gesundheit.Heute umfaßt das internationale Kolpingwerk rund eine halbe Million Mitglieder. Wir sprechen heute mit dem Generalsekretär des internationalen Kolpingwerkes, Hubert Tintelott, der dieser Einrichtung seit 1973, also seit beinahe 40 Jahren, vorsteht. Herr Tintelott, Adolph Kolping stammte aus ärmlichen Verhältnissen, arbeitete viele Jahre als Schustergeselle und wechselte dann nach seinem Theologiestudium in den Priesterstand – mit weitreichenden Folgen. Er wurde Wegbereiter für die katholische Sozialbewegung und Soziallehre. Welches Leitbild markiert den Aufbruch des Kolpingwerkes ins 21. Jahrhundert? „Adolph Kolping hat sich seinerzeit der Lösung der sozialen Frage seiner Zeit zugewandt. Das war die Situation, wie er sie in Wuppertal-Elberfeld kennen gelernt hatte. Eine Stadt damals, die groß von industrieller Produktion geprägt war, Webereien entstanden und damit wurden die Weber, die Handweber ins Abseits gedrängt und der Handwerkerstand verarmte. Das war die soziale Frage der damaligen Zeit, des 19. Jahrhunderts. Kolping wollte zur Lösung dieser sozialen Frage einen Beitrag leisten und – wie man das heute in Geschichtsbüchern nachlesen kann – er hat das auch getan. Was wir heute tun ist, wir greifen diese soziale Frage nicht nur innernationalen Kontext auf, sondern wir stellen uns der internationalen sozialen Frage, das heißt der Spannung in der Welt zwischen arm und reich, zwischen Industrieländern und Entwicklungsländern, wie sie in „Popolo in Progressio“ beschrieben sind. Das internationale Kolpingwerk hat einen wichtigen Impuls aus dieser Encyclica bekommen, weil dort steht, dass die soziale Frage des vorigen Jahrhunderts sich zu einer internationalen sozialen Frage entwickelt hat. Seit dieser Zeit bemüht sich das Kolpingwerk auch auf diese internationale soziale Frage eine Antwort zu finden.“ Adolph Kolping hat gesagt, „die Nöte der Zeit werden euch lehren, was zu tun ist“. Insoweit sind auch die Aufgaben und Arbeitsschwerpunkte des Kolpingwerkes dem Wandel unterworfen, Sie sagten es eben. Bei allem heutigen Handeln ist dabei die Zukunft in den Blick zu nehmen. Wie laufen die Schwerpunkte dazu? „Ich glaube die Schwerpunkte sind eigentlich sehr gleich geblieben wie damals zur Zeit Adolph Kolpings. Adolph Kolping wollte den engagierten Christen, der aus seinem Glauben heraus versucht, die Welt mitzugestalten. Er wollte den verantwortungsbewussten Vater, die verantwortungsbewusste Mutter, er wollte den engagierten Staatsbürger und er wollte denjenigen, der in seinem Beruf tüchtig war und etwas leisten konnte. Und er wollte mithelfen durch seinen Verband – durch den Gesellenverein damals und wie heute durch das Kolpingwerk – dass die Mitglieder, unsere Mitglieder in diesem Lebensbereich befähigt werden, wie sie dort ihr Christsein leben können: als Vater und Mutter, als Staatsbürger, in der Arbeitswelt, in allen Bereichen soll unser Christsein in unserem Handeln durchscheinen. Die Mitglieder dazu zu befähigen, durch Bildungsarbeit, Seminare und andere Aktivitäten, bleibt die wichtigste Aufgabe des Kolpingwerkes heute. Hinzu kommt als zweites, dass wir den Mitgliedern Lebenshilfen anbieten wollen, das heißt wir helfen ihnen bei der Bewältigung ihrer sozialen Probleme, bei der Bewältigung ihres Lebensalltags. Und als drittes wollen wir einen Beitrag zum Allgemeinwohl leisten, indem wir gesellschaftliche Aufgaben übernehmen als lebendiger Teil der Zivilgesellschaft.“ Herr Generalsekretär, Europa befindet sich zur Zeit in einer der wohl schwierigsten Finanzkrisen seit Bestehen der EU. Kann das Kolpingwerk Leitlinien aufzeigen, die aus dem aktuellen wirtschaftlichen Turbulenzen führen können? „Ob wir in der Lage sind, hier große Leitlinien aufzuzeigen, die die Rettung des Euroraums unterstützen könnten, das wage ich zu bezweifeln. Aber wir sind natürlich sehr interessiert daran, dass wir in der Wirtschaft- und Finanzwelt zu Regeln kommen, die der katholischen Soziallehre entsprechen. Wir orientieren uns bei all unserem Handeln an der katholischen Soziallehre und holen daraus unsere Impulse. Wir sind also zum Beispiel davon überzeugt, dass das Leitbild, das heute die Wirtschaft beherrscht – immer größeres, immer mehr Wachstum – dass das auf Dauer kein Leitbild sein kann, das trägt. Wir haben immer vor einem Kapitalismus ohne Adjektive gewarnt, also einem reinen, puren Kapitalismus, der die soziale Dimension außen vor lässt. Ich denke, was dringend erforderlich ist – dazu hat das Kolpingwerk sich schon mehrfach geäußert – wir werden in Rom, wenn wir dort unsere Generalratstagung haben, die Einführung einer Finanztransaktionssteuer fordern und das politisch verabschieden. Das sind also Wege, dass auch die Finanzmärkte stärkeren Regeln unterworfen werden müssen, damit diese Turbulenzen, wie sie zur Zeit auf den Finanzmärkten existieren und die zu den Problemen auch in der Realwirtschaft führen, überwunden werden können.“ Die Gemeinschaftsstiftung Kolpingwerk hat sich die Aufgabe gestellt, die vielfältigen sozialen, kirchlichen, Völker verständigenden Jugend- und Altenpflegerischen sowie Erziehungs- und Bildungsaufgaben des Kolpingwerkes zu unterstützen und langfristig finanziell abzusichern. Ist das bis jetzt gelungen? Mit welchen Gefühlen schauen Sie auf diesem Gebiet in die Zukunft? „Ich denke es ist im hohen Maße gelungen, die Mitglieder zu motivieren, sich als ein solidarisches, internationales Netzwerk zu verstehen. Das heißt, die Mitglieder sind weltweit miteinander verbunden. Wenn in irgendeinem Teil der Welt, beispielsweise durch Naturkatastrophen Probleme auftauchen, sind die Mitglieder der anderen Teile der Welt hier solidarisch und helfen. Darüber hinaus kann man sagen – was Sie eben schon einmal zitiert haben – die Nöte der Zeit werden euch lehren, was zu tun ist. Dass das Kolpingwerk in den unterschiedlichsten Strukturebenen auf örtlichen, diözesaner, nationaler Ebene sehr sensibel darauf reagiert, wo neue Probleme, neue Nöte entstehen und dafür auch versucht, angemessene Antworten zu finden. Wir können nun sagen, dass es in vielen Teilen der Welt beispielhafte Antworten auf konkrete soziale Nöte gibt, angefangen mit Gesundheitszentren über Mikrokredit- und Ausbildungsprogramme, über Ausbildungsprogramme im handwerklichen Bereich und im ländlichen Entwicklungsprogramme. Alle gesellschaftlichen Probleme, die uns zur Zeit bedrängen, werden von Kolpingfamilien thematisiert, aufgegriffen und man arbeitet mit an der Lösung durch solche Programme und ich denke, die Gemeinschaftsstiftung hat mit dazu beigetragen, dass die Mittel dazu zur Verfügung stehen und wird – Gott sei Dank – auch von den Mitgliedern sehr stark unterstützt, damit diese Mittel immer wieder bereit stehen.“ Die Kolpingfamilie von heute, Herr Tintelott, ist nicht mehr der katholische Gesellenverein von einst. Das gegenwärtige Kolpingwerk weist in seinen Strukturen und Aktivitäten selbstredend andere Akzente auf als der Verband in früheren Zeiten. Umso spannender ist es, sich mit der Geschichte des Verbandes eingehend auseinanderzusetzen. Welche würden Sie dabei als die wichtigsten Etappen aufzählen? „Ich denke, wichtig ist immer wieder die Rückbesinnung auf unseren Gründer. Wir nennen uns nicht ohne Grund Kolpingwerk, was ja einen starken Bezug zu unserem Gründer signalisieren soll. Wenn man immer wieder in die Geschichte und auch in das Leben von Adolph Kolping und seine Schriften schaut, ist man immer wieder erstaunt, welche Tiefe diese Aussagen haben und wie allgemeingültig sie sind. Unabhängig von der Zeit, in der sie geschrieben sind, aber auch unabhängig vom Kulturkreis, man kann sie weithin anwenden. Die wichtigste Etappe ist dann eigentlich das Jahr 1968, als das Kolpingwerk sich entschieden hat, sich der internationalen sozialen Frage zu stellen. Bis dahin war das Kolpingwerk eigentlich ein deutschsprechender Verband, also nur auf Deutschland, Österreich, Schweiz, Südtirol und deutschsprachige Auswanderer begrenzt. Aber seit 1968 hat sich der Verband geöffnet und aus dieser Zeit kam dann auch die Entwicklung, die heute dazu geführt hat, dass wir in 61 Ländern vertreten sind. Sie haben zu den deutschsprachigen Ländern auch Südtirol genannt. Gibt es dort etwas, das Sie als Generalsekretär des internationalen Kolpingverbandes spezifisch sagen könnten? „Das Kolpingwerk in Südtirol hat sich in besonderer Weise dazu verpflichtet gefühlt, den jungen Menschen eine Unterkunft anzubieten, wenn sie aus den Dörfern zur schulischen und beruflichen Weiterbildung in die Städte müssen. Damit ist das Kolpingwerk Südtirol einer Aufgabe verbunden geblieben, die das Kolpingwerk von Anfang an aufgegriffen hat. Nämlich Jugendwohnen anzubieten, und zwar in einem Umfeld, das den jungen Menschen entspricht, was modern ist, andererseits aber auch in dem Wohnumfeld bestimmte Werte vermittelt. Ich glaube das Kolpingwerk Südtirol gehört heute mit zu den größten Trägern für Jugendwohnen in Südtirol und bringt in dem Bereich beispielhafte Leistungen. Nicht zu vergessen ist aber auch das Engagement des Kolpingwerk Südtirol für internationale Projekte. Hier hat der Verband in den letzten Jahren wirklich Beispielhaftes geleistet.“ Noch einmal einen Blick in die Vergangenheit. War die offizielle Kirche oder sagen wir ein Teil der kirchlichen Hierarchie immer einverstanden mit den Ideen und dem Wirken Adolph Kolpings? War da nicht auch Skepsis vorhanden, weil ihr Kolpingsgesellenverein vielleicht zu weltlich erschien, sich zumindest zu viel mit weltlichen und zu wenig mit religiösen Dingen befasste? Kolpings Gesellenverein war ja ein durchaus aus Laien bestehende Organisation. „Das war schon ein Problem zu Zeiten Kolpings. Schon Adolph Kolping hat sich schwer getan, Mitbrüder zu gewinnen, die die Notwendigkeit gesehen haben, dass die Kirche in die Gesellschaft hineinwirkt, dass sie gesellschaftliche Aufgaben aufgreift und dafür auch Laienstrukturen nutzt. Bis heute ist das ein Problem. Nicht immer finden wir Priester und auch Bischöfe, die diesen Ansatz unseres Verbandes unterstützen, dass Laien aus eigener Verantwortung soziale Aufgaben definieren, die sie lösen wollen und dass sie sich dann auch für die Lösung dieser Aufgaben engagieren. Das ist immer wieder ein durchaus nicht ganz leidfreies Miteinander, weil es immer wieder die Situation gibt, dass man einfordert, dass wir uns verstärkt auf spirituelle Aktivitäten konzentrieren sollen und müssen. Allerdings denke ich haben wir über die Geschichte hinweg bei Kolping eine gute Balance gefunden. In jedem unserer Vorstände ist als Vertreter der Hierarchie ein Priester mit eingebunden, sodass wir eigentlich immer in der Mitte der Kirche gestanden sind und nie extrem links oder rechts bzw. nur spirituell oder nur sozial, sondern immer wieder versucht haben, beide Seiten angemessen in unseren verbandlichen Aktivitäten einzufangen. Uns geht es um die ganzheitliche Entwicklung des Menschen und dazu gehört sowohl seine spirituelle Entwicklung, aber auch seine Entwicklung im Hinblick auf Partizipation in der Gesellschaft, im Hinblick auf seine materielle Situation.“ Die Namen der Personen, die Kolpings Lebenslauf begleiten, sind hochrangig. Nennen wir Joseph von Görres zum Beispiel, den Kunsthistoriker Ignaz von Döllinger, sein Beichtvater Prof. Windischmann, woher oder von wem erhielt der junge Adolph Kolping die wirklich entscheidende Prägung zu seinem späteren Lebenslauf? Waren es auch seine Eltern? „Seine Eltern und vor allem seine Mutter, die er auch in einem Gedicht hoch gerühmt hat, haben sicherlich einen wesentlichen Anteil daran, bei Adolph Kolping die Frömmigkeit zu Grunde zu legen. Seine tiefe Verbundenheit mit Gott, mit Jesus Christus kommt ohne Zweifel aus seinem Elternhaus. Dann ist eigentlich, was sein späteres Wirken angeht, für ihn der Kontakt mit den Menschen die Lebensschule gewesen. Die Lehrer haben ihn sicherlich geholfen, sich akademisch zu entwickeln – und er wollte ja eigentlich akademischer Lehrer werden. Er war nicht unbedingt darauf erpicht, Sozialreformer zu werden, wie er das später geworden ist. Erst durch den Kontakt mit den sozialen Nöten der Menschen in Wuppertal, wo er Kaplan war, hat er seine eigentliche Berufung gefunden. Dass das ein kontinuierlicher Weg gewesen ist vom Schuhmachergesellen zum Vater der Handwerker, wie das manchmal beschrieben wird, das entspricht nicht ganz der Wirklichkeit. Denn eigentlich hat er nach seiner Lehre einen Weg aus der sozialen Not heraus finden wollen, die er als Handwerksgeselle erlebt hatte. Er wollte akademisch etwas leisten und erst die Konfrontation mit den Problemen im Wuppertal, die Not der Gesellen, die er dort gesehen hat, hat ihn dann motiviert zu sagen, ich muss mich dieser Aufgabe zu wenden und dafür bin ich eigentlich auch gut ausgestattet, weil ich die Not der Menschen persönlich kennen gelernt habe.“ Eine letzte Frage. Ich möchte Sie noch an diesem 20. Jahrestag der Seligsprechung, Herr Tintelott, um ein Schlusswort bitten, das sowohl die Bedeutung Adolph Kolpings in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft stichwortartig zusammenfasst. Anders gefragt, wer war Adolph Kolping, wer ist Adolph Kolping und wer wird Adolph Kolping in Zukunft sein? Ein Heiliger? „Ich denke Adolph Kolping war für die Menschen seiner Zeit das, was man ihm als Ehrentitel gegeben hat: Vater Kolping. Er war also eine große Vaterfigur für die Menschen der damaligen Zeit, für die Gesellen, die ihn persönlich kennen gelernt haben. Er war ihnen Richtschnur und Vorbild und das ist er glaube ich, bis heute für viele Mitglieder im Kolpingwerk geblieben. Wer in sein Leben hineinschaut wird immer wieder feststellen können: Ich kann mich am Lebensbeispiel Adolph Kolpings aufrichten, ich kann aus seinem Lebensbeispiel für mich als Christ auch heute Perspektiven gewinnen. Er war eben kein Heiliger, der auf dem Sockel gestanden hat, sondern er war mitten im Leben. Er hat Freud und Leid mit den Menschen geteilt, er hat Dankbarkeit erlebt, aber auch Undankbarkeit. Er hat Rückschläge hinnehmen müssen, eben alles, was zu einem menschlichen Leben dazugehört. Im großen Gottvertrauen hat er immer wieder diese Probleme gemeistert. Ich denke, das muss für uns als Kolping-Mitglieder das Zeichen sein. Wir nennen ja unsere Wallfahrt „Auf dem Weg zur Heiligkeit“. Damit meinen wir nicht nur die Heiligsprechung Adolph Kolpings, sondern dass wir alle uns selbst auf den Weg zur Heiligkeit machen müssen und dabei an Adolph Kolping Maß nehmen können, sowohl in seinem Gottvertrauen und seiner Orientierung an Jesus Christus, wie aber auch in seiner Offenheit für die sozialen Probleme der Menschen in seinem Umfeld. Ich denke diese beiden Dinge sind die Leitschnur, an der wir uns immer wieder ausrichten müssen. Die Nöte der Zeit werden uns lehren, was zu tun ist. Adolph Kolping kann uns dabei eine gute Richtschnur sein.“ (rv 16.10.2011 ap)
Otto von Habsburg - Kaisersohn, Abgeordneter und glühender Europäer Er war nicht nur der älteste Sohn des letzten Kaisers von Österreich und Ungarn – sondern vor allem mit Leib und Seele Europäer: Otto von Habsburg ist vor drei Monaten mit 98 Jahren gestorben. Wir bringen ein Interview mit Otto von Habsburg, das er Radio Vatikan anlässlich seines 90. Geburtstags gewährte. Wäre die Geschichte anders verlaufen, verehrte Hörerinnen und Hörer, wäre Dr. Otto von Habsburg heute Kaiser von Österreich und König von Ungarn. Aber die Geschichte kennt das Wort „wäre“ eben nicht. Otto von Habsburg Lothringen wurde am 20. November 1912 als ältester Sohn des letzten Kaisers von Österreich, Karls des I. in der Villa Wartholz bei Reichenau in Niederösterreich geboren. Schon als junger Akademiker vertrat Otto von Habsburg auf vielen politischen Ebenen den Gedanken einer Einigung Europas auf christlicher Grundlage. Erst im Jahre 1961 verzichtete er offiziell auf seine Thronansprüche. Otto von Habsburg, dem wir für dieses Geburtstagsgespräch herzlich danken, ist Präsident der Paneuropäischen Union und war langjähriges Mitglied des europäischen Parlamentes in Brüssel. Herzlich Willkommen, Herr Dr. von Habsburg. Ihr Schicksal ist lebendige Geschichte, europäische Geschichte. Was bedeutet es heute, den Namen Habsburg zu tragen? „Es ist eine Herausforderung an jeden. Wenn man die Geschichte ein bisschen studiert, hat man gesehen, dass das Haus Habsburg speziell seine großen, bedeutenden Figuren tatsächlich in Europa etwas zusammen gehabt hat. Sie haben eine Linie, eine Idee gehabt und da ist es selbstverständlich, dass man das versucht einzubringen und gleichzeitig aber auch schon diese Ideen auf die moderne Zeit einzustellen, denn das ist ja unsere Aufgabe.“ Als ältester Sohn des letzten Kaisers von Österreichs und Königs von Ungarn hätten Sie Anspruch auf die Krone des bedeutendsten europäischen Herrscherhauses gehabt. Es kam aus politischen Gründen nicht dazu. Herr Dr. von Habsburg, wie kann ein so gravierendes Ereignis innerlich überwunden werden. „Es ist gar nicht schwer, wenn man die Krone als eine Aufgabe sieht. Ich glaube, dass Monarchie und Republiken immer sein werden, dass sie immer wieder wechseln werden – das hängt von der Situation ab. Aber auf der anderen Seite, in meiner Zeit eine andere Aufgabe ist, die wesentlich wichtiger ist, das ist die europäische Einigung herbeizuschaffen und zweitens, in dieser europäischen Einigung einige grundsätzliche Ideen einzubringen. Denn dass dieses Europa, man braucht nur ein bisschen mit unserer Kultur zu tun zu haben, ohne seine christliche Substanz nicht existieren kann, ist vollkommen klar.“ Wir kommen auf das Europa sicher noch zurück. Herr Dr. von Habsburg, gibt es eine Episode in Ihrer Jugend, wo Sie diesen Verzicht besonders gespürt haben? „Eigentlich wenige. Es ist so langsam gegangen, meine Eltern haben etwas getan, was bei Ihnen zweifelsohne nicht leicht war und was sie mit wirklicher innerer Überzeugung getan haben. Sie haben uns Kinder, wir waren ja immer mehrere, förmlich abgeschirmt gegen die Ereignisse. Ich will Ihnen ein praktisches Beispiel sagen. Damals, im Winter 1918/1919, da waren wir in Ekhardsau. Die Ereignisse vom November 1918 waren vorbei, aber man hat noch nicht gewusst, wohin es geht, es ist eine sehr kritische Zeit gewesen, wir hatten das Land noch nicht verlassen. Da sind einmal ein paar Offiziere zu meinem Vater gekommen, der sie auch dann vor mir beim Essen gehabt hat. Einer von denen hat begonnen, unsagbar gegen die Juden zu schimpfen, weil ja in der österreichischen Regierung damals eine Mehrheit von Juden war. Und da habe ich zum ersten Mal gesehen, wo mein Vater wirklich zornig geworden ist und ihm gesagt hat, er soll davon nicht reden, denn die Juden seien genauso unsere Landsleute, wie es dir anderen sind. Und das sind solche Sachen, die man dann auf das Leben bewahrt.“ Sie haben als bereits 26jähriger Österreich im Jahr 1938 beim Anschluss zum entschlossenen Widerstand gegen die Nazis aufgefordert. Auf was war diese Weitsicht gegründet, sie waren ja auch noch jung? „Schauen Sie, das war keine Weitsicht. Es war einfach die Tatsache, ich habe in meinem Leben immer sehr viel Glück gehabt. Immer an den interessanten Momenten am richtigen Ort zu sein. Ich habe damals den Vorteil gehabt, dass ich die drei letzten Monate der Weimarer Republik in Berlin miterlebt habe. Ich habe damals an meiner Doktoratsarbeit gearbeitet, an der Dokumentation an der Berliner Universität. Ich habe mich daneben für die Politik interessiert und mit vielen führenden Politikern gesprochen, außer mit Hitler. Der wollte zweimal mit mir sprechen, ich habe das abgelehnt, aus dem praktischen Grund, weil ich das Gefühl hatte, dass Hitler mich nur vor seinen Karren spannen will. Aber ich habe „Mein Kampf“ gelesen. Es war zwar sehr schwer, denn es ist in einem scheußlichen Deutsch geschrieben gewesen, und ich habe immer – das hat mir schon meine Mutter eingebläut – ein Gefühl für Stil und Sprache gehabt. Daher war es für mich nicht leicht, „Mein Kampf“ zu lesen. Aber „Mein Kampf“ war doch alles gesagt, ich meine wenn die Chemberlains und so weitervon damals gelesen hätten, was Hitler gesagt hat, sie wären nie überrascht gewesen, es war ja alles gesagt. Ich habe das erlebt. Ich habe außerdem in der Agonie der Weimarer Republik die Tatsache erlebt, dass das, was man heute immer wieder erzählt, dass die Republik ermordet worden sei, ein absoluter Unsinn ist. Die Republik hat Selbstmord begangen. Wenn damals das katholische Zentrum und die Sozialdemokraten bereit gewesen wären, die Regierung von General Schleicher zu unterstützen, wäre Hitler niemals an die Macht gekommen.“ Wenn man Ihre Biographie liest und ich habe sie mit großem Interesse gelesen, dann bin ich auch noch auf etwas gestoßen. Sie hielten sich in jenen Jahren – 1938 – in Paris auf und hatten dort Anteil an einer Hilfsaktion, bei der rund 10.000 Juden vor dem Zugruf der Deutschen gerettet werden konnten. Was war die Triebfeder zu der für Sie wahrscheinlich lebensgefährlichen Aktion? „Die Triebfeder war ganz einfach, das waren doch meine Landsleute. Meine Landsleute haben ein Recht darauf, dass ich, der Sohn des Kaisers bzw. Sohn des Königs in Ungarn, mich für ihre Interessen voll und ganz einsetze. Das war so selbstverständlich, da hatte es für mich überhaupt keinen Zweifel gegeben. Diese Leute mussten gerettet werden, denn man genau gewusst, was ihnen passieren wird. Ich möchte das noch einmal sagen: viele Sachen werden mir als Verdienst angerechnet, die kein Verdienst sind, sondern die aus der Tatsache gekommen sind, dass ich immer wieder das Glück gehabt habe, dort zu sein, wo es notwendig war. Sie waren einer jener Politiker, Herr Dr. von Habsburg, der relativ früh auch das Ende des Kommunismus vorhergesagt haben. Und damit wiederum politische Weitsicht bewiesen haben. Hat Europa diese Chance, die ihm eigentlich unverhofft in den Schoß gefallen war, bisher richtig genutzt? „Leider nicht. Das ist es genau, Sie haben aber auch schon auf den Grund hingewiesen, die Chance ist unverhofft gekommen. Es hat einen Mann gegeben, der entscheidend gewesen ist, das war Ronald Reagan. Ich habe mit Ronald Reagan gesprochen, lange bevor er Präsident geworden ist. Er war Gouverneur von Kalifornien. Wir haben damals über Russland gesprochen und er hat mir damals gesagt, Russland ist tot – durch den Kommunismus. Es weiß es nur noch nicht. Unsere ganze Aufgabe wird sein, es zu zwingen, noch eine letzte Anstrengung zu machen, dann fällt es um. Und das ist genauso eingetreten, darum sein ganzer, von allen Idioten hier in Europa kritisierter Kampf der Sterne. Das war das einzige Mal, dass ein Rüstungsprogramm zum Frieden und nicht zum Krieg geführt hat. Und außerdem dürfen wir auch etwas zweites nicht vergessen: Wir haben einen heiligen Vater gehabt. Er hat ja bei uns weitgehend unterschätzt, die Wahl des heiligen Vaters in seinem Wirken auf die Kommunisten, auf die Länder, in denen der Kommunismus geherrscht hat. Denn das ist denen wie ein Donnerschlag gewesen, zum einen ein Slave auf dem Thron Petri, zweitens ein Mann, der unter ihnen gelebt hat und sie gekannt hat. Der daher vor ihnen nicht die Angst gehabt hat, die die Westlichen gehabt haben.“ Welche Note würden Sie in diesem Zusammenhang Michail Gorbatschow geben? „Also ich bin nicht für ihn, aus einem Grund, man ist irgendwo ehrlich. Er ist Kommunist heute, genauso, wie er es war. Er ist hoch intelligent, das ist eine Tatsache, dafür kann man ihn achten. Aber er hat auch alles gemacht, um den Kommunismus zu retten. Er war nur intelligent genug. Wenn das zu Zeiten von Breschnew geschehen wäre, wäre natürlich auch eine größere Schießerei ausgebrochen. Am Schluss wäre der Leidtragende sein eigenes Land gewesen, während dadurch, dass er es verstanden hat, zeitgerecht nachzugeben, außerdem dadurch, dass er die Partnerschaft mit Kohl gefunden hat – der ein ganz unterschätzter und sehr großer Mann war. Er war sozusagen der Dritte im Bund: Reagan, der heilige Vater und Kohl, das waren die, die uns die Freiheit gebracht haben.“ Sie haben politische Ziele und Bestrebungen mit Leidenschaft auf die Einigung Europas gesetzt. Ist ein Teil Ihres Traums schon in Erfüllung gegangen? „Dass ein Teil meines Traumes noch in der Zukunft liegt, ist vollkommen klar. Ich werde es nicht mehr sehen, aber die Erweiterung kommt, die Erweiterung wird lebenswichtig sein, wir werden unbedingt diese europäische Union zu einer großen europäischen Friedensmacht machen, wir kommen in ein Zeitalter der Supermächte, und in den Supermächten hat Europa eine ganz große Rolle, wenn es auf der Höhe dieser Rolle ist. Ich werde es nicht mehr sehen und die meisten Leute, die heute leben, werden es nicht mehr sehen. Man hat auch, um die Vereinigten Staaten zu schaffen, 200 Jahre gebraucht. Europa muss wachsen wie ein Baum, es darf nicht hergestellt werden wie ein amerikanischer Wolkenkratzer.“ Ebenso haben Sie ein christlich geprägtes Europa, Herr Dr. von Habsburg, zu Ihrem Junktim erhoben. Wie sehen Sie die Chance des Christentums heute? Wir es seine kulturprägende Kraft von einst wieder ins Spiel setzen können oder wird es an Bedeutung verlieren? „Ich glaube erstens, wir haben alle Chancen, die möglich sind. Wir müssen uns aber einsetzen. Meine Kritik an gewissen offiziellen Seiten des Christentums ist, dass man die Möglichkeiten, die geboten werden, nicht voll ausnutzt. Wir müssen endlich den Mut haben, offener einzutreten. Hierzu möchte ich speziell eine Sache sagen, die für mich eine Herzensangelegenheit ist. In der Vergangenheit war es selbstverständlich, dass man von Gott gesprochen hat. In den islamischen Ländern, mit denen ich mit Freundschaft verbunden bin, wird immer von Gott gesprochen. Kein Mohammedaner würde sich trauen, eine größere Reden anzufangen, ohne zuerst zu sagen: Im Namen Gottes, des Allmächtigen und Barmherzigen. Wer bei uns spricht noch davon? Wir müssen wieder davon sprechen. Wir haben jetzt diese Sache der Tendenz, zum Beispiel das Angelus-Läuten einzustellen, aus Rücksicht auf den Fremdenverkehr. Dabei ist das Angelus-Läuten eines der wichtigsten Zeichen, wie oft würde ich nicht an den Angelus denken, wenn nicht die Glocken läuten würden. Die Wegkreuze, die müssen uns auch wieder einmal an Gott erinnern und diese Wegkreuze fallen langsam weg. Diese äußeren Symbole müssen wir uach wieder größer schreiben und wir müssen uns trauen, auch als christliche Politiker in unseren Reden auch über Gott zu reden. Denn schließlich ist Gott nicht eine Nebensache, sondern eine Hauptsache. Das müssen wir einfach durchsetzen, das hängt von uns ab. Da ist die ganz große Aufgabe der christlichen Laien. Die müssen sich endlich trauen, wesentlich lauter zu sprechen. Sie sollten da beim Islam in die Schule gehen.“ Sie haben als Abgeordneter, als Politiker und als Publizist jahrzehntelang Botschaften an die Menschen gerichtet. Welche Botschaft vermitteln Sie heute zu Ihrem 90. Lebensjahr an sie? „Also als allererste Aufgabe natürlich, in der europäischen Politik die Erweiterung. Denn wir dürfen nicht vergessen, je weiter es uns gelingt, die Grenzen der Freiheit nach Osten zu verschieben, desto größer wird die Sicherheit des Mittleren und des Westens sein. Aber ganz abgesehen davon ist es auch kulturell von entscheidender Bedeutung, dass wir das weiter hinaus tragen. Wir müssen wieder einen missionarischen Geist haben und nicht ständig zufrieden am Ofen sitzen und uns zu wärmen.“ Wenn wir uns zum Abschluss gemeinsam im Spiegel anschauen, Herr Dr. von Habsburg, wie sieht sich da Otto von Habsburg selbst? „Sagen wir, ich habe in meinem ganzen Leben vielleicht eines getan, ich bin nie von der Linie abgewichen, die ich gehen sollte, und das ist ein gutes Gefühl. Denn man hat eine Pflicht gegenüber Gott, gegenüber den eigenen Landsleuten. Ich arbeite sehr gerne, ich sehe große Aufgaben für uns und diese Aufgaben machen das Leben wirklich sinnvoll. Ich denke oftmals, wenn ich jetzt 90 Jahre alt werde, wenn ich zurück blicke, hat das ganze einen Sinn gehabt. Und wie wenig Leute haben die Chance, das davon zu sagen. Daher kann man Gott nicht genug dankbar sein, dass er einem einen Sinn gegeben hat.“ (rv26.09.2011 ap)
Das Leben und das Werk William Shakespeares ist seit Jahrhunderten ein permanentes Faszinosum. Im Leben dieses genialen Dichters gibt es aber noch immer viele Rätsel. Die wichtigsten davon sind durch Hildegard Hammerschmidt-Hummel gelöst worden: so konnte die rennomierte Professorin für englische Literatur und Kulturwissenschaft an der Universität in Mainz verbindlich nachweisen, dass William Shakespeare Katholik im Untergrund war. Mit ihren präzisen kulturhistorischen Recherchen, ihrer Erschließung neuer Quellen und ihrer Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachrichtungen, darunter auch Kriminologie, die zu neuen Erkenntnissen über Shakespeares Aussehen, seine Religionszugehörigkeit und die zeitgeschichtlichen Entstehungsbedingungen seiner Werke führten, erwarb Hildegard Hammerschmidt-Hummel internationales Ansehen. Die im folgenden unterbreiteten Erkenntnisse gelten als revolutionär.
Walter Pichler ist einer der bedeutendsten visionären Künstler der Gegenwart. Geboren wurde er vor 75 Jahren in Deutschnofen, im Eggental in Südtirol. Seine Familie wanderte im Zuge der Option nach Österreich aus. Nach seinem Abschluss an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien folgten Aufenthalte in Paris, New York und Mexiko. 1972 erwarb Pichler einen alten Bauernhof in St. Martin im südlichen Burgenland, wo er bis heute lebt und arbeitet. Hier verbringt er mehr Zeit als in seinem Atelier in Wien, hier schafft er eine ideale Umgebung für seine Skulpturen. Diese werden grundsätzlich nicht verkauft, sondern Walter Pichler baut für sie eigene Häuser. Der Künstler schickt seine Werke nur ungern zu Ausstellungen auf Reisen. Eine weitere Besonderheit Walter Pichlers: er arbeitet extrem langsam, benötigt manchmal Jahrzehnte für die Fertigstellung einer Skulptur. Die Zeit ist für ihn ebenso wichtig wie seine Werkstoffe: Holz, Stein, Lehm, Plastik, Eisen, Blei, Kupfer, Zinn und Zink. Er legt größten Wert auf handwerkliche Qualität und Genauigkeit. Den finanziellen Unterhalt bestreitet Pichler aus dem Verkauf von Skizzen, Plänen und Zeichnungen sowie der Gestaltung von Büchern, zunächst für den historischen Residenz-Verlag und jetzt für „Jung und Jung“. Lehraufträge an Universitäten und staatliche Auszeichnungen hat er fast immer abgelehnt, mit Ausnahme des Großen Österreichischen Staatspreises für Bildende Kunst 1985. Wer mit Walter Pichler spricht, begibt sich in eine virtuelle Welt. Denn die Werke dieses Bildhauers sind Produkte futuristischer Visionen. Pichler ist einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart – und wäre es lieber nicht. Er will schon lange nicht Künstler genannt werden – denn den „meisten geht es ja nur darum, möglichst bald reich und berühmt zu werden. Aber das sei doch das ödeste Ziel, das sich jemand setzen kann, meint Walter Pichler ohne lange Umschweife. Seine Aufgabe sei es hingegen, in der Entfernung der Macht zu leben, mit größter Skepsis alles zu beurteilen und in langwierigen Arbeitsprozessen zu formulieren. Worum also geht es dem Visionär Walter Pichler wirklich? „Das ist sehr schwer zu beantworten. Ich kann nur ganz wenige Sachen. Auf die möchte ich mich reduzieren. Und wenn das was wert ist - von meiner Sicht aus was wert ist – dann habe ich das erreicht, was ich wollte“ Sie sagten, dass die meisten Künstler weltbekannt werden wollten und reich werden wollten und das sei nicht Ihr Ziel. „Das stimmt. Das ist mir zu einfach muss ich ehrlich sagen. Ich weiß wie ich heiße, ich brauche meinen Namen nicht permanent hören und die Welt lässt mich ganz gut leben von der Arbeit, die ich mache. Ich lebe ausschließlich von Zeichnungen – also lebe ich von dem Weg, der dort hinführt, um mich in den Zustand zu versetzen, eine Plastik machen zu können. Wenn mich jemand fragen würde, welchen Beruf ich habe, würde ich immer noch Bildhauer sagen“. Herr Pichler, die Zeit, die Figur und der Raum sind die Hauptakteure in Ihrer Welt: Ich denke, die Reihenfolge ist so richtig. Was ist für Sie die Zeit? „Für mich ist die Zeit meistens Arbeitszeit. Ich bin - wie gesagt- nicht sehr fähig zu denken, wenn ich nicht arbeite.Und ich habe mir eine Disziplin ausgesucht, die sehr zeitaufwendig ist und in der man das Ergebnis nicht sofort sieht. Also das Produkt ist oft jahrelang zu erwarten. Dann bin ich immer noch nicht damit einverstanden und fange wieder eine neue Arbeit an, wo ich vielleicht diesen Punkt, diesen Kern, auf den ich losgehen wollte bei der vorhergehenden Skulptur mit den neuen Erkenntnissen jetzt besser beurteilen kann. Ich glaube, dass man einiges lernt, wenn man arbeitet.“ Werden Sie manchmal ungeduldig bei Ihrer Arbeit, wenn Sie merken, dass sie doch mehr Zeit beansprucht, als vorgesehen? „Ich werde manchmal ungeduldig, so wie jetzt, wenn ich eine Ausstellung habe. Von Zeit zu Zeit brauche ich eine Ausstellung, um nicht ganz nur mehr selbstbezogen zu sein. Deshalb brauche ich eine Ausstellung, die eine Art Test darstellt. Da habe ich mir dann meistens ein sehr genaues Programm vorgenommen. Wenn dieses Programm dann unter Zeitdruck kommt, das habe ich nicht so gern. Jetzt ist mir das so passiert, weil ich mir den rechten Arm gebrochen habe. Da konnte ich nicht so arbeiten, wie ich es mir vorgenommen habe.“ Herr Pichler, Sie gelten als der große Einzelgänger unter Österreichs Künstlern. Jede Skulptur aus ihrer Hand erhält auf Ihrem Grundstück im Burgenland ihr eigenes Haus, ihren eigenen Platz, in dem sie wirken kann. Sie verkaufen keines Ihrer Werke, Sie scharen sich um Ihre Produkte wie ein Patriarch um seinen Familienkreis. Völlig undenkbar, dass Ihre Figuren in einem Museum oder in einer Privatsammlung eine neue Heimat fänden. Das ist ein radikaler Weg: eine Antithese zum gängigen Kunstmarkt…. „Es wäre nicht undenkbar…aber die Umstände, die ich meistens vorfinde, lassen diese Skulptur nicht mehr erkennen. Früher habe ich immer Modelle gebaut und gedacht: wie wäre der ideale Raum für diese Skulptur. Habe viele Zeichnungen gemacht und Modelle gebaut, das ist nicht sas gleich wie eins zu eins. Wenn man in einem Raum hineingeht und die Tür aufmacht und nichts mehr sagen muss:dann erst sieht man, wie ich es gemeint habe. Nicht in allen Fällen, aber es gibt Beispiele, wo ich das sagen kann“. Leonardo da Vinci und viele Künstler seiner Zeit sahen sich nicht als Vollstrecker der Wünsche ihrer Auftraggeber, sondern als Anwalt einer neuen Kunst von eigenem Recht. Sie arbeiteten nicht für ihre Auftraggeber, sondern für eine Öffentlichkeit, die sich noch lange Zeit später für ihre Werke begeistern sollte. Kann der modernen Kunst ein ähnliches Schicksal beschieden sein? „Ein harter Vergleich. Aber, das ist nicht in meinem Blickfeld, muss ich ehrlich sagen. Ich bin nicht mein eigener Historiker.Ich denke nicht daran. Ich bin verpflichtet, gegenwärtig mit meiner ganzen Konzentration und meinen Möglichkeiten das zu machen, was ich machen kann. Und etwas auf die Erdoberfläche zu stellen, das vielleicht noch nie da war. Dann wäre ich schon zufrieden. Die weitere Entwicklung meiner Arbeit kann ich nicht kontrollieren, deshalb interessiert es mich auch nicht besonders.“ Sie werden im Zusammenhang von Spiritualität und Avantgarde einmal mit dem Satz zitiert: Religiosität ist heute nur noch in der Kunst möglich. Das klingt einschränkend…Es gibt doch eine uralte Gegenseitigkeit von Kunst und Religion, oder? „Die ist leider nicht zu sehen. Wenn man die Kirche sieht, welche Aufträge sie gegeben hat, in der letzten Zeit, sind sehr wenige Beispiele dabei, die von Kenntniskunst wissen und umgekehrt, die Künstler wissen sehr wenig, sind kaum gebildet über Religion“. Es ist jetzt – seit kurzer Zeit – im Vatikan ein Kulturminister im Amt – Kardinal Ravasi – der kühne Schritte wagen will: er will religiöse Kunst auf der nächsten Biennale von Venedig, dem Schaufenster der Welt der Kunst schlechthin, sichtbar machen. Das wäre doch ein kühner Schritt, für den Vatikan, oder? „ Ich habe eine sehr strenge katholische Kindheit gehabt.Das ist sehr wichtig für mich. Ich bin nach wie vor ein guter Bibelleser und weiß wenigstens in jenen Punkten, wo ich mich von der Religion entfernt habe – wo es mir schwer fällt, Mitglied einer Konfession zu sein – habe ich versucht, zu wissen, von was ich mich entferne oder wo ich Distanz einlegen muss. Das ist mir gegenwärtig wichtig“ Könnten Sie sich vorstellen, dass eine Ihrer Skulpturen oder Zeichnungen – vorübergehend – in einer Kirche wirkungsvoll aufgestellt werden könnte? „Das würde ich nicht machen. Ich habe viele Angebote bekommen. Auch Kirchen zu bauen. Man ist mir von der Kirche mit großem Wohlwollen entgegengekommen. Aber, gerade meine Arbeit darf ich nicht zu einer konfessionellen Arbeit machen, sonst denunziere ich sie“. Sie haben einmal ein Kreuz aus Metall gefertigt, das als Meisterwerk bezeichnet wird. Ein Brückenschlag zwischen Kirche und Kunst? „Es zeigt meine Beziehung zur Religion ziemlich gut.“ Und das wäre? „Große Würde und Respekt. Aber doch große Distanz“. Welche Grundwerte halten Sie für die wichtigsten im Leben eines Menschen? „Ich halte Respekt und Würde für die wichtigsten. Und Anteilnahme. Ich brauche zum Beispiel, um meine Arbeit zu machen – manchmal muss ich fast hochmütig sein. Aber diese Portion Hochmut, die man dafür braucht, um etwas angehen zu können, darf man nicht weiter transportieren. Hochmut ist etwas, was schon mit Schöpfertum zu tun hat. Da nimmt man sich so Ähnliches heraus, was schon die Schöpfung gemacht hat.“ Hatten Sie oder haben Sie Vorbilder? „Für mich ist Constantin Brancusien einer der großen Bildhauer.“ Der rumänisch-französische Bildhauer. Herr Pichler, während die Welt über die Kunst Walter Pichlers gut informiert ist, weiß man über den Menschen Walter Pichler relativ wenig. Gibt es eine Skulptur, sie Sie möglicherweise autobiographisch darstellt oder würden Sie selbst gerne hier ein kurzes Portrait Ihrer Persönlichkeit weitergeben? „Ich gebe die Liebe ein bisschen zu sehr einseitig aus.Und du hast die Liebe nicht, dann bist du ein tönernes Erz und eine Schelle. Aber, es ist sehr schwer diese Liebe in Menschenliebe und Sachliebe zu teilen.“ Könnte eine Beschreibung über Sie etwa so lauten: Freiheit in der Kunst und Unabhängigkeit im Leben: das sind die wichtigsten Koordinaten im Wertesystem von Walter Pichler? „Ja, ein großes Anliegen ist mir Unabhängigkeit. Weil dann, bin ich mir selbst verantwortlich. Wenn isch mich ausreden kann auf viele Dinge, dann ist die Verantwortung auch nicht groß“. Vor einem Jahr wurde im Landesmuseum Schloss Tirol bei Meran eine Ausstellung gezeigt – sie ist jetzt um ein Jahr verlängert worden – die Ihrer Mutter gewidmet war. Welches Verhältnis hatten Sie zu Ihrer Mutter, zu Ihrem Elternhaus? „Meine Mutter war eine sehr eindrucksvolle Person. Sie hatte es nicht leicht gehabt. Besonders die Auswanderung, die Option…das hat ihr gar nicht gefallen. Sie wollte gar nicht weg von Südtirol. Aber mein Vater musste aus wirtschaftlichen Gründen das Land verlassen. Er war auch mit den Italienern in Äthiopien und Abessinien damals und hat die Nase voll gehabt. Und dann sind wir nach Nordtirol und dann ist das Gleiche weiter gegangen. Aber eine der wichtigsten Merkmale meiner Mutter war, dass sie absolut unbestechlich war in ihren politischen Ansichten. Sie hat immer ohne jeden Zweifel gesagt, diese Leute sind Gottlose. Das war das Schlimmste für sie. Rückblickend war es gut, dass sie als Kind schon – mitten in dem Mist – gehört hat, dass das gottlose Menschen sind, mit denen man nichts zu tun haben darf. Mit den Faschisten in Italien und den Nazis in Deutschland.“ Ihre nächste Ausstellung wird ab 26. September im Museum für Angewandte Kunst in Wien gezeigt.Rechtzeitig zu Ihrem 75. Geburtstag. Auch von unserer Seite, herzlichen Glückwunsch. Aldo Parmeggiani
Franz Liszt – dessen 200. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird - stammte aus dem damals ungarischen Dorf Raiding im heutigen österreichischen Burgenland, doch zu Hause war er stets in Europa. Er war der erste wirklich europäische Komponist. Liszt begann seine Laufbahn als achtjähriges Wunderkind und wuchs zum Klaviervirtuosen allerersten Ranges heran. Als "Paganini des Klaviers" war er - vergleichbar mit heutigen Popstars - eine der berühmtesten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts überhaupt: Die Frauen lagen ihm zu Füßen und Kunstfreunde vergötterten ihn bis zur Hysterie. Später entsagte er dem weltlichen Ruhm und Glamour und lebte zeitweise abgeschieden in römischen Klöstern, empfing sogar die Weihen des niederen Klerus' und trug den Titel "Abbé". Über sich selbst sagte er "zur Hälfte bin ich Franziskaner, zur Hälfte Zigeuner". Franz Liszt, einer der ganz großen Pianisten des 19. Jahrhunderts und einer der bedeutenden Komponisten seiner Epoche, war eine außrgewöhnlich charismatische Persönlichkeit; Während jene Jahre, in denen Liszt als gefeierter Klaviervirtuose durch Europa reiste oder als Komponist und Hofkapellmeister in Weimar wirkte, bekannt und gut dokumentiert sind, wurde den mehr als 25 Jahren, die er in Rom verbrachte, bislang wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Diese kulturelle Lücke schließt jetzt eine opulent ausgestattete Bildchronik, eine monumentale Glanzausgabe – mit dem Titel: Franz Liszt – die Jahre in Rom und Tivoli – aus dem Schott-Verlag in Mainz. In kenntnisreichen Texten und zahlreichen, überwiegend unveröffentlichten Bilddokumenten wird erstmals das Leben und Wirken dieses Künstlers in der ‘Ewigen Stadt’ geschildert, in der Liszt sich dem Katholizimus zuwandte. Die Partitur dazu schrieb der bekannte Pianisten und Schriftsteller Ernst Burger. „Er war vom Anfang an, er war schon als jun ger Mensch, er war immer ein tiefgläubiger Mensch. Aber hier in Rom hat er sich besonders dem Katholizismus zugewandt und legte alle Äußerlichkeiten ab. Er wurde natürlich nach wie vor von den Menschen verehrt, er wurde eingeladen in die Salons und in die Aristrokatie, er wurde nach wie vor von Frauen umschwärmt, und führte hier ein anderes Leben als früher, als er als Virtuose auftrat. Und hier in Rom hat er hauptsächlich komponiert, hat sich dann in die Villa d Este zurückgezogen und führte hier in Rom ein ganz besonderes Leben“. Soweit also Ernst Burger über die Jahre von Franz Liszt in Rom und Tivoli, erschienen in dem eben erst erschienenen großartigen Kunstband im Mainzer Schott-Verlag. In religiöser Hinsicht sind zwei Kapitel von Liszts vielschichtiger Biografie besonders bemerkenswert: Ein markanter Einschnitt war der Tod seines erst 50-jährigen Vaters in Frankreich. Er war der ehrgeizige Förderer seines Sohnes. Franz Liszt zog sich in der Folge aus dem grellen Licht der Konzertsäle zurück. Den größten Einfluss auf ihn übte Abbè de Lammenais aus, dessen Buch ‘Worte eines Glaubenden’ Liszt mit Begeisterung las. Er erwog schon damals, selbst Priester zu werden und sich der Kirchenmusik zu widmen. Nach künstlerisch und privat turbolenten Wanderjahren mit Wohnsitzen in der Schweiz, in Italien und schließlich in Waimar übersiedelte Liszt mit seiner Seelenverwandten und Geliebten Carolyne zu Sayn-Wittgenstein nach Rom. Die lange gelante Heirat mit der polnischen Fürstin kam jedoch nicht zustande, die am 50. Geburtstag Franz Liszts in der Kirche San Carlo in Rom angesetzte Hochzeit wurde kurzfristig abgesagt. Ein dumpfer Schicksalsschlag für beide. „Er blieb zunächst in Rom, wahrscheinlich um die Fürstin zu trösten, die natürlich totungklücklich darüber war, denn sie hat die Jahre um die Annulierung dieser Ehe gekämpft. Aber anschließend mag Liszt Gefallen an Rom gefunden haben, an dem schönen Klima, an dem Umgang mit der Geistlichkeit, er hat mit Kardinälen verkehrt, Gefallen an der schönen Stadt und war bald wieder umschwärmt von den Malern und Künstlern, die damals in Rom lebten. Also, er galt bald als eine bekannte Persönlichkeit hier in Rom und es gibt ja viele Berichte darüber, dass Reisenden, die aus Rom zurückkehrten, die Frage gestellt wurde: Haben Sie Liszt in Rom gesehen? Er gehörte also sozusagen bald zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt, natürlich auch auf Grund seiner äußerlichen Erscheinung. Zum Beispiel hat er einmal Hans von Bülow geschrieben: Adressieren Sie einfach Franz Liszt Rom - so bekannt war er bald in Rom“. Liszt blieb bis 1870 überwiegend in Rom und führte gemäß den ‘zwei Seelen in seiner Brust’ ein teils mondänes, teils mönchisches Leben. Im Sommer 1863 zog er sich in das Kloster Madonna del Rosario auf dem Monte Mario zurück, wo ihn auch Papst Pius IX. besuchte. Quartier bezog er auch im Vatikan und im Kloster Santa Francesca Romana auf dem Forum Romanum. Nach weiteren Konzertreisen empfing Franz Liszt von Pius IX. persönlich die niederen Weihen und wurde damit nicht-zölibatärer Kleriker. Er trug fortan das Kollar und ließ sich Abbè nennen. „Ich möchte vor allen Dingen seine Großzügigkeit betonen und auch seine Uneigennützigkeit - er lebte stets anspruchslos hier in Rom. So spektakulär seine Wohnungen auch waren, er besaß nie ein eigenes Mobilar, war mit allem zufrieden, die Wohungen waren sehr schön, aber auf Einrichtiung legte er überhaupt keinen Wert. Und als besondere Eigenschaft möchte ich noch auch seine äußere Anspruchslosigkeit im Alter betonen. Es gibt zum Beispiel Berichte, wo er mit seinem Diener gereist ist - und er hat dann im Hotel gesagt: Bitte ein schönes Zimmer für meinen Diener und für mich ein anspruchsloses Zimmer. Er war Zeit seines Lebens ein tiefgläubiger Mann. Er hat zum Beispiel jeden Tag die Messe besucht in der Früh. Das hat er auch schon in Weimar gemacht, bevor er das priesterliche Gewand gewählt hat.In Tivoli, in dieser kleinen Kirche neben der Villa d Este und hier in Rom in der Kirche San Carlo al Corso. hat im Brevier gelesen. Also seine Gläubigkeit war in keiem Fall gespielt, sondern sie war echt“. Der Umfang von Liszts religiös inspirierter Musik ist beeindruckend: Neben zahlreichen Chorwerken, Messen, Oratorien und Psalmen gehören dazu auch Klavierkonzerte für Klavier und Orchester sowie gregorianische Melodien. Herausragend sind etwa die Missa somenis, die neben den Messen von Anton Bruckner zu den Höhepunkten der Kirchenmusik des 19. Jahrhunderts gezählt wird. Große Verbreitung fand auch die Ungarische Krönungsmesse, in der der Tonkünstler Melodien im Stile der Ungarischen Rhapsodien verwendete. In dieser Zeit komponierte Liszt auch seine Oratorien ‘Legende von der Heiligen Elisabeth’ und ‘’Christus’. Franz Liszts Spätwerk – fast durchwegs Sakralmusik – greift häufig Themen rund um Tod und ewigen Leben auf, der große Komponist fand dafür eine eigenwillige musikalische Sprache. „Man kennt viele seiner wirklich wertvollen Werke nicht,aber seine besten Werke - zum Beispiel die H-Moll-Sonate - sind den besten Werken Schumanns und Chopins zur Seite zu stellen.Und diese falsche Beurteilung von Liszt kommt hauptsächlich daher, dass er sehr beneidet wurde.Alfred Brendel hat einmal gesagt, er gilt als der größte Neiderreger in der Musikgeschichte, weil ihm alle Attribute fehlen, die man gewöhnlich von einem Genie erwartet: Und außerdem kommt hinzu, dass sein großer Ruhm als Pianist, sein Können als Komponist verdunkelte. Beides, ein großer Komponist und ein großer Pianist - soviel konnte man von einem Menschen nicht erwarten,sowas mutete man ihm nicht zu. Eigenschaften, die den Nachruhm der Genies zu garantieren pflegen, also zum Beispiel Mozarts früher Tod, Mozarts Verarmung, Beethovens Taubheit, Schumanns Wahnsinn - Liszts Leben bietet dem Mitleid zu wenig Nahrung, so möchte ich sagen“. Ernst Burger über die Jahre von Franz Liszt in Rom und Tivoli in dem eben erst erschienenem großartigen Kunstband im Mainzer Schott-Verlag. Im Zuge einer Reise zu dem von seiner Tochter Cosima Wagner geleiteten Bayreuther Festspielen starb der zu diesem Zeitpunkt schon schwerkranke Liszt am 31. Juli 1886 mit 75 Jahren. Er wurde am 3. August in Bayreuth beigesetzt, bei der Totenmesse spielte Anton Bruckner an der Orgel. Stimmen der Zeit „Wisst Ihr einen Musiker, der musikalischer sei, als Liszt?, der alles Vermögen der Musik reicher und tiefer in sich verschließe, als er? Der feiner und zarter fühle, der mehr wisse und könne, der von Natur begabter und durch Bildung sich energischer entwickelt habe, als er? Könnt ihr mir keinen zweiten nennen, so vertraut euch doch diesem einzigen – der noch dazu ein viel zu nobler Mensch ist, um euch zu betrügen – und seid sicher, dass ihr durch dieses Vertrauen da am meisten bereichert sein werdet, wo ihr, mißtrauisch, jetzt Beeinträchtigung fürchtet!”. Richard Wagner „Natürlich war Liszt kein Heiliger. Dennoch gibt es keinen Komponisten, dem ich lieber begegnet wäre. Sein Geltungsbedürfnis, der Glanz seiner magnetischen Wirkung wurden in Zaum gehalten durch einen Zug von Selbstlosigkeit und Demut. Welcher andere Musiker hat so oft und so großmütig anerkannt, so gern seine Gaben mit anderen geteilt? Wer sonst hätte die ‘Bitternis des Herzens’, die persönlichen und künstlerischen Enttäuschungen seiner späteren Jahre mit so imponierender Fassung getragen, wer die Kraft gehabt, aus den Exzessen seiner Virtuosenzeit die Konsequenzen zu ziehen: vom Konzertpodium abzutreten und, im Spätwerk, alle übeflüssigen Noten der Vergangenheit in einer Kargheit abzubüßen, die die Musik bis an den Rand des Verstummens bringt “. Alfred Brendel (Aldo Parmeggiani)
Ein jeder Mensch hat das Recht auf Leben. So steht es im Grundgesetz Artikel 2,2., und so steht es auch in den Zehn Geboten der christlichen Glaubenslehre. Ein jeder Mensch hat das Recht auf Leben – auch das noch ungeborene Kind.
Vor zwei Jahren wurde der Krebsforscher aus Heidelberg, Harald zur Hausen, - heute 75 Jahre alt – mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Der Tumorvirologe erhielt diese höchste Auszeichnung für sein Lebenswerk. Er trat den Beweis an, dass Krebs auch durch Viren ausgelöst werden kann. Ein medizinisches Dogma war gebrochen. In dem vor zwei Tagen aufgenommenen Gespräch nimmt Harald zur Hausen auch auf eine Frage Bezug, die sich in diesen Tagen förmlich aufdrängt: auf den sogenannten EHEC-Erreger, über dessen Herkunft noch keine Gewissheit herrscht, wohl aber zahlreiche Spekulationen kreisen. Können Sie dazu gleich einige kurze Worte sagen? „Der Erreger selbst ist anscheinend auf eine Rekombination von spezifischen Bakteriengenen zurückzuführen, die in der Natur leider auch immer wieder einmal stattfinden. Also hier hat sich ein sehr virulenter Erregertyp herausgebildet. Wesentlich ist natürlich die Ursache der Infektion festzustellen und zu sehen, dass wir wirklich auch die Quelle bekämpfen können, aus der diese Infektion stammt. Es sind zu viele Spekulationen hier herumgereicht worden, es fehlen noch die stichhaltigen Ergebnisse, also es ist sicher eine wesentliche Aufgabe des öffentlichen Gesundheitsdienstes hier mit Nachdruck weiter nachzuforschen”. Herr Professor zur Hausen, Sie sind 2008 mit dem Nobelpreis für Medizin in Stockholm ausgezeichnet worden. Sie haben erkannt, dass der Gebärmutterhalskrebs, an dem zahlreiche Frauen erkranken, auch durch Virusinfektionen ausgelöst werden kann. Ihre Forschung hat es ermöglicht, einen Impfstoff gegen einen der häufigsten Krebserkrankungen zu entwickeln. Dieser Impfstoff wird seit etwa fünf Jahren angewandt. Bis dahin war es ein langer Weg. Ist es möglich, heute schon annähernd zu schätzen, wie viele Menschenleben durch Ihre Entdeckung gerettet werden konnten? „Wir wissen heute, dass praktisch alle Gebärmutterhalskrebse durch Papillomviren ausgelöst werden. Praktisch 100 Prozent sind positiv für diese Viren. Durch den Impfstoff werden derzeit etwa 70 Prozent der hochgradigen Vorstufen des Gebärmutterhalskrebses verhütet. Wir gehen davon aus – weil die Zeitspanne noch nicht lang genug ist, um das bewerten zu können - dass ein ähnlicher Prozentsatz an Krebs auch verhütet wird. In der Zukunft werden sicherlich Stoffe zur Verfügung stehen, die im breiteren Umfang noch schützen als 70 Prozent”. Ihr heilbringender Impfstoff richtet sich gegen das sogenannte humane Papillonvirus HPV – das Sie eben genannt haben. Würden Sie uns bitte kurz erklären, was darunter zu verstehen ist? „Das sind bestimmte Typen von Viren, die ganz spezifisch durch Sexualkontakte übertragen werden. Und hier sind es vor allem die Typen 16 die zu 50 Prozent bei Gebärmutterhalskrebs vorliegen. und 18, die in etwa 20 Prozent vorliegen. Darüber hinaus besteht aber eine gewisse Kreuzreaktion mit drei weiteres Typen, die auch beim Gebärmutterhalskrebs eine gewisse Rolle spielen, die Typen 31, 33 und 45. Sodass wir eigentlich davon ausgehen, dass der Impfschutz zur Zeit etwa gegen 80 Prozent der Gebärmutterhalskrebs-Erkrankung vorliegen dürfte. Das muss allerdings in der Zukunft noch klar bestätigt werden”. Ab welchem Alter würden Sie den Zeitpunkt für eine Impfung empfehlen? „In der Regel wird heute empfohlen im Alter zwischen neun und zwölf Jahren, hier in Deutschland zum Beispiel, zwischen zwölf und siebzehn Jahren, was ich für relativ spät halte. Also ich würde für die Altersgruppe zwischen neun und zwölf Jahren für ganz besonders geeignet für die Impfung halten”. Kann sich denn jedes Mädchen, jede Frau die HPV-Impfung finanziell leisten? Auch in Ländern der sogenannten Dritten Welt? „Leider ist der Impfstoff außerordentlich teuer und im Augenblick für viele Bereiche der Dritten Welt wirklich unerschwinglich. Ich habe gerade heute Morgen erst gesehen, dass eine der Firmen, die diesen Impfstoff herstellt, über eine internationale Allianz für die Imunisierung in Genf Impfstoffe zur Verfügung stellt, die vermutlich nur fünf Dollar pro Impfung kosten werden. Das wäre natürlich ein gewaltiger Fortschritt, wenn sich das so bestätigt, wie heute die Meldung durchkam. Dann würden in der Tat ein großer Teil der Bevölkerung geimpft werden können, die für diese Impfung in Frage kommt”. Gilt der von Ihnen entwickelte Impfstoff auch gegen männliche Krebserkrankungen? „Ja, er gilt auch gegen männliche Krebserkrankungen und zwar in besonderer Weise gegen Krebserkrankungen in der Aftergegend, auch in einem gewissen Umfang des Penis, und darüber hinaus im hinteren Mundbereich vor allem in den Mandeln. Hier ist der Impfstoff sicherlich sehr wirksam. Männer reagieren in gleicher Weise wie Frauen, sie sind natürlich auch Überträger der Infektion. Im Prinzip, wenn wir nur Junge impfen würden, würden wir wahrscheinlich einen gleichen, oder fast noch besseren Effekt erreichen, als wenn wir nur Mädchen impfen”. Die Diagnose und Therapie von Krebserkrankungen haben sich zwar deutlich verbessert, nach wie vor kann laut Statistiken jedoch jeder zweite Krebspatient nicht erfolgreich behandelt werden. Welche Erfolgsaussichten prognostizieren Sie für die Zukunft? Wird man eines Tages den Krebs ganz besiegen können? „Also den letzten Punkt kann ich nicht klar beantworten. Im Augenblick spricht nichts davon, dass in absehbarer Zeitspanne dies geschehen kann, der Krebs also ganz besiegt werden kann. Ich gehe aber davon aus, dass vor allem in der Prävention, also an der Vorbeugung des Krebses in Zukunkt deutliche Fortschritte erreicht werden können. Vorbeugung ist immer besser und auch weniger kostenfordernd. Ich gehe aber auch davon aus, dass die Krebsbehandlung in Zukunft noch deutlich verbessert werden kann. In welchem Umfang ist jetzt schwer vorauszusagen”. Welche Voraussetzungen benötigen Forscher in der heutigen Zeit, um eine große Entdeckung – wie sie Ihnen gelungen ist – zu realisieren? „Sie benötigen auf der einen Seite eine gute Förderung, auf der anderen Seite natürlich auch einen hohen persönlichen Einsatzund geeignete Möglichkeiten ihre Forschungen in einer guten Umgebung durchführen zu können”. Wie sieht es in der Praxis aus, welche charakterlichen Eigenschaften muss ein Forscher auf jeden Fall besitzen, um Erfolg zu haben? „Ich denke, dass unkonventionelles Denken, Präzision, Geduld und Beharrlichkeit ganz gewiss dazu gehören. Die Beharrlichkeit ist vielleicht ein ganz wichtiger Punkt, denn gerade die jungen Wissenschaftler stehen heute unter einem gewaltigen Druck rasch und schnell in besonders guten Journalen zu publizieren. Und das steht gelegentlich einem beharrlichen und langfristigen Forschungsprogramm entgegen”. Welchen Stellenwert messen Sie dem Zufall auf Ihrem Lebensweg bei ? „Soweit es meinen persönlichen Lebensweg betrifft eigentlich sehr wenig. Denn eigentlich waren unsere Forschungen relativ lange voraus geplant und sind auch sehr kontinuierlich über Jahrzehnte verfolgt worden. Also es ist hier vergleichsweise wenig der Zufall im Spiel gewesen”. Was ist dem Menschen Harald zur Hausen außer der Wissenschaft und Forschung noch wichtig? „Eine ganze Reihe von Punkten: ich bin auf der einen Seite ein leidenschaftlicher Tierfotograf, ich liebe klassische Musik, übrigens in besonderer Weise italienische Opernarien, darüber hinaus bin ich ein großer Landschafts- und Gartenfreund, lese viel und vor allem bin ich ein sehr intensiver Safari-Liebhaber. Das heißt meine Frau und ich – meine Frau stammt aus Südafrika – wir sind eigentlich jedes Jahr in einem der afrikanischen Länder – wo wir zwei Wochen lang in einer der großen Wildnis-Safari mitmachen. Das ist jedes Mal ein großes Erlebnis für uns beide”. Für Radio Vatikan nun eine besonders wichtige Frage: der Widerspruch zwischen dem, was Sie als junger Mensch im Religionsunterricht hörten und dem, was Sie aus den Naturwissenschaften erfahren haben, bedeutete Ihnen immer eine Herausforderung und bestimmte Ihr Denken, heißt es in einer Biografie über Harald zur Hausen. Glaube und Vernunft würden sich nicht widersprechen, betont Papst Benedikt XVI. immer wieder. Sind Sie auch dieser Meinung? „Auch nach meiner Meinung müssen sich Glaube und Vernunft nicht widersprechen. Allerdings gibt es eine Reihe von Schwierigkeiten, die wissenschaftlichen Ergebnisse der heutigen Zeit, vor allem auf dem Gebiet der Molekularbiologie und der Genetik, mit einigen der Glaubensgrundsätze in Einklang zu bringen. Und darüber in der Tat grübele ich sehr viel. Und habe auch darüber geschrieben, dass es hier eine Reihe von Punkten gibt, die eine Herausforderung für das Denken darstellen. Wenn Sie etwa die Berichte über die Wunder im Neuen oder im Alten Testament betrachten, ist das ein Punkt, der eigentlich nicht so ohne weiteres mit wissenschaftlichem Denken in Einklang zu bringen ist. Wenn man sich die Entstehung des Weltalls vor Augen führt, die heute auf einen Urknall zurückgeführt wird, die von dem Glauben her als genialer Schöpfungsakt betrachtet wird, von der Wissenschaft heute als ein noch unverstadenes Phänomen betrachtet wird, sind einige Schwierigkeiten da, das gemeinsam zusammen zu bringen. Es sind eine Reihe von Punkten, die einer intensiven Diskussion bedürfen und hoffentlich auch in der Zukunft eine intensive Diskussion finden”. Welche Visionen für die Zukunft hat ein Arzt und Forscher, der mit dem Nobelpreis für Medizin – die höchste Anerkennung, die es für einen Wissenschaftler gibt, erhalten hat - und der 20 Jahre lang das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg leitete und es zu einem der führenden Institutionen dieser Art in der Welt machte? „Meine Vision für die Zukunft ist die, dass wir in verstäktem Umfang in der Lage sein werden, Krebs vorzubeugen. Ich gehe davon aus, – wir können heute etwa 21 Prozent der weltweit auftretenden Krebserkrankungen mit Infektion in Verbindung bringen – dass dieser Anteil sich in Zukunft noch deutlich erhöhen wird, was allerdings intensive Forschung erfordert. Wenn wir in der Tat in der Lage sind einen größeren Teil von Krebserkrankungen Infektionsereignisse, die zum Teil Jahrzehnte zurückliegen zurückzuführen, dann haben wir allerdings auch eine besonders gute Chance verbesserte Vorbeuge zu leisten. Wir werden vermutlich auch in der Lage sein, eine bessere Frühdiagnostik besser durchzuführen und auch die Therapìie für die Krebserkrankung besser zu gestalten. Ich sehe das als einen ganz besonders wichtigen Forschungssektor an, und glücklicherweise, obwohl ich selber seit acht Jahren emeritiert bin, habe ich immer noch die Gelegenheit, aktiv weiter zu arbeiten und mit einem Team von jungen Leuten zusammen zu arbeiten. Ich hoffe, dass es uns oder anderen gelingen wird, diese Zusammenhänge näher darzustellen und zu belegen”. (rv) Aktenzeichen: Die Sozialenzykliken der Katholischen Kirche Die Industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts hat die moderne Arbeitswelt von Grund auf verändert. Als Antwort auf die "Soziale Frage", die diese Umwälzungen aufgeworfen haben, legte Papst Leo XIII. 1891 – also vor genau 200 Jahren - seine Enzyklika "Rerum novarum" vor. Seitdem haben die Päpste regelmäßig die Soziallehre der Kirche gemäß den wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Zeit ausgelegt. Wir stellen Ihnen heute die wichtigsten Eckpfeiler - angefangen von der ersten Sozialenzyklika Leo XIII. bis zur Sozialenzyklika von Papst Benedikt XVI. vor: Die katholische Soziallehre geht vom Grundgedanken eines Ordo Socialis (“Soziale Ordnung”) aus, also einer vernünftigen Ordnung des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Je mehr Sozial-, Rechts- und Wirtschaftsordnung an die Prinzipien der Personalität, Solidarität, Subsidiarität, Nachhaltigkeit und des Gemeinwohls angenähert werden, umso mehr entspricht die politische oder wirtschaftliche Realität dem prinzipiell erreichbaren Ideal sozialer Gerechtigkeit.
Ein Geburtstagsgeschenk hat Kardinal Karl Lehmann schon am Vorabend seines 75. Geburtstages erhalten: Papst Benedikt XVI. hat das aus Altersgründen vorgebrachte Rücktrittsangbot des Mainzer Bischofs abgelehnt und Karl Lehmann gebeten, über seinen 75. Geburtstag am 16. Mai hinaus im Amt zu bleiben. Lehmann nimmt diese Ablehnung seines Rücktritts relativ gelassen – so wie man es von ihm gewohnt ist. Pragmatisch, praktisch, offen:
Der promovierte Geisteswissenschaftler zählt seit über 40 Jahren zu den bedeutendsten Journalisten der deutschen Fernsehkultur. Einem breiteren Publikum unvergesslich wurde die einzigartige Auslandsberichterstattung Dieter Kronzuckers, mit der er die bundesdeutsche Öffentlichkeit über die Gräuel des Vietnamkriegs, die Verhältnisse in Lateinamerika oder die Situation in den USA auf dem Laufenden hielt. 1978 gründete er im ZDF das ‚heute-journal’, das er bis zu seinem Wechsel zu Sat 1 1991 regelmäßig moderierte. Von 2001 bis 2007 war er als Professor für Fernsehjournalismus und Dokumentation an der Hochschule für Fernsehen und Film in München tätig. Seit 2005 moderiert Dieter Kronzucker die Sendung ‚Kosmos’ auf N24.
Ein Name von Welt – und nicht nur für Musikliebhaber: Zubin Mehta, vor 75 Jahren in Bombay geboren. Der vielseitige und auf der ganzen Welt tätige Künstler wuchs in einer zoroastrischen Musikerfamilie Zentralindiens auf. Schon sein Vater Mehli Mehta war ein prominenter Konzertgeiger, Geigenlehrer und Dirigent. Zubin Mehta ist in allen großen Opernhäusern der Welt zu Hause: New York, Florenz, Montreal, Wien, München, London, Mailand, Chicago. Unermüdlich und immer auf höchstem Niveau. Trotz der kurz bemessenen Freizeit stand er für ein Gespräch mit Radio Vatikan zur Verfügung. Freizeit? Das ist für Zubin Mehta ein Fremdwort. Ich brauche keine Ferien, sagt er, mein Urlaub ist zum Beispiel die Ouvertüre zu Don Giovanni von Wolfgang Amadeus Mozart. Die meiste Zeit Ihres Lebens, Maestro, haben Sie in den großen Opernhäusern, in den Konzertsälen und Theatern der Welt verbracht. Welchem dieser Häuser gehört Ihre besondere Sympathie, wo, in welcher Stadt der Welt dirigieren Sie am liebsten? „In Europa habe ich hauptsächlich in Wien angefangen. So muss ich sagen: Wien und die Wiener Oper liegen mir natürlich sehr am Herzen. Dann habe ich natürlich die ganzen Opernhäuser in der Welt kennen gelernt, das Opernhaus in Buenos Aires, das Theater Colon, etwas ganz Wunderbares. Und die neuen Häuser wie etwa das Opernhaus Calatravas in Valencia. Und wir bauen jetzt in Florenz ein Theater, das hoffentlich auch unter den modernen Theatern Anerkennung finden wird.“ Sie bauen in Florenz ein Theater? Trotz Kulturkrise? „Ja, Ja! Die Regierung hat bis jetzt dieses Versprechen nicht gebrochen.“ Sie sind gebürtiger Inder. Pflegen Sie immer noch enge Verbindungen zu Ihrer Heimat? „Ja, sehr.“ Haben Sie noch Verwandte in Indien? „Ja, sehr viele und ich gehe jetzt schon wieder mit dem Orchester des ‘Maggio Fiorentino’ Ende März nach Bombay und dirigiere für die Stiftung meines Vaters. Wir spielen westliche Musik für talentierte, junge Inder.“ Sie haben sich an vielen Benefizkonzerten beteiligt. Was bedeutet für Sie soziales Engagement? „Wir helfen zum Beispiel den Menschen nach Naturkatastrophen. Ich kann mich erinnern, nach dem großen Erdbeben in Indien haben wir ein Benefizkonzert gegeben. Ich war sehr berührt.“ Ich komme auf meine vorherige Frage zurück: Welches andere Land außer Indien ist Ihnen zur zweiten Heimat geworden? „Natürlich, die zweite Heimat sind auch die Vereinigten Staaten. Ich wohne in Kalifornien. Amerika ist meine zweite Heimat geworden, obwohl ich auch sehr viel in Israel arbeite. Ich fühle mich sehr zu Hause dort. Also Bombay, Wien, Los Angeles, Tel Aviv, Florenz und Valencia. Das sind meine Heimatstädte.“ Sie sind ein authentischer Weltbürger. Wem gilt – im Rückblick auf Ihre glänzende Karriere – Ihr besonderer Dank? „Meiner Erziehung durch meinen Vater in Indien, musikalisch gesprochen. Und dann: zehn Jahre habe ich die Jesuitenschule in Bombay besucht. Diese Erziehung kann man nicht mit etwas anderem tauschen. Es ist ein so hoher Grad von Bildung in Indien – Universität und Schule. Zum Beispiel war Präsident Obama jetzt in Bombay und hat in meiner Universität gesprochen. Das hat mich sehr gefreut.“ Was, Maestro Mehta, ist das Wichtigste und zugleich Schwierigste für einen guten Dirigenten? „Die Musik interpretieren, die ungefähr 450 Jahre umspannt. Vom frühen Barock zur modernen Musik. Wir müssen uns in jedem Stil wirklich zu Hause fühlen, um so viele Leute im Orchester von der Interpretation zu überzeugen. Man muss die Handschrift des Komponisten kennen. Es ist nicht nur wichtig, eine Partitur von Mozart auswendig zu lernen, man muss Mozart auch persönlich kennen – durch seine Briefe. Genauso wie Beethoven und so weiter.“ Der Dirigent konzentriert ja in seiner Person – denke ich – Macht und zugleich künstlerische Kompetenz, nämlich musikalische Gestaltungshoheit. Müssen Dirigenten einen Hang zum Machtmenschen haben? „Nein. Es ist eine Mischung zwischen Autorität und vollkommener Demokratie! Man muss beides in die Waagschale legen. Ein Dirigent muss musikalische Autorität üben, auch natürlich musikalische Disziplin von seinen Musikern verlangen. Aber in einem demokratischen Sinn. Die Musiker sind auch denkende Menschen. Man muss ihnen auch eine Freiheit geben, sich gegen die Interpretation des Dirigenten auch auszusprechen.“ Dirigieren ist eine traditionsgemäß männliche Domäne, bis heute ist es erst wenigen Frauen gelungen, sich als Dirigentinnen durchzusetzen…. „Aber das kommt jetzt! Die Emanzipation der Frauen geht durch die Geschichte. Wir haben jetzt sehr viele talentierte Frauen, die dirigieren. Zum Beispiel hat ein wichtiges Orchester in Amerika schon eine Frau als Dirigentin, nämlich in Baltimore. Ich glaube, die nächste Generation wird noch mehr haben.“ Überall, wo Sie auftreten, werden Sie mit Spannung erwartet. Wie schwierig ist das für Sie, was spielt sich da im psychologischen Bereich bei Ihnen ab? „Ja, es ist schon eine Verantwortung, die man Abend für Abend trägt. Besonders, wenn man auf Tournee geht, von einer Metropole zur anderen. Da gibt es jeweils andere akustische Verhältnisse, man muss aber immer das gleiche Niveau halten. Das ist schon eine Verantwortung. Die Orchestermusiker verstehen das sehr gut.“ Wenn Sie nach einer Aufführung stürmisch gefeiert werden, und das ist bei Ihnen oft der Fall, was geht da in Ihnen innerlich vor? „Wissen Sie, bei diesen Ovationen verbleibt noch immer in mir die Symphonie, die ich eben interpretiert habe. Ich bin noch ganz von dem Werk gefangen, so dass das Publikum und die Anerkennung wirklich erst an zweiter Stelle kommen. Was wir eben gespielt haben, das geht die ganze Zeit während des Applauses durch meinen Kopf, glauben Sie mir.“ Sie haben in allen großen Operhäusern der Welt dirigiert. Was ist der fundamentale Unterschied zwischen der großen Dirigentengeneration eines – sagen wir – Toscanini, Herbert von Karajan, Bruno Walters und Ihrer Generation? „Wir haben wirklich so viel gelernt von diesen Meistern, die Sie eben genannt haben. Ich habe mit Bruno Walter oft studiert in meinen acht Jahren in Los Angeles. Und mit Karajan auch. Toscanini habe ich leider nicht erlebt, aber durch Platten kenne ich ihn auch sehr gut. Wir leben von Toscaninis Philosophie. Er hat die klassischen Werke in ihrer Urfassung wirklich vollkommen neu gemacht. Er hat die Werke wirklich gereinigt von der Romantik. Und davon leben wir heute. Das haben wir nur Toscanini zu verdanken.“ Welches musikalische Werk ist für einen Dirigenten eine besonders große Herausforderung? Ist es zum Beispiel der Ring von Wagner, sind es die neun Symphonien von Beethoven oder sind es die modernen Werke? „Wissen Sie, die frühesten Symphonien von Mozart verlangen genauso viel Wertschätzung und Konzentration wie Wagners Siegfried. Nur ist es manchmal komplizierter in den Details, natürlich. Aus einer Haydn-Symphonie, Haydn hat 104 Symphonien geschrieben, lernen wir immer wieder neue Symphonien. Da muss man genauso viel analysieren, die Handschrift des Komponisten analysieren, wie bei der Götterdämmerung“. Sie haben einmal gesagt, wer keinen Johann Strauß dirigieren kann, der ist kein vollwertiger Dirigent… „Nein, nein, das habe ich nicht gesagt (lacht). Aber die, die in Wien aufgewachsen sind, kennen diese musikalische Sprache von Johann Strauß natürlich sehr gut. Die, die von außen kommen, kennen das einfach nicht. Man muss in Wien leben, um Johann Strauß kennen zu lernen.“ Und jetzt als Laie eine ziemlich banale Frage: Wer ist für Zubin Mehta der absolut größte Musiker aller Zeiten? „Für mich liegt dies zwischen Bach und Mozart. Diese beiden Männer haben unser Leben reich gemacht: Ich glaube, ohne Bach und Mozart könnten wir heute nicht leben. Dann kommt natürlich auch Beethoven.“ Und welches Orchester ist das absolut Beste der Welt? „Das kann man gar nicht sagen. Wir haben zehn oder fünfzehn wirklich erstklassige Orchester weltweit. Und es kommt darauf an, wer sie dirigiert. Jedes Orchester hat mal einen sehr guten Tag und manchmal einen nicht sehr guten Tag. Wir sind alle nur Menschen. Manchmal sind wir nicht so inspiriert. Wie bei den Vögeln bei schlechtem Wetter: da singen sie nicht so schön.“ Würden Sie die menschliche Stimme als Königin aller Instrumente bezeichnen? „Wenn sie so ausgebildet ist, wie bei den großen Sängern, dann ja. Aber es gibt Instrumentalisten, Geiger und Cellisten, die die Instrumente so spielen wie menschliche Stimmen.“ Wir haben vorher von dem großen Einfluss der Musik gesprochen. Kann die Musik auch Einfluss auf die Politik haben? „Nicht auf die Politik, aber auf die Menschen. Menschen , die in Krisen leben, so wie im Mittleren Osten. Wir machen Konzerte für Araber und Juden, die zusammensitzen und Beethoven hören. Und wenigstens während dieser Zeit herrscht Frieden.“ Unbestritten hat die Musik ja auch die Religionen beeinflusst. Ist das auch umgekehrt der Fall? „Sicher. Besonders in Europa. Das Christentum hat die Malerei, Musik, Philosophie – alles beeinflusst.“ Haben Sie schon einmal vor einem Papst dirigiert? „Ja, vor Papst Paul VI. Ich würde so gerne einmal auch vor Papst Benedikt XVI. dirigieren. Ich habe ihn einmal getroffen, in München. Da habe ich in der Kirche eine Messe dirigiert, bei der Trauerfeier von Frau Sawallisch. Ich möchte sehr gerne vor Papst Benedikt dirigieren. Heute in der Zeitung gibt es ein Bild von ihm – von Papst Benedikt, wie er am Klavier spielt!“ Ich teile ihren Wunsch, vor dem Papst dirigieren zu können... „Wir haben in München immer die Regensburger Domspatzen für das Staatsorchester eingesetzt, die sein Bruder lange geleitet hat. Ob die dritte Mahlermusik oder Weihnachtskonzerte – er war immer dabei!“ Welche Beziehung haben Sie zur katholischen Kirche? „Ich bin als Nichtchrist in Bombay von den Jesuiten erzogen worden. In meiner Klasse waren sechs Religionen vertreten. Und es herrschte eine vollkommene Demokratie. Ich habe Matthäus und Markus studiert und die Apostelgeschichte auch. Wir waren in einer Klasse Katholiken, Protestanten, Hindus und Moslems – ich selbst bin Parsi, und wir waren zu dreißig.“ Das könnte man auch die Globalisierung der Ökumene nennen… „Ja, genau! Es war wunderbar. Ich habe religiösen Hass in meiner Jugend überhaupt nicht gekannt. Es gab nie irgendetwas Negatives.“ Was würden Sie Papst Benedikt gerne fragen, wenn es dazu eine Möglichkeit gäbe? „Ich hätte so viele Fragen! Sein Einfluss ist so beutend: Ich hoffe, er ist sich bewusst, wie viel Einfluss er auf der Welt hat. Und wie viel seine Worte überall helfen.“ (rv)
An diesem 12. Februar feierte Radio Vatikan - eine der ältesten und größten Sendestationen der Welt – sein 80-jähriges Bestehen. In den 38 Sprachabteilungen werden heute Hörprogramme in 45 Sprachen erstellt, natürlich in den Weltsprachen Englisch, Spanisch, Französisch, Deutsch, Russisch, Chinesisch, Portugiesisch, aber auch in allen übrigen europäischen Sprachen, Italienisch, Polnisch, Tschechisch, Slowakisch, in den vielen indischen Idiomen, Hindi, Tamil, Malaisch und in den skandinavischen Sprachen; Norwegisch, Schwedisch, Finnisch. Jeden Sonntag steht heute sogar eine Sendung in Esperanto auf dem Programm. Angefangen hatte alles so: der Italienische Physiker und Pionier der drahtlosen Kommunikation, Guglielmo Marconi, stand neben dem Bischof von Rom, Papst Pius XI, und dessen Staatssekretär Eugenio Pacelli, dem späteren Papst Pius XII. auf der Einweihungsbühne und gab den Startschuss zum neuen Sender. „Mit Hilfe Gottes, der der Menschheit geheimnisvolle Kräfte der Natur zur Verfügung stellt, habe ich dieses Instrument vorbereitet, das der ganzen Menschheit den Trost erweisen wird, die Stimme des Heiligen Vaters vernehmen zu können“. „Hört zu, ihr Himmel, ich will reden, die Erde lausche meinen Worten“. Das war die Stimme Papst Pius XI. bei der Einweihung von Radio Vatikan am 12.Februar 1931. Hören wir uns jetzt kurze Ausschnitte päpstlicher Stimmen über Radio Vatikan an, angefangen von Papst Pius XII. in lateinischer Sprache bis zu Benedikt XVI, in italienischer Sprache. Pater Federico Lombardi, Generaldirektor von Radio Vatikan und Sprecher des Papstes – seit über 20 Jahren im Dienste dieser vatikanischen Institution - hält Rückschau: „Ich würde als ersten Aspekt, die Radiobotschaften der Päpste hervorheben. Ich glaube, dass die Botschaften von Pius XII. während des Krieges sehr, sehr wichtig waren. Es waren Botschaften des Friedens und der Hoffnung, die weltweit gehört wurden. Dann würde ich die humanitäre Hilfe während des Krieges auch hervorheben. Radio Vatikan hat mehr als eine Million Botschaften gesendet, um die Gefangenen von den Familienangehörigen zu informieren – Gefangene die in den verschiedenen Kontinenten nur durch die Wellen von Radio Vatikan einen Kontakt mit ihren Lieben haben konnten. Eine große humanitäre Leistung. Von Pius XII. gewollt und von Radio Vatikan realisiert. Schließlich möchte ich die große Epoche der Hilfe für die Kirchen und für die Völker erwähnen, die unterdrückt waren. Besonders während der kommunistischen Zeit in Osteuropa. Wir haben in den Jahrzehnten nach dem 2.Weltkrieg in 17 Sprachen Sendungen für die Länder in Osteuropa erstellt, um dieser Kirche, diesen Menschen, die keine Freiheit mehr hatten, zu helfen. Eine Hilfe die wirklich mit großer Dankbarkeit angenommen wurde. Wir haben später sehr viele Schreiben der Dankbarkeit erhalten. Durch die Information der Kirche in der Zeit des 2. Vatikanischen Konzils, und auch später während der Reisen der Päpste, wurde durch Radio Vatikan eine universelle Meinungsbildung verbreitet. Die ganze Kommunität der Kirche sollte informiert werden, was es in der Kirche an Neuigkeiten gibt. Das glaube ich, sind die großen Leistungen in der Geschichte von Radio Vatikan“. Der Auftrag von Radio Vatikan war und ist es also, die Lehre der katholischen Kirche zu verbreiten, über die Tätigkeit des Vatikans zu berichten, das Leben der Katholiken in aller Welt widerzuspiegeln und Fragen der Zeit aus dem Glauben zu beantworten. Die Sendungen von Radio Vatikan aber richten sich nicht nur an alle Katholiken, sie richten sich auch an alle religiös Interessierten. Dieser internationale Rundfunksender will einen Beitrag leisten für die Verständigung zwischen Menschen, Konfessionen, Religionen und Völkern. Ebenso gehört zu seinen Zielen der Schutz der Menschenrechte, der Religionsfreiheit sowie Versöhnung, Verständigung und Frieden in Gerechtigkeit. Wie kann und wie muss Radio Vatikan auf die großen Herausforderungen unserer Zeit reagieren? Radio Vatikan hat auch vor den großen technischen Umwälzungen nicht Halt gemacht. Das Internet spielt auch im Sender des Papstes eine immer wichtigere Rolle. Welche Chancen, aber auch welche Gefahren erkennt Pater Lombardi als Intendant einer internationalen katholischen Senders in den neuen katholischen Kommunikationsmitteln? Pater Lombardi: „Ja, natürlich sind wir sehr aktiv in der Evolution der Kommunikationsmittel, die neuen technischen Mittel zu benützen. Internet und alles, was damit verbunden ist. Podcast und so weiter. Der Rundfunk ist ziemlich flexibel und wir können unsere Texte veröffentlichen, wir können Bilder und Videos auf den Internet-Webseiten verbreiten, wir sind total in die Multi-Medialität eingetreten. Welche Gefahren ich sehe, fragen Sie? Ich glaube, es sind die Gefahren der Kommunikation heute im allgemeinen. Das heißt: man hat heute eine solche Geschwindigkeit und Kürze der Nachrichten erreicht, dass sehr einfach Missverständnisse oder falsche Interpretationen entstehen können. Was sehr wichtig für unsere Mission ist, ist den Weg zu finden, um schnell und gut, kurz und richtig Informationen weiterzugeben, unseren Hörern helfen zu verstehen, was der Papst wirklich gesagt hat, welche seine Intentionen sind, was der Sinn seiner Botschaften ist. Das ist das Problem und die wirkliche Chance und zugleich auch die Schwierigkeit. Der Sender des Papstes wurde bei seiner Gründung dem Jesuitenorden anvertraut und dabei ist es auch geblieben. In der Tat werden die höchsten Ämter dieser Institution Jesuitenpatres anvertraut: der Generaldirektor, der Programmdirektor und ebenso mehrere Leiter von Sprachabteilungen – darunter unser Chefredakteur Pater Bernd Hagenkord von der deutschen Abteilung – sind Mitglieder des Jesuitenordens. Die meisten Redakteurinnen und Redakteure in den verschiedenen Abteilungen aber sind Laien. Die Sendungen sind über Mittel- und Kurzwelle in allen Teilen der Welt zu hören und werden zunehmend über Satellit und im Internet mit Text und Ton übertragen. Die einzelnen Sprachsektionen haben pro Tag im Durchschnitt 30 Minuten Sendezeit, die mitunter mehrfach ausgestrahlt werden. Der Inhalt der täglichen Programme unterscheidet sich von Sprache zu Sprache stark, da die Zusammensetzung und die Erwartung des Publikums unterschiedlich sind. Neben den Nachrichten und Magazinsendungen strahlt Radio Vatikan auch Gottesdienste und Gebetssendungen aus: täglich morgens eine lateinische Messe und das Stundengebet der Laudes, nachmittags das Stundengebet der Vesper sowie der Komplet und abends das lateinische Rosenkranzgebet.“ Eine letzte Frage an Pater Federico Lombardi, sie richtet sich in die Zukunft: wer so lange an der Spitze von Radio Vatikan steht, kann gewiss auch konkret in die Zukunft blicken. Welche Visionen haben Sie für die kommenden Jahre im Bezug auf den Sender des Papstes? „Ja, ich habe dies vielleicht schon angedeutet, in dem, Sinne, dass wir uns in der Evolution der großen Kommunikationsmittel befinden. Wir sollten immer mehr in Mitarbeit der anderen Kommunikationsmittel des Heiligen Stuhls und der ganzen Kirche unsere Mission realisieren. Mit einem Spezifikum, glaube ich. Das heißt: schnell und kurz mit klaren Worten erklären, was die Kirche für die Zeit von heute zu sagen hat. Das heißt, dass wir unsere Sprache verbessern müssen. Das heißt, mit unseren Fähigkeiten zum Kern der Probleme vorzudringen und in diesem Sinne dem Papst zu helfen, unter den heutigen Voraussetzungen verstanden zu werden. Das machen wir nicht allein, sondern zusammen mit den anderen Multiplikatoren in der Kirche. Wir müssen immer mehr in das Netz der Kommunikation eindringen, damit alle Menschen, die Antworten von der Kirche suchen, diese auch verlässlich erhalten können.“ (rv)
Lachen und Humor gehören unlösbar zu unserem Menschsein. Sie sind ein Ausdruck der Freude am Leben - und auf das, was uns danach erwartet. Aber die Gaukler, die Narren und Clowns sind mehr als Spaßmacher, weil es ihnen gelingt, auch bittere Wahrheiten einfühlsam zu vermitteln. Mit einem besonderen Gefühl bringen sie unsere menschlichen Schwächen auf den Punkt. Walter Galetti, einer der großen Clowns feierte jetzt seinen 80. Geburtstag. Zu Beginn arbeitete er als Tierpfleger im Zirkus Knie, schon bald bekam er eine eigene Show als Clown. Der kleine Mann mit dem großen Herzen dankt seinem Schöpfer, dass er ihm eine Frohnatur in die Wiege gelegt hat. Seine Augen leuchten, wenn er von der Zukunft erzählt. Walter Galetti erhielt den internationalen Zirkusoscar und gehört zum Kreis der sieben besten Clowns in der Welt.
Der bekannte Journalist Peter Voss wurde vor 70 Jahren in Hamburg geboren und wuchs in Lübeck auf, wo er das ‘Johanneum’ besuchte. Von 1961 bis 1967 studierte er Soziologie, Jura und Ethnologie an der Universität Göttingen. Beim SWR brachte er es bis zum Intendanten, in dessen Stellung er zwei Mal bestätigt wurde. Beim breiteren Publikum wurde er vor allem wegen seiner sonntäglichen Journalistengespräche ‘Presseclub’ bekannt. Im vergangenen Jahr übernahm Peter Voß das Amt des Präsidenten der privaten Quadriga Hochschule in Berlin, in der unter anderem auch Ethikfragen auf dem Lehrplan stehen. Sie sind ein Spitzenmann der Medien, Journalist, Manager – ergo wird das Gespräch, das wir aus Anlass Ihres 70. Geburtstages führen, in erster Linie ein Gespräch über Medien sein, aber nicht nur. War Ihre Studienwahl: Soziologie, Jura und Ethnologie bereits verbunden mit Ihrer Berufsvorstellung? „Ich war lange unsicher was ich werden wollte. Ich habe erst Deutsch und Englisch studiert, dann habe ich gewechselt zu Jura, aber Staatsanwalt oder Richter wollte ich auch nicht werden, dann bin ich zur Soziologie übergegangen mit Nebenfach Ethnologie und Rechtsgeschichte: Journalist bin ich dann geworden, um möglichst rasch einen Beruf zu ergreifen, der mir liegt. Ich war lange unschlüssig, ob ich nicht in die Politik gehen sollte, und bin heute froh, dass ich es nicht gemacht habe”. Gleich zum Beginn; was macht Ihrer Meinung nach einen guten Journalisten aus? „Ich hätte fast ironisch gesagt: seine Seltenheit. Denn der gute Journalist konzentriert sich auf die gründliche Recherche und bemüht sich um ein Ziel, das nicht absolut aber in Annäherungswerten erreichbar ist: sie Objektivität. Das heißt, er versucht auch die Fakten, Hintergründe, Argumente, Zusammenhänge zu berücksichtigen, die nicht zu seiner persönlichen Meinung passen”. Wo liegen die Trends, die Tendenzen der Medien heute? „Das ist ein sehr komplexes Feld. Vor allem durch den Siegeszug des Internets verändert sich der Journalismus und gleichzeitig auch durch den viel härteren kommerziellen Wettbewerb, das heißt Verlage wie Sender haben nicht mehr im gleichen Maße wie vorher die finanzielle Kraft Journalisten zu bezahlen, die eben gründlich recherchieren. Wen ich heute als Verleger Personal abbaue, bleibt für die Recherche weniger Zeit, das heißt die Tendenz geht natürlich dann mehr zu personalisiertem Journalismus,zu Emotionen und das geht dann auf Kosten der Gründlichkeit. Und das Internet verändert es noch einmal völlig, weil es auf der einen Seite ein freies, ein tolles Medium ist, aber auch ein Medium das es erschwert, Instanzen der Glaubwürdigkeit, der Seriosität aufzubauen”. Sie haben den öffentlich-rechtlichen Rundfunk einmal als öffentliches Kulturgut beschrieben….Würden Sie das näher beschreiben? „Ja, der Kulturbegriff ist natürlich dehnbar. Etwa die Hälfte der Produktion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und Fernsehens und Internet würden sich am Markt nicht rechnen. Das heißt, sie werden geleistet für die Allgemeinheit – insofern ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk gemeinwohlorientiert – sie sind nötig, aber sie erreichen immer nur bestimmte Minderheiten und wären deshalb kommerziell nicht finanzierbar. Insofern hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk, wenn man will, eine wichtige Aufgabe auch im Hinblick auf die Integrität einer Gesellschaft auf nationaler, regionaler, föderaler Ebene, aber auch auf europäischer Ebene und ist nach meiner Meinung unentbehrlich.Ob wir diesen Rundfunk so behalten können, halte ich für eine offene Frage. Ich hoffe, dass mit größeren Bildungsanstrengungen auch die Ansprüche von Rundfunk und Fernsehen wieder steigen, sodass wir da wieder neue Chancen haben”. Welchen Stellenwert haben Sie als Intendant des SWR den religiösen Sendungen eingeräumt? „Also abgesehen von den staatsvertraglich festgesetzten Gottesdienst-Übertragungen haben wir uns auch selber bemüht, redaktionell religiöse Themen aufzugreifen bis hin in die Fernsehspiele hinein. Ich selbst habe etwas getan, was mir auch Kritik eingebracht hat: ich habe versucht selbst den Islam einzubinden durch eine „Islamisches Wort“ allerdings unter unserer redaktionellen Verantwortung. Aber nur im Internet als ersten Versuch, weil ich islamistische Tendenzen ohnehin, aber auch manche islamischen Tendenzen sehr kritisch sehe, aber der Meinung war, wenn man sie kritisch sieht muss man ein Angebot machen. Und meine stille Hoffnung war und ist, dass wir mit dem Vordringen des Islam auch unsere eigenen kulturellen und religiösen Wurzeln wieder stärker zum Bewusstsein bringen müssen”. Ist dieses Experiment gelungen? Es ist gelungen. Die Ausweitung ist aber schwierig, weil es auf islamischer Seite keine wirklichen institutionellen Ansprechpartner gibt. Es gibt keine öffentlich-rechtlich verfaßte islamische Glaubengemeinschaft, die man mit den Kirchen vergleichen könnte und die -wenn es sie gäbe – auch in unseren Gremien vertreten sein könnten. Das steckt alles erst in den Anfängen und wird sich hoffentlich noch entwickeln. Es ist bekannt: die Medien haben Einfluss auf die Politik. Welchen Einfluss haben die Medien auf die Religion? Hat die Religion auch Einfluss auf die Medien? „Der Einfluss der Religion, auch der Einfluss der religiösen Institutionen ist sicherlich zurückgegangen, weil die agnostische Säkularisierungswelle auch den Journalismus stark erfasst hat. Umgekehrt haben die Medien schon sehr großen Einfluss auf religiöse Einstellungen, nicht so sehr auf konkrete, geglaubte Lehrsätze, aber auf das religiöse Empfinden. Und sie haben auch Einfluss der Kritikfähigkeit. Eine der großen Leistungen des SWR war wirklich eine Sendung über Scienthologie, die auch riskant war, weil diese Sekte alles versucht hat, unsere Ausstrahlung zu verhindern. Also wir haben schon Einfluss und damit natürlich eine große Verantwortung”. Sie sind Protestant. Was gefällt Ihnen an der katholischen Kirche, was nicht? „Also ich habe grundsätzlich –insofern bin ich befangen, weil ich noch nicht einmal weiß, ob ich ein Gläubiger bin oder nicht, vielleicht bin ich es auch ohne es zu wissen – habe ich ein Grundvertrauen in eine höhere Instanz, ohne mir dessen immer bewusst zu sein. Ich habe mit konkreten Lehrsätzen beider Kirchen meine Probleme und bewundere an der katholischen Kirche etwas, was zugleich die Schattenseite ist: ihre große Geschlossenheit. Das ist gleichzeitig auch ein Problem bei bestimmten Themen, die in aller Munde sind – ob es der Ausschluss der Frauen vom Priesteramt ist, der natürlich dogmatisch begründet ist, oder eben auch eine kirchenrechtliche Frage wie die zölibatäre Existenz der Priester. Ich glaube, darin liegt zwar nicht das Kernproblem, aber liegen zumindest in Mitteleuropa große Akzeptanzprobleme. Nur der Kern des Glaubens – Liebe, Glaube, Hoffnung – der ist für mich unantastbar. Und da stelle ich mir die Frage immer: welche Institution ist am ehesten geeignet, die Lehre zu bewahren und weiterzugeben und die Menschen immer damit zu konfrontieren. Und das ist sicher heute – weltweit gesehen- die katholische Kirche”. Sie haben viele hervorragende Kirchenmänner interviewt. Hans Küng, Wolfgang Huber, Erzbischof Foley. Mit Sicherheit würden Sie auch gerne ein Interview mit Papst Benedikt führen. Welche Frage würden Sie ihm auf jeden Fall stellen? „Ich wollte dem Papst sicher nach dem Kern seines Glaubens fragen und ihm in Grunde die Fragen stellen, die Sie mir gerade gestellt haben. Darauf würde ich sicher versuchen, ganz stark einzugehen: bleibt es bei der Volkskirche? Und damit der öffentlich-rechtlichen verfassten Kirche? Oder kehren wir zurück zu einer Form die an die Urkirche erinnert? Nämlich eine Minderheit die völlig aus eigener Kraft und ohne Verbindung zur Gesellschaft und Politik sozusagen – ich hätte fast gesagt, wie im heutige China, nur ohne Verfolgung – als wenig beachtete Minderheit von „Sonderlingen“ existiert. Vielleicht ist das die Zukunft der Kirche. Aber ich würde es mir nicht wünschen, weil ich mir eine möglichst großen Einfluss der Institution Kirche im positiven Sinne auf die Gesellschaft wünsche”. Sie haben viele hervorragende Kirchenmänner interviewt. Hans Küng, Wolfgang Huber, Erzbischof Foley. Mit Sicherheit würden Sie auch gerne ein Interview mit Papst Benedikt führen. Welche Frage würden Sie ihm auf jeden Fall stellen? „Hoffentlich nicht nur Unternehmens- und Organisationskommunikation sondern hoffentlich lernen sie von uns auch, dass Transparenz , die beste Unternehmenspolitik ist. Man sieht am Beispiel von BP nach dem Unglück im Golf von Mexiko oder auch bei der deutschen Bahn wenn es mal mehr schneite als sonst, dass Unternehmen aber auch Parteien und Institutionen gravierende Fehler machen bei der Vermittlung ihrer legitimen Interessen und Ziele, weil sie oft die Antwort verweigern oder nicht ganz offen sind. Und das wäre aber genau richtig, weil es auf lange Sicht die einzige vertrauensbildende Politik ist. Und das versuchen wir unter anderem den Studierenden zu vermitteln”. Auf Ihrem Lehrplan stehen also auch Ethikfragen; welche der christlichen Grundwerte halten Sie für die entscheidenden? „Ich denke das Gebot der Nächstenliebe, das ja nach meiner Auffassung nicht sekular, sondern nur religiös begründet werden kann. Sie ist der zentrale Wert, der natürlich nicht 1:1 umsetzbar ist. Da bräuchte man ja keinen Staat und keine Politik mehr. Keine Gesetze und keinen Sozialstaat wenn wir alle im Sinne der christlichen Ethik sozial wären. Es ist alles zurückzuführen auf das Gebot der Nächstenliebe und natürlich auch auf dem Wert der Menschenwürde. Denn das Christentum hat eigentlich die Würde der Einzelperson durchgesetzt. Un das halte ich für zentral”. Sie lieben Lyrik. Sie selbst haben Gedichte geschrieben. Gibt es eines, das Sie abschließend rezitieren möchten? Es gibt ein Gedicht, das heißt Kunst: Es liegt was in der Luft, Aldo Parmeggiani
Jörg-Dietrich Hoppe, seit 1999 ununterbrochen Präsident der Bundesärztekammer und des Deutschen Ärtztages feiert seinen 70. Geburtstag. Hoppe gehört zu den Hauptakteuren im deutschen Gesundheitswesen. Er gilt als Integrationsfigur und kritischer Mahner in ethischen Fragen. Nach seinem Medizinstudium in Köln bildete er sich in den Fachgebieten Pathologie und Allgemeinmedizin weiter. Hoppe ist auch als Hochschullehrer und als Honorarprofessor an der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln tätig. In seiner jetzigen, dritten Amtszeit als Ärztekammerpräsident geht es ihm nach eigenen Bekunden vor allem um eine bessere Patientenversorgung, mehr Transparenz bei der Rationierung und um den Kampf um die ärztliche Freiberuflichkeit. Zugleich meldet sich Hoppe immer wieder bei ethischen Fragen zu Wort. Mit seinem kategorischen Nein zu verbrauchender Embryonenforschung, Präimplantationsdiagnostik und aktiver Sterbehilfe stellt sich der Katholik Hoppe auch gegen Strömungen unnerhalb der Ärzteschaft. Immer wieder mahnt er auch zur Neuregelung der Spätabtreibungen. – 1940 in Thorn n der Weichsel geboren, lebte er mit seiner Familie nach der Flucht nach Westdeutschland zunächst in Recklinghausen, später in der Eifel, in Köln und Düren. Eigentlich wollte Hoppe Musiker werden, entschloss sich später aber, für den Beruf eines Arztes - bei dem er allerdings auch wieder die erste Geige spielt. Für ihn sind Musik und Medizin keine Gegensätze, sondern Ergänzung und Symbiose.
Manfred Bissinger, Jahrgang 1940, ist seit 2002 geschäftsführender Herausgeber
Hans-Gert Pöttering wurde am 15. September 1945 in Bersenbrück Niedersachsen geboren. Seinen Vater, der in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges gefallen ist, hat er nie kennen gelernt. Dieses persönliche Schicksal hat in ihm die Überzeugung stark werden lassen, sich schon sehr früh politisch zu engagieren. Es hat seinen Weg in die Europapolitik maßgeblich mitbestimmt. 1979 wird Pöttering in das damals erstmals direkt gewählte Europaparlament eingezogen und gehört seitdem bis heute dieser politischen Großinstitution an. Er ist übrigens der einzige Europaparlamentarier, der seit der 1. Direktwahl durchgehend gewählt worden ist. Ein einsamer Rekord. Das Europäische Parlament stand dann zwei Jahre lang, von 2007-2009 unter seiner Stabführung. Heute ist Hans-Gert Pöttering Präsident der weltweit vertretenen Konrad-Adenauer-Stiftung. - Europa ist die große Leidenschaft von Hans-Gert – Pöttering, gleichzeitig seine große Herausforderung. Wie er das Europa von morgen sieht, lautet unsere erste Frage an ihn:
Für eine ganze Generation von Christen, vielleicht sogar für mehrere, gehören seine Lieder in den Alltag der Kirche. Ein Takt von ‚Kleines Senfkorn Hoffnung’, von ‚Wenn Einer Alleine Träumt’ oder von ‚Alle Knospen Springen Auf’ und sofort können wir die Melodien mitsummen. Komponist ist der 1940 in Bockum-Hövel geborene Westfale Ludger Edelkötter. Mit seinen Liedern, Musicals und mit seiner Musikpädagogik hat er das Neue Geistliche Lied geprägt wie kaum ein Anderer. In unserem Gespräch geht es um Musik, das Erschaffen von Musik, um musikalische Vorbilder und darum, was Musik im Glauben und im Leben erreichen kann. Beginnen wir unser Gespräch mit der Musik. Wie sind Sie zur Musik gekommen? Haben Sie das gelernt? „Ja, ich habe studiert und war auch in einem Orchester. Im Orchester habe ich mich allerdings nicht sehr wohl gefühlt: Die Gruppe war zu groß. Ich habe dann eine Begegnung gehabt. Ich glaube, dass es Begegnungen sind, die uns prägen können und die uns helfen können, auf unserem Weg durch die Zeit. Ich habe den Peter Jansen kennen gelernt. Und dem Pit bin ich unheimlich dankbar. Ich war fasziniert, weil er Jugendliche um sich hatte, sehr viele Jugendliche, und denen leuchteten die Augen. Er hatte Lieder. Und das ist so ein gewaltiger Unterschied gewesen, die waren so begeistert. Ich bin dann mit ihm mitgefahren und habe ein Musical erlebt, wo Tausende in einer Halle waren – das war mit Ernesto Cardenal – und das hat mich fasziniert. Zunächst als Musiker: dass so etwas überhaupt geht und viel mehr bewegen kann – ich bin an und für sich Oboist – als wenn einer die Klassische Musik lobt, die ganz wenige verstehen. Außerdem war ich begeistert, dass dort Seelen berührt werden, dass was passiert. Das hat mich bewegt und das hat mein Leben bestimmt. Ich wollte das ja gar nicht so machen, das kam dann so. Im Grunde geht das bis heute. Ich möchte durch die Musik eine Botschaft vermitteln, wenn ich ein Anliegen habe. Das hat mich persönlich gesunden lassen. Und das hat mich unglaublich beschenkt.“ Als Sie anfingen, war das Neue Geistliche Lied ja noch in den Kinderschuhen. Was waren ihre musikalischen Vorbilder? Für sich persönlich und für Ihre Musik? „Mein musikalisches Vorbild ist der Choral. Wir haben bei mir in der Familie ein Lied und wenn ganz große Probleme waren – ich habe ja praktisch den Krieg noch erlebt, wir hatten nichts zu essen – dann wurde gesungen und meine Mutter hat eine Kerze angesteckt. Wir haben zum Beispiel den Choral ‚Wer Nur Den Lieben Gott Lässt Walten’ gesungen. Sind das denn Liedchen? „Nein. Ich weiß, dass Lieder etwas bewirken. Die Entstehung kann manchmal ganz simpel sein. ‚Kleines Senfkorn Hoffnung’: Da rief mich mein Freund Ali an. Er hatte ein großes Diözesantreffen und er sagte „Ludger, Ludger, Mensch, wir brauchen noch’ nen Hit! Wir brauchen irgendetwas, was sich durch die Tage zieht, da kommen Tausende von Jugendlichen und wir wollten etwas zum Thema Senfkorn machen.“ Und so ist innerhalb von eineinhalb Tagen ‚Kleines Senfkorn Hoffnung’ entstanden, übers Telefon. Und es lebt heute noch.“ Was hat Sie denn bei dieser Art Musik gehalten oder was treibt Sie an, gerade auf diese Weise Musik zu machen? „Ich finde es toll, wenn etwas bewirkt wird. Ich habe einmal ein Lied gemacht, das ging so: „Es kommt kein Prinz / der dich erlöst / wenn du die Jahre blöd verdöst / wenn du den Verstand nicht übst / und das Denken stets auf Morgen schiebst“ und dieses Lied lief mal im Kinderfunk. Ich war dann in Düsseldorf, es regnete und ich stand im Parkverbot – das musste ich dann auch noch zahlen – und dann hörte ich von ganz oben wie jemand am Klavier mein Lied übte. Da war auch mal ein Ton verkehrt, aber da war einer, der meine Melodie spielte, ich habe mir vorgestellt, dass das ein Kind war. Das war wunderbar, ich habe mich ganz nass regnen lassen, so glücklich war ich. Sie setzen sich in Ihren Liedern für viel ein, für Glauben an Christus, für Frieden, für Gemeinschaft, und meistens sprechen Ihre Lieder gegen etwas, was dem entgegensteht. Kämpfen Ihre Lieder? „Meine Musik kämpft? Nein. Sie wirbt. Eine Musik, ein Lied kann auch nichts verändern. Aber ein Lied kann sein wie ein Gedankenstrich. Du kannst einen Moment innehalten und nachdenken. Und schön ist bei der Musik, wenn eine Melodie dich berührt. Das geht mit dir mit und in der Melodie ist ein Gedanke und der kann dir Mut geben und der kann dir positive Gedanken geben und vielleicht auch Erkenntnis.“ Wie kommen Sie dazu, so ein Lied zu schreiben, das positive Gedanken und vielleicht auch Erkenntnis geben kann? „Ich mach Musik, das kann ich ganz gut, und ich kann auch Melodien machen, die von vielen geliebt werden. Das ist ja auch nicht selbstverständlich. Und dann habe ich Leute gesucht, die theologisch fundiert sind und die dann auch noch Lyriker sind. Und das ist immer noch nicht genug. Die müssen Worte finden, die ich gerne spreche. Es gibt Worte, die sind schwierig zu singen, die ich nicht so gut singen kann. Wenn das dann insgesamt stimmig ist, dann kann es passieren, dass Lieder entstehen, die über lange Zeit dauern und die immer weiter getragen werden.“ Viele von Ihren Liedern sind ja schon Volksgut, in manchen Veröffentlichungen erscheint ja noch nicht einmal mehr Ihr Name als Komponist, so selbstverständlich sind sie geworden. „Da mogeln die ja auch. ‚Herr Gib Uns Deinen Frieden’ ist zum Beispiel auch als Volksgut bekannt. Ich werde, glaube ich, viel gesungen in Kirchen. Wenn ich dann irgendwo hinkomme werde ich öfters gefragt, ob ich auch ein Lied spielen würde, was andere geschrieben haben. Dann sage ich selbstverständlich ja, wenn ich die Noten und den Text bekomme. Und dann ist es nicht selten mein eigenes. Es gibt glaube ich nichts Schöneres, als wenn man einen Gedanken hat, der dann auch begeistert aufgenommen wird. Und das ist schön, wenn du Musik machst, und das kommt an.“ Vor allem in der Liturgie sind Ihre Lieder gern gesungen, weil sie ja auch einfach mitzusingen sind. Was für eine Rolle spielen Lieder für Sie in der Liturgie? „Es hat vielleicht mir dem Zweiten Vatikanischen Konzil zu tun. Das war toll damals. Die Gemeinschaft im Gottesdienst ist wichtig für mich. Das gesungene Lied, der gesungene Gedanke, der liturgische Gedanke gemeinsam gesungen, erzeugt eine Gemeinschaft. Und das, was ich dort singe, sollte ich bitte nur singen, wenn ich das auch glaube. Wenn in der Liturgie, sagen wir, ein Hallelujah wirklich aus mir herausbricht und ich einen Anlass habe, Hallelujah zu singen – es gibt nichts Schöneres, als sich zu freuen. Aber wenn ich keine Freude habe und keinen Anlass und nur seelenlos herableiere, sehe ich persönlich die Gefahr der Zerstörung in mir. Es gibt auch eine Gotteslästerung. Ich darf, meine ich, mich nicht gedankenlos dem Gottesdienst nähern. Ich kann gedankenlos sein, ich falle ja in Gottes Hand, ich bin geborgen. Aber das heißt nicht, dass ich gedankenlos mit dem Wort Gottes umgehe. Dazu gehört auch, dass ich nicht ohne inneren Glauben Worte verkünde, die anscheinend für mich nicht voller Bedeutung sind.“ Würden Sie heute, mit fast siebzig, Dinge anders machen, Lieder anders schreiben? „Man will immer alles anders machen und besser machen. Aber es gibt dann auch einen Moment, wo man dann sagt „das ist perfekt“. Dann ist das so. Wenn ich zum Beispiel einen Kanon nehme, ‚Herr Gib Uns Deinen Frieden’ etwa. Damit geht man schwanger. Als erstes hörte ich Posaunen, die „Frieden“ sangen. Damit bin ich singend spazieren gegangen. „Gib uns deinen Frieden“ kam dann dazu und ich habe gesehen, dass ich das so gut zusammenlegen kann, das klingt gut. Und dann kommt der Rest der Melodie dazu, wenn es passt und so wächst das weiter. Ich kann dann noch ganz viel anders machen und hinzufügen, aber insgesamt ist dieser kleine Gesang in sich abgeschlossen.“ In Ihren Liedern kommt häufig Jesus vor, unter den Menschen. ‚Jesus Wohnt In Unserer Straße’ ist ein Beispiel. Was für eine Rolle spielt Christus für Sie, was ist das für einer, der da unter den Menschen ist? „Ich habe mit Alois Albrecht einen Titel gemacht – der ist ja auch bekannt durch seinen Text für ‚Kleines Senfkorn Hoffnung’ – der hieß ‚Du Anstifter Der Liebe’. Ich habe gesagt, dass das eigentlich „Brandstifter“ heißen muss. Er ist jemand, der das Feuer nicht auf die Erde warf, so dass es glimmt und einen ein wenig erwärmt, sondern der wollte, dass es brennt. Und der wollte, dass Dinge eventuell verbrennen. Er wollte, dass was passiert, so empfinde ich das. Wenn der Glaube nicht beseelt, dann fehlt was. Ich glaube dass irgendwie jeder Mensch zumindest eine tiefe Sehnsucht hat nach diesem Fünkchen. Wir nennen es vielleicht Gnade oder Hoffnung, es gibt viele Worte.“ In ihrem Musikerleben: Was war der Höhepunkt, was ist vielleicht ein ganz besonderer Moment ihrer Karriere? Papst Paul. Das war schon eine irre Geschichte ganz nah bei ihm zu sein und ihm einen Kanoneinsatz rüberzureichen. Das war schon toll. „Du bist Petrus, der Fels“, ich wollte immer schon einmal ein großes Stück machen, nur darüber. „Du bist Petrus“. Sie haben fast den siebzigsten Geburtstag erreicht, vielleicht die richtige Zeit zu fragen, was denn das nächste Projekt ist. „Ein Projekt, an dem ich arbeite, ist einmal eines gemeinsam mit Missio: Wir machen eventuell zwei Platten zusammen. Ein anderes Projekt: Ich würde gerne ein Stück schreiben, ein Musical für Jugendliche, also für die junge Gemeinde, in dem ich die Not, die im Augenblick in dieser Zeit liegt, stationsweise anspreche, vielleicht durch Erlebnisse, durch eine Geschichte, die passiert ist. Die ganze Presse ist immer voll, man braucht nur schauen. Ich habe immer Kraft, wenn ich sie brauche und wenn ich mich den Dingen widme, die in mir ein bisschen brennen. Was heißt ein bisschen – die brennen!“ |
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