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Zum Runden Geburtstag
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Dieter Stolte – Magier der Medienwelt

(Sendung: 8.November 2009)

Prof. Dr.Stolte arbeitete bereits 1961 beim Aufbau  des Saarländischen Rundfunks mit, wechselte dann zum ZDF in Mainz und ging als Fernsehdirektor zum Südwestfunk nach Baden-Baden. 1981 wurde Stolte Intendant des ZDF. Mit ihm trat der erste Medienpraktiker an die Spitze des Mainzer Senders, eine der größten europäischen Sendeanstalten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.  Dieter Stolte leitete dieses Amt 20 Jahre lang. Dann wurde der herausragende Medienmann Herausgeber der Axel-Springer Zeitung “Welt” und ‘Berliner Morgenblatt’ und ist als Berater dieser Gruppe bis heute tätig.

Herr Professor Stolte,  Sie waren lange Zeit Intendant einer der größten Fernehanstalten Europas. Verantwortlich fùr den journalistischen Bereich, verantwortlich für gesellschaftspolitiche Entwicklungen, für die Kultur, die Kunst, das Theater, die Musik, die Unterhaltung und natürlich für den finanziellen und wirtschaftlichen Bereich eines bedeutenden Medienunternehmens. Zu welcher dieser jeweils grundverschiedenen Aufgaben fühlten Sie sich innerlich am meisten hingezogen?
 
’Innerlich habe ich mich am meisten zu allen philosophischen, religiösen und gesellschaftlichen Fragen hingezogen gefühlt. Das Fernsehen ist ein Medium von Menschen für Menschen  gemacht. Ich habe immer gespürt, dass das eine besondere Verantwortung ist.
 
Wann haben Sie frühestens erkannt, dass Sie über ein besonderes Talent für eine allumfassende Öffentlichkleitsarbeit verfügen? Gab es da einen
besonderen, entscheidenden Augenblick, in dem Ihnen bewußt wurde: das ist mein Weg?
 
‘Nein, es gab keine Berufsplanung, ich wollte nicht in die Medien gehen.Ich habe während meines Studiums für Zeitungen, Zeitschriften und Hörfunkanstalten gearbeitet, nicht aber um dort meine endgültige Berufsausbildung zu finden und meinen Berufsweg zu gehen, sondern um Geld zu verdienen. Mein eigentliches Ziel war Professor für Philosophie zu werden’.
 
Sie konnten sich nach Beobachter-Meinung bei Ihrem Ausscheiden beim ZDF, das Sie 20 Jahre geleitet haben, mit Recht als der Mann würdigen lassen, der dem Fernsehen einen sicheren Platz in der deutschen Medienlandschaft gesichert hat. Was hat sich seither geändert? Was denken Sie über das Fernsehen heute? Ist es besser, ist es schlechter geworden?

‘Also die Veränderungen, die eingetreten sind, sind technikbedingt. Das Medium Fernsehen ist immer ein technikgetriebenes Medium gewesen. Es ist mit dem Jahre 1982, -  Bernhard Vogel, der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, hat dies einmal als Ur-Knall bezeichnet- , das duale Rundfunksystem eingeführt worden. Das hat einen Wettbewerb herbeigeführt und dieser Wettbewerb hat sich nicht segensreich auf die Entwicklung des Fernsehens ausgewirkt’.
 
Der Ondine-Dienst ist ja für beide Bereiche – Fernsehen und Printmedien – zu einem nicht mehr wegzudenkenden Instrument geworden. Sie waren auch auf dieser Ebene ein Pionier. Herr Professor Stolte: Internet, quo vadis?
 
‘Das Internet wird das Fernsehen grundlegend verändern. Es wird erstens die Konkurrenz weiter anheizen, Es wird neben dem Kabel-, neben dem
Satellitenbereich eine weitere Plattform sein, auf der man Programme verbreiten kann. Hinzu kommt, dass ein nur unzureichend regulierter Internetmarkt entsteht, auf dem sich jeder tummeln kann, ohne dass er dafür die entsprechende moralische Kompetenz hat. Das wird zu einer ziemlich komplizierten Konfusion führen’.
 
Für einen öffentlich-rechtlichen Sender sind kritisches Bewußtsein, Weitsicht, Toleranz, Überparteilichkeit besonders wichtig. Welche Grundlinie würden Sie noch hinzufügen, und welche würden Sie als die wichtigste erachten?
 
‘Ich glaube, dass – wer ein solche Medium in der Hand hat – sei es als Intendant, Programmdirektor, Chefredakteur oder Moderator – über eine moralische Kompetenz verfügen muss. Diese moralische Kompetenz erwirbt man sich dadurch, dass man auch sich selbst gegenüber ganz bestimmte Werte abfordert und auch versucht, diese Werte zu realisieren’.
 
Laut mehreren Umfragen steht der Journalismus in einer Vertrauenskrise. Haben wir es heute nicht nur mit einer zunehmenden Politikerverdrossenheit, sondern auch mit einer Journalismusverdrossenheit zu tun? Wenn ja, warum?
 
‘Richtig ist, dass Politik und Journalismus aufeinander bezogene Pole sind, die beide für die Öffentlichkeit und für die Gesellschaft arbeiten. Je mehr die eine Seite in einem schlechten Ruf steht, desto größer wäre die Verantwortung der Journalisten, das entsprechend zu moderieren und auch zu korrigieren. Da muss ich zugeben: das findet heute nicht ausreichend statt. Auch der Jornalismus ist heute sehr stark wettbewerbsgetrieben so wie die Parteien auch schon immer wettbewerbsgetrieben waren. Das eine bedingt das andere und das hat sich durch den Wettbewerb beschleunigt und leider nicht verbessert’.
 
Welchen Einfluss haben die Medien auf die junge Generation? Die Medien sind im Allgemeinen keine moralischen Anstalten, sondern Wirtschaftsunternehmen.deren Bilanzen stimmen müssen. Umfragen besagen, dass das Fernsehen weit mehr Einfluss auf Jugendliche ausübt, als etwa Eltern oder Lehrer und Schule.
 
‘Ich glaube, dass der Einfluss der Medien auf junge Menschen nicht kausaler Natur ist, sondern dass die Medien auf die Sprache, auf das habituelle Verhalten, auf die Verhaltensweise, auf die Moral eine besondere Wirkung haben. Leider nicht immer in einem positiven, sondern negativen Sinne’.
 
Ist das Angebot der rechtlich-öffentlichen Sendeanstalten in Deutschland für den katholischen Bereich hinreichend? Könnten Sie sich vorstellen, dass ein eigener TV-Kirchensender in Deutschland Erfolg haben könnte?
 
‘Lezteres glaube ich nicht. Ich habe mich immer dafür eingesetzt, dass öffentlich-rechtliche Anstalten die Botschaft der beiden großen Kirchen in Deutschland zur Geltung bringen und dass es nicht notwendig ist, dass ein eigenes katholisches Fernsehprogramm in der Trägerschaft der Kirchen –sei es der katholischen oder der evangelischen Kirche – angeboten wird. Das ist viel zu kostenintensiv und zu mühsam.’
 
Ich darf, da es sich um ein Geburtstagsgespräch handelt, Ihnen jetzt bitte auch ein paar persönliche Fragen stellen.Was verdanken Sie Ihren Eltern, Ihrer Familie?
 
‘Ich verdanke meinen Eltern vor allem eine sehr klare religiöse, nicht frömmelnde aber religiöse und moralische an Werte gebundene Erziehung.’
 
Welche prägenden Eindrücke haben Sie aus Ihrer Jugendzeit mit ins spätere Leben genommen?
 
‘Ich bin ein Kind der Kriegs- und Nachkriegszeit gewesen, das durch Flucht, Vertreibung und Bombenschaden geprägt ist. Ich habe von 1944 bis 1953  in der DDR,  also in einem politischen Unrechtssystem gelebt. Diese Jahre haben mich außerordentlich geprägt, im Sinne auch der entschiedenen Positionen gegenüber allen Gruppen und Menschen, die versuchen, einen unzulässigen Einfluss auf Menschen und Gesellschaft zu nehmen’.
 
Sie werden im Munzinger-Archiv als römisch-katholisch angegeben. Tragen Sie diese Bezeichnung außer auf dem Papier auch in Ihrem Herzen?
 
‘Das kann ich mit Ja beantworten!’
 
Zu welchen christlichen Werten fühlen Sie sich besonders hingezogen oder vielleicht sogar verpflichtet?
 
‘Ich fühle mich besonders hingezogen zu dem, was die katholische Kirche Caritas nennt und was wir heute in unserer Gesellschaft Solidarität nennen’. Meine persönliche Arbeit – die jetzt gar nicht mit zusätzlichem Geldverdienen zu tun hat - ist immer eine Arbeit des sozialen Engagements sowohl bezogen auf einzelne Menschen, wie auf das Gesamtgesellschaftliche. Ich versuche – wann immer es möglich ist – irgendjemanden der, ob zu recht oder zu unrecht, am Straßenrand der U- oder S-Bahn hier in Berlin die Hand aufhält, nicht zu übersehen und wegzuschauen, sondern einen kleinen Obulus zu geben, immer in der Hoffnung, dass er in die richtige Hand kommt’.
 
’Der Geist weht wo er will, und Du hörst seine Wehen wohl, aber Du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht’, heißt es im Neuen Testament. Welcher Geist weht in unserer Zeit und wohin wird er gehen?
 
‘Also wehen tut der Geist des Egoismus, der Gedankenlosigkeit und der zunehmenden Interesselosigkeit. Wohin das führt? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich muss jede Gesellschaft – und das ist ja nicht etwas, was man wünschen kann – alle Jahrzehnte durch eine besondere Belastung oder Erschütterung hindurch, damit sie aufgerüttelt wird und weiß, um was es geht. Ich bin schon sehr besorgt über das Ausmaß an Gedankenlosigkeit, Interesselosigkeit und Egoismus, das in unserer Gesellschaft feststellbar ist’.
 
Wie hat man sich so eine besondere Belastung,  Erschütterung und daraus resultierende Katharsis vorzustellen?
 
‘Vielleicht führt die weltwirtschaftliche Krise, in der wir uns befinden und die internationale Finanzlage auch dazu, dass wir uns über die moralischen Bedingungen, das ist ja auch eine Form von Erschütterung, die im Augenblick nur als ein leichtes Beben innerhalb unserer einzelnen Völker erkennbar wird – vielleicht führt diese Krise dann auch dazu, schon jetzt in dieser Form, wie wir es wahrnehmen, dass wir uns über die moralischen Grundsätze unseres Handelns, und zwar auch im politischen, wirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Bereich, sowohl als Individuum, aber auch als Gruppe stärker bewußt werden’.
 
Herr Professor Stolte: Sie haben von Ihren Mitarbeitern beim ZDF ein ganz besonderes Abschiedsgeschenk bekommen: Sie wurden mit einem Astroiden – einem im Oktober 1990 entdeckten Himmelskörper - beschenkt, der nun auf den Namen ‘Stolte’ registriert ist. Denken Sie schon an ein außerirdisches Fernsehen?
 
‘Ich muss sagen, ich bin damals sehr verblüfft gewesen: ich wußte, was Astroiden sind, ich wußte aber nicht, wie die Namensgebung dieser Sterne erfolgt. Nur derjenige, der den Stern entdeckt hat, verfügt auch über das Recht, diesem Stern einen Namen zu geben. Meine Mitarbeiter hatten meine Tätigkeit beobachtet, auch meinen Einsatz für den grenzüberschreitenden Satellitenempfang im deutschsprachigen Kulturraum  Dadurch ist mir diese Ehre zuteil geworden, neben anderen Persönlichkeiten unserer Zeit – ich erinnere mich zum Beispiel an Einstein, mit dem ich mich wahrlich nicht zu vergleichen wage. Aber an ein außerirdischen Fernsehen habe ich noch nie gedacht.
 
Sie bleiben lieber hier auf unserer schönen Erde….
 
‘Ich bleibe lieber hier auf unserer schönen Erde. Ich habe auch das Gefühl, hier gibt es genügend zu tun und ich freue mich, dass ich dieses auch in meiner jetztigen Lebensphase noch tun kann.’
 
Wir danken Ihnen für dieses Gespräch und möchten noch unsere besten Wünsche zu Ihrem runden Geburtstag hinzufügen.
 
Aldo Parmeggiani


Kurienkardinal Paul-Josef Cordes – 75 Jahre
(Sendung: 11.10.2009)

Kurienkardinal Paul Josef Cordes feiert in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag. Der dienstälteste deutsche Kardinal steht seit rund 30 Jahren in päpstlichen Diensten. Zunächst als Vizepräsident des Laienrates, dann als Präsident des Rates ‘Cor unum’, der für die karitativen Aufgaben der katholischen Kirche zuständig ist und eine Art Entwicklungsministerium des Vatikans darstellt.
Seit 2007 gehört Cordes dem Kardinalskollegium an. Mit 75 Jahren erreichen die Kardinäle zwar die offizielle vatikanische Pensionsgrenze, doch es gilt als sicher, dass Papst Benedikt XVI. Kardinal Cordes bitten wird, noch im Amt zu bleiben. Cordes machte sich schon früh als einer der Gründer der Weltjugendtage einen Namen. Papst Johannes Paul II. machte sie zur festen Einrichtung. Als Präsident des Päpstlichen Rates ‘Cor unum’ koordiniert Kardinal Cordes weltweite Hilfstätigkeiten der katholischen Kirche. Regelmäßig reist er in  die Krisenregionen und Katastrophengebiete, aber auch in die politischen Machtzentralen, um Hilfe zu ermöglichen. Mit Kardinal Kasper und Bischof Clemens gehört Kardinal Paul Josef Cordes zu den wenigen Deutschen, die eine Führungsposition im Vatikan bekleiden.
 
*Herr Kardinal, das erste Gebot der Christenheit lautet: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Sie nehmen in der katholischen Weltkirche eine Aufgabe wahr, die diesem Gebot besonders nahe kommt: Sie praktizieren Nächstenliebe täglich, konkret und weltweit. Was ist für dieses Amt entscheidend?
 
‘Zunächst scheint mir, dass dieses Gebot der Nächstenliebe inzwischen ein Element westlicher Kultur geworden ist. Wir können uns darüber freuen, dass wohl keine Anregung, keine Verpflichtung des Herrn so nachdrücklich übergekommen ist in die Menschheit, mindestens in der westlichen Welt, wie dieses Gebot ‘Liebe den Nächsten’. Es gehört heute fast schon zum guten Ton. Für mich ist in dieser Welt das Wichtigste, dass wir angesichts dieses Gebotes der Nächstenliebe nicht die ursprüngliche Formulierung übersehen, wie sie von Jesus her kommt, Eigentlich redet Jesus vom Gebot der Nächstenliebe ja als von dem Zweiten, das dem Ersten gleich ist. Das heißt also: er beginnt damit, zu sagen, du sollst Gott deinen Herrn lieben aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, aus ganzer Kraft und mit all deinen Möglichkeiten. Dies ist das erste Gebot und dann zweitens: Liebe den Nächsten, wie dich selbst. Für mich ist es sehr wichtig, dass wir als Christen die Verbindung der Nächstenliebe mit der Gottesliebe in den Blick rücken. Damit auch in einer philantropischen, in einer humanitären Welt, die Ermöglichung des Liebens von Gott her nicht aus dem Blick kommt.
 
*.Sie reisen in jene Gegenden der Welt, die von furchtbaren Katastrophen, Kriegen, Hungersnöten, Völkermorden heimgesucht werden. Sie begegnen dem Unheil der Welt sozusagen in erster Person.
Wie gehen Sie mit der vielgestellten Frage um, warum Gott dies alles zuläßt?
 
’Ja, diese Frage wird manchmal vorwurfsvoll, manchmal aber auch in ernster Bedrückung gegenüber Repräsentanten der Religion, gegenüber Christen gestellt. Zunächst rührt das Elend in der Welt sehr häufig aus der Tatsache, dass Gott den Menschen frei erschaffen hat. Als ich zum Beispiel im Iran war, nach dem Krieg, da sah man, dass das Leid, das dort entstanden war, auch dadurch entstanden ist, weil Menschen Menschen bekämpften. Dass sie in ihrer Freiheit, den anderei niedermachen wollten. Dass Schmerz entsteht, weil Menschen andere hassen. Das ist die Folge des freien Menschen. Gott hat die Menschen nicht als jemanden geschaffen, der gezwungen wäre, das Gute zu tun, sondern er hat ihn frei geschaffen, weil die Liebe, die freie Antwort , nicht eine gezwungene Antwort will. Wir sind nicht wie die Tiere domestiziert, sondern wir müssen uns frei entscheiden und damit ist Gott das Risiko eingegangen, dass der Mensch in seiner Freiheit auch das Böse tut. Angefangen eben schon  bei Adam und Eva im Paradies. Aber es gibt noch eine zweite Dimension: das Elend entsteht dadurch, dass die Natur zurückschlägt, dass sie in irgendeiner Weise den Menschen leiden läßt – ich war jetzt gerade in Taiwan – wo vor kurzem ein Ziklon gehaust hat und eine große Überschwemmung und einen großen Erdrutsch zur Folge gehabt hat. Für diese Dinge kann man kaum - jedenfalls zunächst nicht – einen Menschen verantwortlich machen. Warum geschieht das alles? Und warum läßt Gott das zu? Diese Frage ist unendlich alt. Schon vom Beginn des Christentums, ja darüber hinaus, schon vor über 2000 Jahren hat man sie sich gestellt. Darauf gibt es auch keine Antwort die zufrieden stellen könnte, sodass man das Problem ablegt und sagt: das ist geregelt, darüber brauchen wir nicht mehr zu diskutieren. Aber ich habe weil ich oft auch konfrontiert werde, mit dem Elend, etwas gefunden beim Heiligen Augustinus: Augustinus hat sich schon mit diesem Problem auseinandergesetzt und er gibt eine überraschende Antwort: er sagt nämlich ‘si comprendis non est deus’ (Wenn du ihn verstehst, dann ist er nicht Gott). Gott überragt uns also immer, wir können ihm nicht in die Karten gucken. Und wir können ihn noch viel weniger herunterziehen sozusagen auf unsere Augenhöhe, um ihn zu zwingen, dass er sich rechtfertigt. Gerade in den Taten, die wir nicht verstehen, zeigt er uns, dass wir zu ihm aufzuschauen haben, dass wir sein Geschick anzunehmen haben. Dann schlägt virulent zu Buche, dass Jesus uns diesen allmächtigen Gott, der manchmal auch im Dunkeln ist, als Vater geoffenbart hat. Er hat das Gesicht eines Vaters. Und dann tritt unser Glaube in Kraft. Dass wir auch wenn wir ihn nicht verstehen, uns ihm anvertrauen, uns ihm übergeben und sagen: ich verstehe zwar nicht - so wie Job ihn auch nicht verstanden hat – aber ich vertraue dir. Ich liefere mich dir aus, ich vertrau mich dir an’.
 
 
* Wie wird diese Botschaft von jenen Menschen aufgenommen, die mit der Kirche, mit dem katholischen Glauben nichts zu tun haben?
 
‘Schon mal kommt es dazu, dass man anfängt, darüber zu reden. Ich glaube auch für uns gläubige Christen ist es schwer, diesen Schritt zu tun. Manchmal ist die Tatsache, dass man diesen Schritt nicht tun kann, gerade für solche, die nicht glauben, ein Hinweis darauf, dass sie eigentlich nicht in der vollen Wahrheit stehen. Dass die Wahrheit des Glaubens ihnen zum Leben verhelfen würde, wenn sie diese Wahrheit des Glaubens annehmen würden. Von daher ist – glaube ich – das Elend in der Welt eine Provokation für die Menschen. Man kann darauf reagiern wie Nietzsche – der Gott angeklagt hat - wie auch viele moderne Dichter Gott anklagen. Man kann es in Zeitungen immer wieder lesen. Aber wir können nicht leben - scheint mir – ohne dass wir Hoffnung haben. Ohne dass wir auf Zukunft setzen. Und diese Zukunft ist nur dann zum Guten für uns sichergestellt, wenn da ein allmächtiger Gott ist, der das Gesicht eines Vaters hat’.
 
 
*Ich denke, ein wichtiger Punkt Ihres Arbeitsfeldes ist auch der, dass Sie den Bedürftigen jeweils das Gefühl weitergeben, dass der Papst sie nicht alleine läßt. Das Sachliche ist zwar wichtig, aber es kommt auch darauf an, dass die Menschen die Anteilnahme spüren. Merken Sie das auf Ihren zahlreichen Reisen, Herr Kardinal?
 
’Ja, das ist eigentlich das, was uns am meisten ausfüllt. Niemand kann seinen Dienst tun, wenn er nicht eine Resonanz spürt. Diese Resonanz ist zunächst gegeben, in der materiellen Hilfe, die wir bringen. Unsere Abteilung im Vatikan versteht sich ja auch als die Caritas des Papstes. Nun kann man heute Geld leicht weiterschicken über die Bank in die allermeisten Zonen der Erde. Aber, es ist noch wichtiger, dass diese bedürftigen Menschen ein Gesicht sehen, sodass sie spüren: da steht eine Person dahinter. Wenn ich zurückdenke an die vielen Reisen, die ich gemacht habe, dann war das eigentlich immer der springende Punkt. Wenn ich sagen kann, ich komme vom Papst. Da spürt man, dass die Reaktion gegen das Unheil, gegen das Elend, gegen das Böse, mehr als materielle Hilfe fordert. Dass diese Reaktion eine emotionale Reaktion hat, die in den Blick kommt, wenn man Gesamtkirche und damit Papsttum repräsentiert. Wenn man in gewisser Weise den Menschen klarmachen kann: ihr seid nicht allein gelassen. Heute komme ich, aber es gibt viele andere, die an euch denken und die euch gegebenfalls auch helfen werden. Ich würde sagen, dass gerade die Bedürftigen, die die im Elend sind – nicht nur die Gläubigen -  aufleben, wenn jemand kommt, der von dem weißen Mann in Rom geschicht worden ist. Von daher versuchen wir immer auch gegenüber den Hilfsorganisationen deutlich zu machen, dass Hilfe mehr beinhalten muss, als nur materielle Elemente. Dass sie eine emotionale Dimension hat und dass die Hilfe erst dann vollkommen ist, wenn Vertrauen entsteht. Und wenn der Glaube ins Spiel kommt: dass Gott, der Vater im Himmel, die Zukunft in der Hand hat. Und das zu artikulieren, muss mit großer Diskretion geschehen. In unseren Trostworten muss deutlich werden: wir haben euch etwas gegeben, wir repräsentieren die Kirche, aber darüber hinaus gibt es den Vater im Himmel, dem ihr euch anvertrauen könnt  und in dessen Namen wir auch kommen. Wir lieben andere, weil wir geliebt sind. Das ist das Wichtigste, an dem Dienst  den‘Cor unum’ tun kann’.
 
*Wenn ich Sie recht verstehe, heißt das: die Kirche wird von den Menschen, die kirchlich nicht gebunden sind, in erster Linie wahrgenommen als Institution des Helfens. Was unterscheidet ‘Cor unum’ dann von anderen, großen Hilfsorganisationen, wie das ‘Rote Kreuz’ oder ähnliche staatliche Entwicklungshilfen?
 
‘Zu helfen, ich sagte das ja, ist heute ein Element der westlichen Kultur. Wir müssen darüber sehr dankbar sein. Es gab vor zwei Jahren eine Umfrage der Evangelischen Kirche in Hannover, eine soziale Umfrage unter kirchlich nicht Gebundenen in der DDR und eine der Fragen war: was halten Sie von der Kirche? Ein Großteil der Befragten antwortete: ‘Die Kirche ist eine gute Sache, denn sie hilft den Menschen’. Es ist also ein Charakteristikum auch von Außenstehenden, dass Kirche eine Hilfs-Institution ist. Das Helfen ist das Fenster durch das die Kirche wahrgenommen wird. Das ist eine sehr wichtige Sache. Worin liegt nun das Spezifische? Das Spezifische liegt darin, dass das Gebot der Nächstenliebe von Christus her an das Gebot der Gottesliebe gebunden worden ist. Die erste Enzyklika des Papstes ‘Gott ist die Liebe’ bringt das in wunderbarer Weise zum Ausdruck. Der Heilige Vater hat den ersten Teil geschrieben, nur über die Liebe zu Gott. Und wenn diese Liebe auch die karitative Tätigkeit in den Blick nimmt und orientieren will, dann gelingt die Orientierung der karitativen Liebe, die Nächstenliebe nur indem man auch immer wieder daran denkt: wo sind die Quellen unserer Liebesmöglichkeit? Was liegt dem zugrunde? Deshalb hat der Heilige Vater eben den ersten Teil der Enzyklika nur der Gottesliebe gewidmet. Es ist unsere große Aufgabe, dass wir in einer Welt der Philantropie, in einer Welt, in der das Helfen mindestens als Theorie unbestritten ist, dass wir in dieser Welt als Christen die Wurzeln und die Ermöglichung des Liebens von Gott her in den Blick nehmen, im Blick behalten, und von da her die kirchliche Liebensweise vom Tun - beispielsweise von Unicef oder vom Roten Kreuz - fundamental unterscheiden.’
 
 
*Priester, Weihbischof, Erzbischof, Kardinal: vollkommener und zielgerader könnte sich eine kirchliche Laufbahn, wie die Ihre, gar nicht präsentieren. Es wäre schön, wenn Sie hier die einzelnen Phasen Ihrer Lebensstationen kurz definieren würden. Das Priesterjahr, das von Papst Benedikt XVI. feliciter regnans in diesem Jahr ausgerufen wurde, könnte ein guter Anlass für die erste Frage dazu sein. Wie lautet der ureigne Auftrag des Priesters?
 
‘Zunächst muss ich sagen, dass meine Berufslaufbahn, wenn ich das mal so ansprechen soll, sehr kurvenreich war. Es war nicht das Anpeilen irgend eines besonderen Zieles, sondern es ergaben sich immer wieder neue Umstände. Ich habe mich zunächst ziemlich schwer getan, Theologie zu studieren und Priester zu werden. Ich habe auch nicht von ungefähr ein Jahr Medizinstudium vorgeschaltet. Im Hintergrund waren offenbar fromme Menschen, die viel für mich gebetet haben. Und die mir dann diese Tür zum Priestertum geöffnet haben. Schon als ich zum Priester geweiht war, hat mich die Theologie des Priestertums sehr interessiert. Als mein Regens in Paderborn mir dann sagte: ‘Wollen Sie noch eine Promotion schreiben?’, habe ich mich eigentlich diesem Thema zugewandt. Und habe damals promoviert bei den jetztigen Kardinal Lehmann – ich war sein erster Promovent in Mainz –  zu dem Thema prespitorum ordinis – zu dem Dekret des II.Vatikanums zu dem priesterlichen Dienst. Ich bin sehr dankbar, dass Benedikt in diesen etwas konfusen Zeiten für den priesterlichen Dienst, die Identität des Priesters nocheinmal in den Blick rücken will.  Mir scheint, dass durch manche Faktoren gesellschaftlicher Art – vielleicht auch durch neue technische Strukturen, wenn ich an die verschiedenen Räte denke – die Identität des Priesters sich in einigen Zonen der Erde, nicht zuletzt auch in Deutschland verdunkelt hat. Wenn ich höre, dass es im deutschsprachigen Raum Laien gibt, die Gemeinden leiten und dass der Priester, salopp ausgedrückt, eigentlich nur noch der ‘Sakramententäter’ ist, der von einer Gemeinde zur anderen zu rasen hat, dann halte ich das für eine problematische Entwicklung. Nicht nur, weil sie den Priester überfordert, sondern weil zum Wesen des Priestertums eben diese dreifache Sendung gehört: dass er das Wort verkündet, dass er die Liturgie feiert und dass er die Hauptverantwortung für die Gemeinde hat. Das heißt, für den Aufbau der Gemeinde. Und ich glaube, dass es manchmal auch an Berufungen fehlt, weil die Identität des Priesters nicht mehr klar genug ist. Wenn die Gemeinde geleitet wird, von nicht Geweihten, dann bedeutet das schon eine Reduzierung der Verantwortung des Priesters. Ich bin dankbar, dass der Heilige Vater das Jubiläum des Pfarrers von Ars zum Anlass nimmt, um ein Jahr des Priesters auszurufen, um den priesterlichen Dienst wieder in den Blick zu nehmen. Andererseits muss man sagen, dass ich immer wieder glückliche Priester gefunden habe. Wenn man jetzt sozusagen den Priester zum Märtyrer der Gegenwart macht, dann wird man ihm auch nicht gerecht. Erstens verliert er dadurch an Attraktion, und zum zweiten glaube ich auch, dass es wirklich erfüllte Priesterleben gibt. Ich bin ja auch nicht mehr der Allerjüngste und habe also wunderschöne Briefe bekommen, von Priestern, die ihren Dienst voll und ganz getan haben, die jetzt vielleicht auch an der Altersgrenze sind und die sehr, sehr glücklich zurückblicken auf ihr Leben. Priesterlicher Dienst lebt nicht vom Opfer, sondern er lebt auch von der Erfüllung, die wir alle brauchen, und diese Erfüllung gelingt. Man muss ihm seine von Gott gegebene Verantwortung belassen. Er muss seine Kompetenz behalten. Wenn man ihm das beläßt und wenn er das behält, dann kann er ein sehr glückliches Leben führen’.
 
*Nach der Tradition, die auf Jesus zurückgeht, überträgt die Kirche nur Männern das Priesteramt. In der lateinischen Tradition ist die Zulassung der Weihe überdies an die Bedingung geknüpft, dass der Priester die Ehelosigkeit, den Zölibat verspricht. Diese beiden Aspekte sind immer wieder Anlass für Diskussionen.
 
‘Zunächst einmal scheint mir, dass uns ein Blick auf christliche Glaubensgemeinschaften, die diese Bedingungen nicht voraussetzen, wenn jemand zum Priester geweiht wird, nicht ermutigt. Ich habe kürzlich gelesen, dass unter den fünf Bischöfinnen, die wir in Deutschland haben, vier geschieden sind. Ich will hier über niemanden den Stab brechen, aber, wenn man bestimmte Bedingungen, die gegeben sind, und an denen Anstoß genommen wird, beseitigen würde, dann wäre die Zukunft einer überzeugenden Glaubensverkündigung nicht unbedingt gewährleistet. Ich habe mich häufig unterhalten mit dem früheren Seelsorger am Flughafen in Frankfurt – weil ich auch sehr viel unterwegs bin – Pater Mader. Der ist 15 Jahre in Frankfurt Flughafen-Seelsorger gewesen. Er erzählte immer wieder, dass seine evangelischen Kollegen, sehr, sehr häufig gewechselt haben. Aus allen möglichen, auch persönlichen Gründen. Wie können wir die von Ihnen genannten Bedingungen überwinden? Dass Jesus selber positiv von der Ehelosigkeit um des Himmelreiches Willen redet, ist eine biblische Tatsache. Mir scheint, dass die Verkündigung des Reiches Gottes mit der endgültigen Erfüllung in der Anschauung Gottes, dass die glaubwürdiger ist, wenn die Prediger solcher Wahrheit, selber in ihrem Leben darauf hinweisen, dass diese endgültige Erfüllung, die Glücksverheißung die darin liegt, von ihnen geglaubt wird und dass sie infolgedessen auf das Gut der Ehe verzichten, damit diese Verkündigung der Erfüllung des Menschen in Gottes Seligkeit glaubwürdiger wird. Mir scheint also da eine der tiefsten Gründe zu liegen. Dass die Frauen gegebenenfalls auch zum priesterlichen Dienst geweiht werden sollten, darüber gibt es viele theologische Abhandlugen, ich denke zum Beispiel an Hans Urs von Balthasar aber auch an den gegenwärtigen Papst, die uns deutlich machen, dass die Repräsentanz Christi, des Mannes gegenüber der Gemeinde, gegenüber der Kirche, die das frauliche Element in der Heilsgeschichte darstellt, dass diese Repräsentanz Cristi sozusagen sinnvollerweise an den Mann gebunden ist.’
 
*Das Bischofsamt ist göttlichen Rechts und kann durch keine menschliche Macht, auch nicht durch den Papst, aufgehoben werden. Das hört sich für einen Laien beinahe überirdisch an. In was besteht im allgemeinen die Zentralaufgabe eines katholischen Bischofs?
 
‘Das, was Sie vom Bischof gesagt haben, beträfe auch schon den Priester, beträfe alle priesterlichen Weihen, sogar auch den Diakon. Der Bischof ist derjenige, der einmal im Bezug auf den Aufbau der Gemeinde der eigentlich Verantwortliche ist. Richtig verstanden ist der Priester also in diesem Sinn des Gemeindeaufbaus ein Mitarbeiter des Bischofs. Darüber hinaus ist aber der Bischof auch derjenige, der sich die Katholizität erstellt. Man ist ja zum Bischof geweiht durch drei Repräsentanten des Episkopats. Das heißt: man tritt ein – theologisch gesprochen – in die comunio des Gesamtepiskopats. Und diese comunio ist ja in II. Vatikanum sehr stark herausgestellt worden, selbstverständlich immer unter der Betonung comunio unter den Bischöfen, unter der Verantwortung des Papstes. Bischof bedeutet also – die Augen aufmachen auch über die eigene Diözese hinaus – in die Weltkirche hinein. Ich persönlich habe viel zu tun mit den großen Hilfswerken., mit Adveniat, Misereor,Caritas,Kirche in Not. All diese Hilfswerke sind Initiativen der Bischöfe gewesen und sind nach wie vor Initiativen der Bischöfe. Weil die Bischöfe die Verantwortung für die Weltkiche haben. Und daran zeigt sich, dass der Priester sicher stärker für die eigene Gemeinde da zu sein hat, dass der Bischof aber nicht nur für seine Diözese da zu sein hat, sondern auch die Belange der Weltkirche in den Blick nehmen muss. Wir stehen jetzt gerade vor der Synode zu Afrika, da kommen eben die afrikanischen Bischöfe und andere Berater zusammen, um nachzudenken, über die Situation der Pastoral und der Not in Afrika. Daran zeigt sich wieder, dass der Papst sich die Bischöfe heranholt, wenn es darum geht, Weichenstellungen zu finden, für bestimmte weltkirchliche Bereiche und dass der Bischof gebunden ist an die Sendung der Universalkirche’.
 
*Ein Kardinal ist in besonderer Weise und Stellung der Kirche von Rom zugeordnet und steht dem Papst bei seiner Sorge für die Gesamtkirche zur Seite. In Ihrem Fall ist das die Caritas. In Ihrem Buch ‘Helfer fallen nicht vom Himmel’ schreibt Papst Benedikt das Geleitwort und weist darin vergleichend auf seine Enzyklika ‘Deus caritas est’ hin. Kann man daraus den Schluss ziehen, dass Sie der maßgebende Ratgeber für die Texte seiner ersten Enzyklika waren?
 
‘Absolut nicht. Ich will zwar nicht verheimlichen, dass es schon vor dem Pontifikat von Benedikt XVI. Überlegungen gab, dass man zur Frage der Caritas weltweit Impulse setzen müßte, vielleicht auch Orientierung geben müßte, dass Kardinal Ratzinger um diese Arbeiten wußte und dass ich auch beteiligt war, an diesen Arbeiten. Aber, wer Kardinal Ratzinger kennt, Joseph Ratzinger als Schreibenden, der sieht sofort, dass diese Enzyklika die Handschrift des Papstes trägt, oder von Joseph Ratzinger trägt. Der ganze erste Teil ist also lupenrein Ratzinger. Der zweite Teil hat das eine oder andere von früheren Überlegungen übernommen, aber in irgendeiner Weise zu meinem, dass Kardinal Ratzinger sich da bemühsigt gefühlt hat, andere Studien mit heran zu ziehen, weil er selber diese Gedanken nicht hätte, das wäre also schrecklich unrealistisch’.
 
*Abschließend: Wenn man zuerst Kardinal Joseph Ratzinger und dann Papst Benedikt XVI. so lange so nahesteht wie Sie, kann man annehmen, dass sich eine Form der besonderen, auch menschlichen Verbundenheit, herausgebildet hat. Wie ist Ihr pesönliches Verhältnis zum Papst , Wie erleben Sie ihn persönlich?
 
‘Ja zunächst scheint mir, dass die Kardinäle den Besten gewählt haben, den sie finden konnten. Wenn ich mir das erlauben darf. Zum zweiten bewundere ich ihn als Lehrer und als Führer der Kirche, weil seine Botschaften, seine Predigten und seine Schriften immer in die Mitte zielen. Er predigt wie Jesus Christus.Einmal hat er gesagt in einer Ansprache an die Kurie: Ich bin nach Bayern gefahren, um Gott zu verkünden. Er, der hoch gescheit ist, und sicher einen langen Exkurs hätte machen können über seine Motive nach Bayern zu gehen, bringt das in diesem ganz einfaches Satz. Oder er sagt uns, die wir mit der Veritas zu tun haben: ‘Wer Gott nichts gibt, gibt zu wenig’.Er kann also diesen Grundimpuls seines Pontifikats auf sehr einfache und sehr zentrale Formen bringen und deshalb bin ich also ungemein dankbar, gerade für seine Verkündigung. Persönlich ist das Verhältnis eigentlich auch durch seine Wahl zum Papst nicht getrübt, es ist natürlich inzwischen viel schwieriger, dass wir uns treffen, dass wir uns sehen. Er war, jetzt letzthin noch einmal bei meinem Namenstag – weil er das früher ständig gemacht hat – bei mir zu Hause zum Essen und schon mal sehen wir uns, aber es wäre völlig unrealistisch zu meinen, dass die persönlichen Beziehungen, die früher bestanden haben, in einer gewissen Dichte fortbestehen könnten. Wer die Last des Papsttums ein bisschen unter die Lupe nimmt und das Programm, dem er gewachsen sein muss, beachtet, der weiß, dass die persönlichen Beziehungen, die man einmal gehabt hat und sich weiterhin erhofft, dann sehr relativiert werden’
 
*Welches Mosaiksteinchen würden Sie zu dem Bild hinzufügen, das wir durch das Gespräch mit Ihnen heute unseren Hörerinnen und Hörern weitergeben konnten ? Gibt es in Ihrem langen Priester-Bischofs-Kardinalsleben etwas, was sie in der Kirche anders sehen möchten, ändern möchten? Welche Empfehlungen würden Sie der römisch-lkatholische Kirche gerne weitergeben?
 
‘Ich bin gestern und vorgestern in Assisi und Perugia gewesen. Ich habe dort das Proto-Monastero der Klarissen mit dem Sarkophag der Heiligen Chiara besucht, habe mich mit den Klarissinnen unterhalten. Ich habe in Perugia die Eucharestie gefeiert und stehe vielleicht noch unter diesem Eindruck. Was man unserer Kirche wünschen muss: mir scheint man muss heute die kontemplative Dimension in der Aktivität der Kirche stärken. Wir haben Exerzitien angeboten, für die Präsidenten und Mitarbeiter der Caritas in Nord- und Südamerika, für Asien in Taiwan und ich muss immer wieder sehen, dass die kirchliche Aktivität sich einer politischen Effizienz anschließt. Und weil die kotemplative Dimension politisch nicht zu Buche schlägt, wird das Kontemplative relativiert. Ich will nicht sagen, dass es ausfällt, aber wenn Papst Benedikt so sehr die Christus-, die Theozentrik des kirchlichen Handelns so stark unterstreicht, dann kann ich das eigentlich nur übernehmen und nochmal ausdrücken, und der Kirche wünschen, dass sie immer wieder neu in einer hektischen Welt die Stille und die Begegnung mit Gott sucht und die Sakramente, die die Kirche uns anbietet, mit Tiefgang und nicht aus Routine feiert. Dass Eucharestie, dass die Beichte wieder ein Element der Praxis wird. Ich glaube, dass die Kirche in dieser Welt ist und dass die Mittel der Kirche mit den Mitteln der Welt sehr oft übereinstimmen. Aber, wir dürfen nicht vergessen, dass wir anders sind. Die Kirche repräsentiert den auferstandenen Herrn: das bedeutet, dass sie ihm verbunden bleiben muss durch eine besondere Zuwendung zu ihm.’

Aldo Parmeggiani, Rom


September 2009
Erwin Teufel – 70 Jahre

Erwin Teufel wurde 1939 in Zimmern ob Rottweil geboren. Von 1964 bis 1972 war er Bürgermeister von Spaichingen. Zum Zeitpunkt seiner Wahl war er nur 25 Jahre alt und damit der damals jüngste Bürgermeister der Bundesrepublik Deutschland. Dann ging es mit seiner politischen Laufbahn steil aufwärts: Von 1972 bis 1978 gehörte der engagierte Katholik und überzeugte Demokrat als politischer Staatsekretär im Innenministerium der Landesregierung Baden-Württemberg an. Nach dem Rücktritt von Lothar Späth wurde Erwin Teufel 1991 zum Ministerpräsidenten und Vorsitzenden der CDU dieses Bundeslandes gewählt. Er blieb es bis zum Jahre 2005.
 
* ‘Wir Menschen sind nicht auf der Welt, um zu klagen, sondern wir sind auf der Welt, um auf dem Platz, auf den wir gestellt sind, unser Bestes zu geben’.Wissen Sie, von wem dieser Ausspruch stammt?
 

‘Ich glaube, dass er von mir stammt. Freude am Gestalten ist eigentlich eine durchgehende Linie durch alle meine verschiedenen Ämter und Tätigkeiten.’
 
*In der Tat, Herr Teufel, dieser Ausspruch stammt wirklich von Ihnen, er steht am Anfang Ihres jüngstes Buches, das gerade erst erschienen ist.
Sie stammen aus einer Bauernfamilie. Das bäuerliche Leben hat viel mit Boden, mit Erde, mit Natur zu tun. Was hat Sie veranlaßt, in die Politik zu gehen?
 
‘Es sind zwei Motivationen: ich habe mich in meinen jungen Jahren aktiv in der katholischen Jugend betätigt – von dort aus war auch schon eine Nähe zu öffentlicher Tätigkeit, denn die Kirche darf ihre Tätigkeit nicht auf den Inneraum Kirche beschränken, sondern muss versuchen, die Welt zu gestalten. Und das zweite, was mindestens genau so stark war:meine Mutter hat mir in ganz jungen Jahren – ich war noch Schüler – ein Buch gekauft über den Widerstand im ‘Dritten Reich’. Mehrere Bücher zu diesem Thema und ich habe sie verschlungen. Da bin ich zur Überzeugung gekommen, dass man sich selbst als Bürger engagieren muss, aktiv in einer Demokratie, um zu verhindern, dass eine solche Zeit der totalitären Herrschaft wiederkommt.
 
*Gute Politiker, die diesen Namen verdienen, müssen Entwicklungen antizipieren können, sie müssen die Zeichen der Zeit erkennen, sie müssen mit Theorie und Praxis vertraut sein. Was müssen Sie noch? Was ist das Wichtigste in der Politik?
 
‘Ich glaube, das Wichtigste in der Politik ist Vertrauen. Vertrauen ist das Wichtigste von Mensch zu Mensch, Vertrauen ist das Wichtigste in der Familie, Vertrauen ist das Wichtigste zwischen Chef und Mitarbeitern und umgekehrt, Vertrauen ist das Wichtigste in der Wirtschaft zwischen einem Kaufmann und seinen Kunden. Bei uns gibt es das Sprichwort: Vertrauen verloren, alles verloren’. Das gilt auch für die Politik.
 
*Wie gewinnt man Vertrauen?
 
‘Nur durch Glaubwürdigkeit.’
 
*Und wie ist man glauwürdig?
 
‘Wenn Worte und Taten nicht zu weit auseinanderliegen’.
 
 
*Der Rechtstaat ist einer der großen Errungenschaften und Kulturleistungen unserer Geschichte. Was und wer hat uns dazu geführt?
 
‘Ganz gewiss die Aufklärung, das war die rechtsstaatliche Entwicklung des 17.- 18.- und 19. Jahrhunderts –  hier liegt Deutschland nicht an der Spitze, hier liegen Frankreich, Großbritannien und die Vereinigten Staaten an der Spitze. Wir haben erst sehr spät zur Demokratie und zum Rechtsstaat gefunden. Diese Werte aber sind auch grundgelegt im Christentum. Es sind urchristliche Werte, die die Grund- und Menschenrechte, die Menschenwürde ausmachen. Auch wenn sie während der Aufklärung zum Teil gegen die Kirche durchgesetzt werden mußten’.
 
*Wir leben seit 60 Jahren in Frieden. Es ist die längste Zeit des Friedens in Europa. Der Friede ist kein Naturzustand sagt Immanuel Kant. Also bedarf es der Friedensstifter. Wem verdanken wir in erster Linie diesen Frieden?
 
‘Großen Persönlichkeiten, die dafür gesorgt haben, dass die Zeit nach dem 2. Weltkrieg nicht wieder zur Vorkriegszeit wurde, wie früher nach allen Kriegen. Dazu gehören Alcide De Gasperi in Italien, Robert Schumann in Frankreich, Paul Henri Spaak in Belgien, Konrad Adenauer in Deutschland. Winston Churchill hat 1946 die erste Europarede gehalten in der Universität Zürich, hat dort die Vereinigten Staaten von Europa gefordert, und hat – als Brite bemerkenswert – gesagt, die Franzosen und die Deutschen müßten damit anfangen. Robert Schumann hat dann als Erster die Hand ausgestreckt gegenüber Konrad Adenauer und eine Montan-Union – eine Gemeinschaft von Kohle und Stahl – vorgeschlagen. Der Gedanke war: wenn man Kohle und Stahl zwischen Deutschland und Frankreich vereinigt, dann können die keinen Krieg mehr gegeneinander führen. Eine geniale Idee, die uns Frieden und Freiheit gesichert hat.
 
*Sie waren einst der jüngste Bürgermeister Deutschlands und Sie haben dieses Amt als Ihre ‘erste Liebe’ bezeichnet. Ist Leidenschaft Voraussetzung für eine erfolgreiche Politik?
 
‘Leidenschaft und Augenmaß. Also Idealismus und Leidenschaft zielen über den Tag hinaus und auch Argumentationsvermögen, Durchsetzungsvermögen sind zwingende Eigenschaften. Aber das reicht nicht aus: am wichtigsten muss noch hinzukommen, der Charakter, ein guter Charakter.’  
 
*Sie waren lange Zeit für das gute Gedeihen ihres Landes Baden- Württemberg, dem deutschen Musterländle, politisch verantwortlich. Hat die Aussage ‘Wer aufhört besser sein zu wollen, hat aufgehört, gut zu sein’ von Robert Bosch auch für Sie Gültigkeit?
 
‘Das hat Gültigkeit, denn es genügt ja nicht, dass man in der Politik nachdenkt, das ist schon wichtig, aber man muss auch vorausdenken.
Und wenn man vorausdenkt muss man erkennen, dass wir in einer globalisierten Welt leben, in einem großen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und auch wissenschaftlichen Wandel. Wer da wettbewerbsfähig bleiben will, darf nicht an alten Strukturen hängen, sondern muss Neues schaffen. Neues schafft man nur, indem man in die Köpfe der Menschen investiert. Indem man mit der Bildung schon im Elternhaus beginnt. Das ist die wichtigste Bildungs-Institution eines Menschen. Und indem man dann in der Schule, in der Hochschule und Berufsschule dafür sorgt, dass wir qualifizierte Köpfe haben, die ihrerseits Neues schaffen. Und aus Neuem werden auch Arbeitsplätze entstehen und wird Europa wettbewersfähig bleiben auf den Märkten der Welt’.  
 
*Das größte politiche Ereignis von weltgeschichtlichem Ausmaß ist sicher die große Zeitenwende in Europa von 1989 und die anschließende Wiedervereinigung Deutschlands. Ein Glücksfall der Geschichte oder mehr?
 
‘Ein Glücksfall der Geschichte und – wie der große Theologe Eugen Biser, den ich sehr verehre, gesagt hat – auch ein wirkliches Wunder. Er beklagt, dass die Theologen dies in der öffentlichkeit weniger zu vermitteln wußten. Ganz gewiss kann man als Ursachen angeben: es ist von der Solidarnosc in Polen ausgegangen, es war die Charta 77 in Prag, es waren die Ungarn, es hat übergeschwappt auf Deutschland, die Deutschen waren nicht die Initiatoren, aber es waren die – und es waren viele Christen dabei – die den Mut hatten, zu widersprechen. Die den Kopf herausgestreckt hatten, zu einer Zeit als es gefährlich war und man fürchten mußte, dass der Kopf abgeschlagen würde. Die haben ganz sicher auch mit Gottvertrauen gehandelt.’
 
 
*Was von der Minute ausgeschlagen, gibt keine Ewigkeit zurück, sagt Friedrich Schiller. Wer hat die Stunde der Gunst am besten genutzt? Sie haben die Hauptakteure dieser historischen Stunde alle gut gekannt oder kennen sie noch: Ronald Reagan, Michail Gorbatschow, Papst Johannes Paul II., Georg Bush, Helmut Kohl. Wer bekommt die Note eins?
 
‘Alle, die Sie genannt haben. Denn der eine hat in enger Abstimmung mit dem anderen gehandelt oder hat zumindest die Grundlage gelegt für das Handeln der eben genannten Persönlichkeiten. Nicht einen darf man auslassen, jeder hat entscheidend zu diesem Ereignis beigetragen’.
 
*Noch einmal zu Europa. Ein vereintes Europa: Seit Urzeiten das Wunschziel großer Politik. Noch nie waren wir diesem Ziel so nahe, wie heute. Dennoch: die Hürden auf dem Weg zu diesem Ideal sind noch nicht alle ausgeräumt. Gibt es ein Rezept dafür?
 
‘Ja, ganz gewiss. Und dieses Rezept heißt: Subsidiarität. Und dieses Prinzip ist erfunden worden in einer päpstlichen Enzyklika, nämlich in ‘Quadragesimo anno’ 1931. Es ist  d a s  Bauprinzip für einen Staat, für eine Gemeinschaft, für Europa. Wir müssen Europa von den Mneschen her denken. Wir müssen Europa von unten nach oben aufbauen. Die unterste Einheit ist die Gemeinde, die Stadt; die hat ein Selbstverwaltungsrecht.Sie ist allzuständig. Und eine Aufgabe darf nur auf eine höhere Ebene gegeben werden, wenn sie die örtliche Gemeinschaft überfordert. Und dann erst geht’s zur Region, bei uns in Deutschland zum Land. Nur was über die Kraft einer Region hinausgeht, ist Sache des Bundes, des Nationalstaates. Nur das, was über den Nationalstaat und seinen Möglichkeiten hinausgeht, ist europäische Aufgabe. Einheit in Vielfalt ist das Ziel.’
 
*Politik geht häufig im Tagesgeschäft auf. Sie ist oft kurzatmig, oft nur auf die Schlagzeile des nächstes Tages bedacht und auf den Machterhalt ausgerichtet. Die vielen Wertschätzungen, die Sie aus höchster Ebene, von vielen einfachen Bürgern, ja sogar von politischen Gegnern immer wieder erhalten haben, bezeugen das Gegenteil. Sie gelten als ‘Landesvater’und genießen ein ausgezeichnetes Image. Wie definieren Sie Ihre eigene Politik?
 
‘Also selbstverständlich muss man die Aufgaben des Tages bewältigen. Popper hat gesagt: alles Leben ist Problemlösen. Alle Politik ist Problemlösen. Aber ich habe mir immer gesagt: ich möchte nicht aufgehen in der Alltagsarbeit, sondern ich möchte auch am geistigen Ringen der Welt teilnehmen, in der ich lebe. Und ich brauche ein Fundament. Deswegen habe ich mich ein Leben lang auch mit theologischen Fragen, mit philosophischen Fragen, mit Fragen des Staatsrechts und der Geschichte beschäftigt und habe dazu im letzten Winkel meiner Freizeit gelesen.’
 
*Ich stelle Ihnen jetzt eine uralte ethische und philosophische Frage: darf der Mensch alles, was er kann?
 
‘Nein, das ist eine der entscheidenden Fragen. Wir können heute in der Wissenschaft mehr tun, als wir tun dürfen. Und deshalb sagt einer der Großen – Professor Heißenberg, Nobelpreisträger – die entscheidenden Fragen der Zukunft sind Fragen der Werte und nicht Fragen der Wissenschaft. Sind Fragen der Ethik.’
 
*Bei welcher politischen Entscheidung war Ihr Gewissen in besonderer Weise gefragt?
 
‘Ich war immer glücklich darüber, dass eine Führungskraft – auch ein Politiker – heute wesentlich weniger Gewissenentscheidungen treffen muss, als sie ein Normalbürger in einer Diktatur in der Zeit des Nationalzosialismus oder des Kommunismus fast jeden Tag treffen mußte. Die Demokratie der Rechtsstaaten entlastet die Menschen von Gewissensentscheidungen. Dennoch hat man solche zu treffen, wenn es beispielsweise um Embryonenforschung geht und um Fragen einer Zweiklassen-Medizin, dass man bestimmte Hilfen die heute wissenschaftlich möglich sind, alten Menschen nicht mehr angedeihen läßt…
 
*Die Entwicklungshilfe ist, neben der Friedenssicherung, die wohl größte Herausforderung und Aufgabe für die heute lebende Generation. Papst Paul VI. hat es in der Sozialenzyklika ‘Populorum progressio’ auf den Punkt gebracht:Entwicklung ist der neue Namen für den Frieden. Papst Benedikt XVI. weist in seinem Lehrschreiben ‘Caritas in veritate’ in dieselbe Richtung und fordert, vierzig Jahre später, ein generelles Umdenken.in den Köpfen der Wissenschaftler, Politiker und eines jeden einzelnen Menschen. Wird dieses universale Umdenken gelingen?
 
‘Wir alle müssen daran arbeiten. Das Gelingen hängt ganz sicher auch von Gott und nicht nur von unserem Tun ab. Aber,wir tun zu wenig, von dem, was uns möglich ist in der Entwicklungshilfe. Es ist der größte Skandal unserer Zeit, dass 1,3 Milliarden Menschen nach der Statistik der Weltbank, mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen müssen für alle ihre Bedürdnisse. Für Nahrung, für Kleidung, für Wohnung, für Gesundheit, für Bildung weniger als ein Dollar. Man kann positive Beispiele nennen: die kirchlichen Hilfswerke gehören dazu, die staatliche Entwicklungshilfe, aber sie sind unzureichend. Die entwickelten Länder könnten weit mehr tun. Sie müßten vor allen Dingen nicht nur Geld geben, das vielleicht auch in Kanälen verschwindet, wo wir’s nicht haben wollen, sondern sie müssen das, was wir gelernt haben in der industriellen Entwicklung seit dem 19. Jahrhundert, vom Handwerker bis zum Arzt, vor Ort zu vermitteln. Um die größte Geisel unserer Zeit, nämlich den Hunger, zu besiegen.’
 
*Der Umweltschutz, eine ökologisch orientierte Marktwirtschaft und die Bewahrung der Schöpfung waren Ihnen immer – auch vom christlichen Glauben her - ein Anliegen. Damit liegen Sie haarscharf auf der Linie der katholischen Kirche. Was verbindet Sie noch besonders mit ihr?
 
‘Ja, also zunächst möchte ich zu diesem Thema sagen: schon vor vierzig Jahren habe ich bei einem Tübinger Neutestamentler, Professor Lohfink, gelesen, dass man den Satz, der immer aus der Bibel zitiert wird ‘Macht euch die Erde untertan’ ùbersetzen muss mit: Bebauen und bewahren. Aber mich verbindet natürlich weit mehr mit der Kirche: ich gehe mit meiner Familie jeden Sonntag zur Kirche, ich brauche das, ich sage von 144 Stunden der Woche wird man, egal in welchem Beruf man arbeitet, doch wenigstens eine Stunde für den Gottesdienst übrig haben. Ich brauche auch die Gemeinschaft innerhalb der Kirche, und ich habe mich auch immer als Glied der Kirche gesehen. Wir sind die Kirche, die Laien gehören zur Kirche und dort, wo ich Kritik geübt habe, habe ich dieses immer vorausgeschickt: dass ich mich selbst auch anspreche und betroffen fühle, wenn man Kritik an der Kirche übt’.
 
*Das II. Vatikanum unter Papst Johannes XXIII. gilt vielen Menschen als kirchliches Jahrhundertereignis. Wie stehen Sie zum Geist dieses Konzils?
 
‘Ich stehe zum Buchstaben und zum Geist ds Konzils. Es ist für mich das Großereignis des 20. Jahrhunderts in der Kirche. Es war eine Phase – schon in der Vorbereitung – wenn ich daran denke, dass die ‘nouvelle teologie’ der Franzosen, die kritisiert und verurteilt worden ist, auf einmal aufgenommen worden ist von dem Konzil und dass die Verurteilten später sogar zu Kardinälen geworden sind, wenn ich denke, wie viele Theologen meines Landes sich in der Vorbereitung des Konzils beteiligt haben….Dann, das Konzil selbst! Das war eine Phase, wo ich als junger Mensch gesagt habe: ‘Man ist solz, Katholik zu sein’. Das Konzil hat also außerodentlich viel in der Tiefe und in der Breite bewirkt über das Erkennen der Zeit und ein neues Verhältnis zur Welt und zur Wissenschaft hinaus.’
 
*Sie gehören dem Kuratorium der ‘Stiftung Weltethos’ an, das der katholische Theologe Hans Küng ins Leben gerufen hat. Würden Sie es gut finden, wenn seine Kirche ihn noch zu seinen Lebzeiten rehabilitieren würde?
 
*Das wäre mir eines der größten Anliegen überhaupt. Hans Küng ist kathoisch, er ist katholischer Priester, er hat in seiner Theologie unglaublich viele Menschen den Glauben nähergebracht. Er hat den Intellektuellen unseren Glauben in einer glaubwürdigen Weise vermitteln können. Ich habe es sehr begrüßt, dass unser Papst Benedikt ihn kurz nach seinem Amtsantritt in Castelgandolfo zu einem ausführlichen Gespräch empfangen hat. Ich würde mich sehr freuen, wenn es zu weiteren Schritten käme.
 
*Erich Kästner sagt: ‘Es gibt nichts Gutes, außer man tut es’. Nach diesem Gespräch gibt es wenige Zweifel, dass Erwin Teufel  nach diesem Motto sein politisches, organisatorisches und menschliches Engagement und Talent ausgerichtet hat .…Herr Präsident, aus Ihren Worten und Taten ist es nicht schwierig zu erkennen, dass Sie ein gläubiger Mensch sind. Sie haben aus Ihrer christlichen Einstellung nie ein Geheimnis gemacht, aber Sie sprechen  – vielleicht aus angeborener oder anerzogener Scheu - öffentlich nicht so gerne darüber. Darf ich Sie dennoch bitten, Ihr Schlusswort  diesem sehr persönlichen Aspekt zu widmen?
 
‘ Ich glaube, mann soll den Glauben nicht wie eine Monstranz oder ein Wappenschild vor sich hertragen. Aber man soll jedermann Auskunft geben, über das, was unsere Hoffnung ist und was uns prägt. Ich bemühe mich, Christ zu sein und weiß, dass ich es nur unzulänglich bin, aber ich vertraue auf Gott und das hat mich auch alle Schwierigkeiten meines Lebens durchstehen lassen’.
 
Aldo Parmeggiani, Rom


Mario Adorf
Bald 80…und immer noch im Rampenlicht

 

Der 1930 in Zürich geborene Mario Adorf ist einer der bekanntesten deutschsprachigen Schauspieler unserer Zeit. Vielfach ausgezeichnet, gehört er zu den profiliertesten und beliebtesten zeitgenössischen Darstellern bei Bühne, Kino und Fernsehen auf der internationalen Ebene..Sein schauspielerisches Repertoire drückt sich meist in Charakteren aus, die zwischen raubeinigen Männern, ehrenwerten Signori und gleich  mehreren Päpsten liegen. Mario Adorf  ist bereits in sein 80. Lebensjahr eingetreten, feiert seinen Geburtstag jedoch erst im kommenden Jahr. Vermutlich wird er sich der Flut von Interviewfragen dann  wohl kaum mehr erwehren können. Daher unser  frühzeitiges Sendeangebot - Mario Adorf ist uns – wir er selbst bestätigt – dankbar dafür. Für Mario Adorf verlief das Leben bisher – wie bei vielen Schauspielern - auf einer Trennlinie zwischen Fiktion und Realität. Heute aber richten sich unsere Blicke in der Hauptsache hinter die Kulissen und kozentrieren sich in erster Linie auf den Menschen Mario Adorf. Eine erste Frage lautet deshalb: Herr Adorf, mußten Sie denn viel kämpfen, um das zu werden, was Sie geworden sind?
 
‘Eigentlich nicht. Ich hatte eine schwere Kindheit, ich hatte eine relativ schwere Jugend, aber als dann die Weichen gestellt waren, als ich meinen Beruf gefunden hatte - ich hatte ihn gar nicht erstrebt, sondern ich hatte ihn sozusagen gefunden - da ging alles doch relativ leicht weiter. Es hatte sich auch der Erfolg sehr schnell eingestellt, obwohl es immer ein Erfolg der kleinen Schritte war.Es gab nicht den großen Durchbruch – wie wann das nennt, es waren kleine Schritte, aber ich hatte immer das Gefühl, dass es aufwärts geht’.
 
Sie gelten allgemein als charmanter, liebenswerter Mensch, obwohl Sie sehr oft ziemlich harte Rollen spielen. Wie gelingt  es Ihnen, Ihr Äußeres mit dem Inneren auszutauschen, oder umegekehrt?
 
‘Ja, das hat damit zu tun: Solange ich dunkelhaarig war und vielleicht sogar auch einen Bart trug, was ja damals nicht immer üblich war, lag es nahe, dass ich die finsteren Rollen bekam. Die etwas helleren Charaktere, die etwas weicheren und charmanteren Rollen, sind mir erst im späteren Alter, als die Haare grau oder weiss wurden, zugeteilt worden.- Ich hab aber auch mehrere Päpste gespielt.: Sixtus V. in den Film von Luigi Magni ‘State buoni, se potete’, dann habe ich nocheinmal Urban VIII. gespielt  - in der Mary Ward-Geschichte – wie mir halt durch das Alter so Rollen zugeteilt wurden, die mir eine gewisse Autorität zubilligten’.
 
Herr Adorf, etwas was Sie besonders sympatisch macht, ist wohl auch ihr bestechender Humor. Humor kann man ja bekanntlich nicht erlernenen, sondern man hat ihn oder man hat ihn nicht. Sie wurden deshalb sogar ausgezeichnet mit dem ‘Orden wider dem tieirischen Ernst’ und sind da in bester Gesellschaft zusammen mit einem Dietrich Genscher, Johannes Rau oder Kardinal Karl Lehmann. Was ist Humor, Herr Adorf?
 
‘Ichglaube, für mich selbst ist Humor, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen. Wenn man sich selbst zu ernst nimmt, dann ist einem der Humor ja verwehrt, dann nimmt man ja alle Situationen zu ernst,, dann hat der Humor gar keinen Platz. Sobald man sich selbst nicht so ernst nimmt, hat man auch den Abstand und die Möglichkeit über sich selbst zu lächeln und auch über die Dinge zu lächeln und zu lachen und sie damit manchmal auch zu entschärfen’.
 
Sich nicht zu ernst nehmen, das war auch ein bekanntes Motto von Papst Johannes XXIII., der ja auch der gute, der lächelnde Papst genannt wird. -  Die Welt feiert in diesem Jahr das Jahr der Astronomie, natürlich auch im Vatikan. Dabei steht der große Wissenschaftler Galileo Galilei selbstverständlich im Vordergrund. Das Verhältnis Vatikan – Galilei war ja viele Jahrhunderte – bis zur Rehabilitierung durch Papst Johannes Paul II. durchaus kontrovers. Sie Herr Adorf haben in der Reihe ‘Weltmacht Vatikan’ Galilei dargestellt. Was hat Sie persönlich an diesem hervorragenden Menschen besonders beeindruckt?
 
‘Mich hat Galileo als Figur schon als Student, als junger Mann immer fasziniert. Als ich dann diesen Film drehen konnte, hatte ich auch die Gelegenheit mit dem heutigen Papst zu sprechen – ich habe ihn ja interviewt in diesem Film – das war schon sehr interessant. Ich habe Galileo dann noch einmal gespielt, zusammen mit Sir Peter Ustinow. Das ging es um ein Interview, dass Ustinow mit Galileo führte. Das war schon eine sehr interessante Sache, diese Figur zu spielen, zumal wir auch in dem Raum spielten, in dem Galileo in der Villa Medici interniert war, während seines Prozesses. Also die ganze Geschichte hat mich schon eine längere Zeit sehr verfolgt.’
 
Sie sagten es eben: Sie haben Papst Benedikt XVI. in der Rolle eines Journalisten in der TV-Serie Galileo Galilei interviewt. Damals war Joseph Ratzinger noch Präfekt der römischen Glaubenskongregation. Wie haben Sie ihn erlebt, den heutigen Papst?
 
‘Ja, doch als sehr vorsichtigt, etwas abwägendend. Er ist nicht eingegangen auf dem Vorwurf, den wir im Film erhoben hatten, sondern er hat auf Kardinal Ottaviani hingewiesen, dass dieser mit dieser Geschichte befaßt sei und dass er im Augenblick eigentlich nicht die richtige Adresse sei. Aber es war ein sehr angenehmes Gespräch. Er hatte mich zuerst auch nicht erkannt, und dann erst – auf Nachfrage bei seinen Mitarbeitern – hat er dann herausbekommen, dass ich der Schauspieler Mario Adorf war und das hat die ganze Angelegenheit wieder entschärft. Wir sprachen sehr schön miteinander und wir haben uns dann noch öfters getroffen auf dem Flughafen. Ich habe immer bewundert, dass er ohne Bodygard oder irgendwelche Begleitung ganz allein zwischen München und Rom, hin- und zurück reiste. Vielleicht ergibt sich auch die Gelegenheit, dass ich ihn als Papst treffen kann’.
 
Welche Fragen würden Sie ihn denn  stellen, wenn Sie ihn heute begegnen würden? Oder besser:
was würden Sie ihm denn gerne sagen? Was läge Ihnen denn so am Herzen?
 
‘Das ist eine schwere Frage. Ich habe mir diese Frage realistisch nie gestellt, Was würde ich ihn fragen? Das wäre eine Überlegung.Das kann man nicht so spontan sagen….Welche Frage stellt man dem heutigen Papst? In der heutigen Situation? Wie heute die Welt ist und wie heute die Kirche dasteht? Sicher, es gibt Fragen, aber man möchte ja nicht Allerweltsfragen stellen…Ich würde vielleicht fragen: haben Sie denn von Gunther Grass dieses Buch gelesen, wo er die Vermutung anstellt, dass Sie der waren, dieser Josef im Gefangenenlager….So was würde ich gerne fragen zum Beispiel. Keine grundsätzlichen Fragen über Verhütung undsoweiter….das würde ich mich gar nicht trauen und nicht anrühren wollen…’
 
Oder zum Beispiel eine Frage über die neue Enzyklika des Papstes: ‘Caritas in veritate’, die vor einigen Wochen erschienen ist. Haben Sie sie auszugsweise schon gelesen?
 
‘Leider nicht, leider nicht. Ich habe davon gehört. Sie ist sicher sehr interessant. Kann man da übers Internet irgendwie dazukommen?
 
Aber sicher, selbstverständlich. Wir haben eine Hompage von Radio Vatikan: wenn Sie die eintippen –Radio Vatikan, deutsch – dann bekommen Sie die ganze Enzyklika geliefert..
 
‘Oh, das werde ich dann tun, das werde ich tun.’
 
Bleiben wir noch kurz beim Vatikan, Herr Adorf. Sie sind Katholik. Was finden Sie an dieser Religion besonders gut, was würden Sie daran ändern?
 
(Lacht). Das ist wieder eine sehr, sehr große und lange Frage! Ich bin ja in einem Waisenhaus aufgewachsen unter Schwestern, Benediktinerinnen, und meine Einstellung zur Religion wurde dadurch sehr geprägt. Dann darf man nicht vergessen, dass in der gleichen Zeit auch der Nationalsozialismus herrschte, diese unheilige Kraft, die auch auf einem einwirkte, das waren alles Dinge, die einem letztlich beeinflußt haben.’
 
Herr Adorf, Sie haben nicht nur eine schier unübersehbare Reihe von Filmen gedreht, Sie sind auch Schriftsteller. So haben Sie zum Beispiel eine sehr bewegende Homage über Ihre Mutter geschrieben. Wie würden Sie den Begriff der Liebe zur Mutter, der ja vielen Söhnen zu eigen ist, in wenigen Worten umschreiben?
 
‘Ja, ich hatte ein besonderes Verhältnis zu meiner Mutter. Die Beurteilung oder überhaupt die Einstellung zu meiner Mutter war die eines Erwachsenen. Das heißt: die Bewunderung für eine Frau, die ein schweres Leben hatte, die ein uneheliches Kind in einer schweren Zeit geboren und aufgezogen hat. Es war immer ein Verhältnis, nicht der großen Intimität und der Zärtlichkeit, sondern doch eigentlich der großen Bewunderung. Sie war auch eine sehr gute Richterin über meine Dingen, die ich tat, auch über Dinge, die ich schlecht tat nach ihrer Meinung. Also sie war schon für mich eine sehr wichtige Person, in meinem ganzen Leben. Bis zu einem gewissen Punkt natürlich.’
 
Ihre Vorliebe zur italienischen Kultur ist ja bekannt: Sie haben viele Jahre in Rom gelebt. Was bedeutet Ihnen diese Stadt?
 
‘Ich habe verschiedene Arten von Rom kennen gelernt, ich habe schon als Student das klassische Rom kennen gelernt und ich habe mich interessiert für die Kultur, für die Architektur,für die weltliche und kirchliche Geschichte. Und dann kam ich in das völlig andere Rom der 60er Jahre, das Rom der ‘Dolce vita’, wo ich auch zugebe, dass ich als junger Mann diese Zeit durchaus genossen habe. Bis dann in der jüngeren Vergangenheit eine gewisse – nicht Müdigkeit – aber doch ein Abschluss zu erkennen war. Ich habe viele Jahre in Rom gelebt, das war ein ganz wichtiger, ein großer Abschnitt meines Lebens, Rom ist von meinem Leben gar nicht mehr zu trennen, obwohl ich mich jetzt ja aus Rom zurückgezogen habe, ich habe das gute, das beste – für mich das beste Rom - erlebt und dann war es eben vor vier fünf Jahren nicht mehr so’.
 
Von Italien nach Deutschland; Die Bundesrepublik ist in diesem Jahr 60 Jahre alt geworden. Sie sind eingeladen worden, and den Feierlichkeiten in Berlin teilzunehmen. Ist die Bundesrepublik ein Vorzeigestaat für Europa, die Welt?
 
‘Deutschland ist zumindest ein Staat, der die Demokratie ernst genommen hat. Ein Staat, der aus einer sehr unguten Geschichte – den Nationalsozialismus – herausgefunden hat, zu einer Form der Demokratie, die in Europa – das kann man sagen – doch zu den besseren oder besten Demokratien gehört. Das kann man schon grundsätzlich einmal sagen. Wie allerdings sonst alles gehandhabt wird,…. damit muss man nicht immer unbedingt einverstanden sein’.
 
Durch zwei Ereignisse ist der Begriff Holocaust in diesem Jahr besonders oft zur Titelseite der Medien erhoben worden. Erstens durch die Affäre um den Bischof Williamson von der Piusbruderschaft, der ihn leugnet und zweitens durch den historischen Besuch von Papst Benedikt XVI. in Yad Vaschem in Jerusalem, der den Holocaust als größten Schandfleck der Geschichte bezeichnet hat. Eine Frage an den Schauspieler Mario Adorf: Sie haben in dem Spielfilm ‘Epsteins Nacht’ mit Bruno Ganz die Hauptrolle in diesem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte gespielt. Das war Fiktion. Kann man den Holocaust, kann man Auschwitz, überhaupt als Realität begreiflich darstellen?
 
‘Ich muss sagen, ich habe da inzwischen eingesehen – es ist mir sehr viel klarer geworden als früher – dass gewisse Dinge  leichter darstellbar sind durch Fiktion, als durch Dokumentation. Das ist eine merkwürdige Geschichte – man würde doch eher sagen, dass dokumentarische Hinweise, das Zeigen von Fotos, von Bildern, von Filmen eine große Wirkung hat – un dann merkt man zum Beispiel, dass ein fiktionaler Film, wie der Film über den Holocaust, eine viel größere emotionale Wirkung hat, obwohl er gar nicht mehr so nahe an der Reaität ist. Das ist eine ganz merkwürdige und sehr wichtige Sache, die ich erst sehr spät so begriffen habe’.
 
Bevor wir diesen Gespräch abschliessen müssen, sagen Sie uns doch noch etwas über Europa, bitte: Was ist für Sie das vereinte Europa oder die EU? Sehen Sie es als Fortschritt in der Menschheit, ganzheiltich gesehen, oder finden Sie, dass Europa, das jetzige Europa, wie es sich präsentiert, sich zu schwach, zu bürokratisch darstellt?
 
‘Von Anfana an, als man von Europa noch gar nicht sprach, empfand ich mich als Europäer: durch meine Geburt in der Schweiz, durch meine italienische, durch meine deutsche Herkunft empfand ich mich selbst immer als Europäer. Ich glaube an Europa und ich glaube an die Wichtigkeit Europas. Ob der Weg dorthin so leicht ist, wie man es sich heute vorstellt und was da alles noch passieren wird, das steht auf einem anderen Blatt. Und da haben Sie recht, wenn Sie das Wort bürokratisch benützen, Im Augenblick passiert sehr viel Kleinkram und sehr viel Egoistisches von Seiten der einzelnen Staaten. Also, es ist sicher kein leichter Weg. Aber dass es ein guter Weg ist, davon bin ich überzeugt. Wie sind zusammengerückt, alles was sich nach dem 2. Weltkrieg wieder ereignet hat, an Annährung, an Kenntnis, sind Dinge, die letzten Endes Kriege unmöglich machen. Das wäre für mich das Allerwichtigste: dass Kriege in der Zukunft – wie auch immer die Staaten sich arrangieren – dass Kriege als Lösung von politischen Konflikten unmöglich werden. Das ist mein größter Wunsch und daran möchte ich auch sehr gerne glauben’.
 
Aldo Parmeggiani


Horst Seehofer - 60 Jahre
Politiker aus Leidenschaft
(Sendung: 5. Juli 2009)

Dr. Horst Seehofer ist seit 1971 Mitglied der CSU. Seit Oktober 2008 ist er Parteivorsitzender und Bayerischer Ministerpräsident. Sein Motto lautet:
'Politiker sind für die Menschen da, nicht die Menschen für die Politiker'.
Als den bis jetzt vielleicht schönsten Augenblick in seinem politischen Leben bezeichnete Horst Seehofer seinen Antrittsbesuch bei Papst Benedikt XVI. vor wenigen Monaten. Er sei von der Persönlichkeit des Papstes schlechthin ergriffen gewesen, so der Spitzenpolitiker am Anschluss an die Privataudienz im Vatikan.

*Herr Seehofer, Sie haben jüngst bei einem Round-Table-Gespräch den politischen Populismus neu definiert, oder anders gesagt: Sie meinten, für Sie sei Populismus kein Schimpfwort. Eine interessante Aussage. Leider wurden Sie dabei unterbrochen, jetzt, bei uns, können Sie Ihre Gedanken zu diese Thema gerne fortsetzen..

'Ja, mein politisches Motto ist seit vielen Jahren, dass Politiker für die Menschen da zu sein haben und nicht die Menschen für die Politiker. Daraus folgt, dass man Tag für Tag unterwegs ist, um die Lebenssituation der Menschen zu sichern und wo immer es geht, sie auch zu verbessern. Also kurz und Bündig, den Menschen in den Mittelpunkt der Politik zu stellen. Manche bezeichnen dies als Populismus, aber ich kann darin kein Schimpfwort erkennen.'

* Den Menschen in den Mittelpunkt stellen: darauf kommen wir noch zurück.Zunächst ein Blick auf Europa: Ein bürgernäheres Europa - ist immer wieder eine Forderung, die Sie nach Brüssel weitergeben. Wie viel Salz auf eine Breze oder wie viel Hopfen in ein Bier gehören, soll keine Angelegenheit Europas sein, sagen Sie, wohl auch zu Recht. Aber abgesehen
davon: wie läuft denn eigentlich das unter dem Namen Lissabon-Vertrag laufende Regelwerk? Immer mehr Menschen glauben doch, es sei demokratischer und effizienter, wenn das Volk mehr direkt entscheiden könnte.

'Ja, das ist auch meine Auffassung, vor allem wenn es darum geht, dass Nationalstaaten Kompetenzen und Souveränitätsrechte auf die Europäische Union übertragen: da finde ich schon, dass die Bevölkerung vorher befragt werden sollte, ob sie bereit ist, dies zu tun. Wir haben ja jetzt seit wenigen Tagen ein sehr interessantes Urteil des Deutschen Bundesverfassungsgerichtes, das zumindest eine stärkere Beteiligung des nationalen Parlamentes einfordert, wenn es darum geht, Kompetenzen auf die Europäische Union zu übertragen. Ich finde, das ist eine interessante Entwicklung, eine stärkere Rückbindung an das Parlament, an die Volksvertretung. Ich gehe noch einen Schritt darüber hinaus: ich möchte, dass es bei ganz wichtigen Angelegenheiten, zu einer stärkeren Rückbindung zwischen Regierung und dem Volk kommt: und zwar durch Volksabstimmung.

*Der einfache Bürger ist heute sehr disorientiert und veränstigt. Allein schon deshalb, weil selbst Fachleute keinen verlässlichen Ausweg mehr aus der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise erkennen lassen und vor allem auch deshalb weil Banken und Konzerne nicht nur wirtschaftlich sondern auch ethisch versagt haben. Sie sind ein Verfechter der sozialen Marktwirtschaft.
Kann man bei der derzeitigen Weltlage eine Wiedergeburt dieser bewährten Strategie eigentlich noch ernstlich ins Auge fassen?

* Wir müssen sie ernstlich ins Auge fassen. Wir haben ja als hochentwickeltes Industrieland in Deutschland beste Erfahrungen mit der sozialen Marktwirtschaft gemacht. Die wurde ja ,ach dem Krieg ins Leben gerufen, sie hat uns als Deutsche vom größten Trümmerfeld aller Zeiten zum Exportweltmeister auf diesel Welt gemacht. Ich denke, wir sind gut beraten, die Auswüchse und Exzesse, die nichts mehr mit der sozialen Marktwirtschaft zu tun haben aus der Vergangenheit so abzustellen, dass sie sich nicht wiederholen können. Deshalb müssen wir danach trachten, dass hier in Deutschland alle Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft wieder zum tragen kommen -wozu auch Verantwortung und Fairness gehören - aber dass wir diese Grundregeln auch zum Maßstab für das weltweiten Wirtschaften machen. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel weist mit Recht darauf hin, dass wir als Deutsche und Europäer dafür sorgen müssen, dass die Grundprinzipien der sozialen Marktwirtschaft auch im internationalen Finanz- und Warenverkehr gelten.'

* Bleiben wir noch einen Augenblick bei der Wirtschaft: Viele Regierungen in Europa sehen sich gezwungen, immer mehr Staatsschulden zu machen. Die Wirtschaft bricht ein, die Steuereinnahmen sinken, die Ausgaben steigen.
Führt diese Spirale denn nicht zwingend in ein düsteres Szenarium der Zukunft?

Ich denke, es ist eben in wirtschaftlich schwieirigen Zeiten wie derzeit durchaus notwendig und auch erlaubt, dass man Impulse für die Wirtschaft gibt durch eine Verschuldung: indem man Investitionsprogramme auch über Kreditaufnahme finanziert. Was sich aber ändern muss, im Vergleich zu den letzten Jahrzehnten, - da waren wir Deutsche auch nicht immer vorbildlich - dass in wirtschaftlich normalen Zeiten, die ja auch wieder kommen werden, diese Schulden wieder zurückbezahlt und nicht einach in die Zukunft mitgeschleppt werden. Das wäre nämlich nicht Nachhaltigkeit, das wäre auch keine Generationengerechtigkeit. wenn eine Generation in der Gegenwart so lebt, dass die Kinder und die Enkel praktisch keine Zukunft mehr haben.'

*Themenwechsel: Horst Seehofer beim Papst! - Vielleicht der schönste Augenblick in meinem Leben, sagten Sie im Anschluss an diese Begegnung. Eine große Aussage für einen Politiker und natürlich passend für ein Geburtstags-Gespräch. Können Sie uns diese Stunden im Vatikan beschreiben?
Wie haben Sie diese Stunde innerlich denn wahrgenommen?

'Zunächst ist Rom und der ganze Vatikanstaat schon ohne eine persönliche Begegnung sehr, sehr beeindruckend. Und dann natürlich die Begegnung mit dem bayerischen Papst Benedikt XVI. war natürlich ergreifend. Es ist eine Persönlichkeit, die von der ersten Sekunde an, wenn man ihr gegenübersteht, eine große Asstrahlung hat. Und wenn man dann ins Gespräch eintritt, wird dieser Eindruck noch verstärkt. Ja - ich sage es ohne Übertreibung - es war die beeindruckendste, die spannendste, die interessanteste menschliche Begegnung, die ich als Politiker hatte. Es ist eine sehr warme, herzliche Unterredung gewesen. Was mich beeindruckt hat, dass der Papst alle Vorgänge in Bayern, die aktuell waren, genau kannte und dass er auch die großen gesellschaftlichen Strömungen angesprochen hat, eben die Auswüchse, die zu dieser Finanzkrise geführt haben und die er ja, glaube ich, auch n seiner nächsten Enzyklika ansprechen will.'.

*Ich habe gelesen, dass Sie außer Ihrer Ehefrau auch Ihren Lebensretter, Professor Conrad Pfaffersott, mit zum Papst genommen haben. . Eine noble Geste von Ihnen. Der Mediziner hatte Sie behandelt, als Sie mit einer lebensbedrohlichen Herzmuskel-Entzündung drei Wochen lang auf der Intensivstation liegen mußten Herr Seehofer, ich weiß nicht, ob Sie religiös sind, aber mit Sicherheit haben Sie in dieser heiklen Lebensphase ganz besondere Gedanken gehabt. Was ist in Ihnen da vorgegangen?

'Es freut mich, dass Sie diese Geste gegenüber dem Arzt so sehen, er war als Mediziner in der Tat mein Lebensretter: ich kam ja mit einer Herzleistung von sieben Prozent in die Intensivstation. Ich wußte um dem Ernst der Lage, der Ortspfarrer hat mir die Bibel gebracht, ich habe sehr viel in der Bibel gelesen in diesel Zeit. Ich bin römisch-katholisch und ich habe mich in meinem Glauben gestärkt gefühlt. Ganz stark in diesel Monaten'.

*Das Gespräch mit dem Papst hatte aber auch - Sei sagten es eben - ganz konkrete Tagesthemen zum Inhalt gehabt: zum Beispiel die internationale Bankenkrise, der Zusammenbruch der Finanzwelt, die weltweite Rezession, der Verlust von Millionen von Arbeitsplätzen, der Klimawechsel, alles soziale Themen, die auch in der neuen Enzyklika Benedikt XVI. "Caritas in veritate"
jetzt am kommenden Dienstag ihren Niederschlag finden werden. Sie sind seit Jahrzehnten ein überzeugter Anhänger der christlichen Soziallehre, die ja bekanntlich den Menschen in den Mittelpunkt des wirtschaftlichen Lebens stellt. Und das sind wir wieder beim Menschen: Sie haben als Sozialpolitiker wichtige Impulse aus der katholischen Soziallehre aufgenommen und sind für kirchliche Belange ein bewährter Ansprechpartner. Ihr Credo lautet: ohne Wertschätzung, keine Wertschöpfung. Entfernt sich unsere Gesellschaft denn nicht immer mehr von dieser Devise?

'Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Finanzmarktkrise und die Wirtschaftsrezession ihre Ursache darin haben, dass man sich eben von einer Wertbindung einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung immer weiter entfernt hat und nur noch Gewinne, Renditen, Aktienkurse zum Maßstab des menschlichen Handelns gemacht hat. Deshalb habe ich diegroße Hoffnung im Herzen, dass man die Krise benutzt, um die Wertbindung unseres Handelns auch in der Wirtschaft wieder in den Mittelpunkt zu rücken. Das war ja auch Gegenstand des Gesprächs mit dem Heiligen Vater und ich glaube, da ist die katholische Soziallehre ein ganz guter Kompass. Ich sage ja immer, die katholische Soziallehre ist stärker auch vor dem Hintergrund der Geschichte als jede politische Ideologie. Sie hat jede Ideologie überdauert. Ich glaube, diese Personalität, Solidarität und Subsidiarität sind ein guter Kompass, nicht nur in der Sozialpolitik, sondern auch in der Wirtschaftspolitik'.

*Die Menschen müssen spüren, dass die Politiker für sie und ihre Anliegen da sind, und nicht umgekehrt. Das ist das Motto Ihres politischen Selbstverständnisses und gewiss auch ein Schlüssel zu Ihrem Erfolg. Aber ist so ein edles Motto auch im grauen Alltag durchführbar?

'Natürlich läuft es nicht jeden Tag perfekt und ohne Fehler, aber wenn man sich dieses Motto gibt und sozusagen in den Mittelpunkt für sein politisches Handeln stellt, kehrt man immer wieder auf dieses Ziel zurück. Ich möchte jetzt nicht sagen, dass es in jeder Minute, für jede Stunde und jeden Tag perfekt funktioniert, aber ohne einen Kompass ohne so einen Fixstern , nach dem Sie ihre Politik ausgestalten, wäre es ja gar nicht auszudenken. Also, ich möchte jetzt nicht den Eindruck erwecken, als wären wir fehlerlos und perfekt und würden jeden Tag als Politiker alles puristisch im Sinne unserer Zielsetzung erreichen. Wir sind fehlerhaft auch, aber trotzdem braucht man dieses Ziel, diesen Kompass, obwohl es nicht immer gelingt.

*Sie sind auf der politischen Bühne, Dramaturg und Darsteller zugleich. ein Mensch also, der in seinem Dasein Macht ausüben kann. "Hast Du die Macht, so hast Du das Recht auf Erden: ein Wort von Adalbert von Chamisso. Trifft das auch auf Sie zu? Ein bisschen?

'Ich habe Macht immer als Gestaltungsmittel in der Demokratie begriffen.
Ohne Macht können wir ja politiche Vorhaben nicht umsetzen. Andererseits bin ich immer ein großer Anhänger von der Kontrolle von Macht. Also Kontrolle von Macht durch die politische Opposition. Kontrolle von Macht durch die Öffentlichkeit, durch die Medien, denn eine Machtbefugnis, die nicht kontrolliert ist, das zeigt die Menschheitsgeschichte hinreichlich, führt zur Korruption. Deshalb glaube ich, ist Macht ein notwendiges Mittel in der Politik, aber die Macht bedarf der Kontrolle.'.

*Gibt es etwas Höheres, oder muss oder soll jeder Mensch den Sinn seines Lebens und den Sinn der Welt selbst finden?

'Nein, es gibt schon etwas Höheres. Wir sind letzten Endes einem Oberen verantwortlich. Einem Höheren verantwortlich.

* Herr Ministerpräsident; es gibt kein schöneres Amt, als das des Ministerpräsidenten von Bayern. Dieser Ausspruch stammt zwar von Franz Josef Strauß, er könnte aber ebenso von Ihnen stammen. Wir danken für dieses Gespräch und wünschen Ihnen zu Ihrem Runden Geburtstag, dass Sie es noch lange ausüben können. Bleiben Sie gesund.

Aldo Parmeggiani, Rom


Jürgen Habermas - Seismograph unseres Zeitgeistes 80 Jahre
Sendung: 7. Juni 2009

 

Über Jürgen Habermas haben schon viele Zeitgenossen gesprochen. Mit Jürgen Habermas nur wenige. Seine öffentlichen Auftritte sind in der Tat äußerst rar. Professor Habermas ist ein ausgesprochener Medienabstinenzler. Und so ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass den Mann - heute im Zeitalter der Fernseh- und Rundfunk-Talkrunden - kaum jemand kennt. Und dennoch:
Habermas ist ohne Zweifel der bekannteste deutsche Philosoph der Gegenwart.
Ein Zeitdiagnostiker, der den letzten vergangenen 40 Jahren die Stichworte und Themen zu unserer Zeit gegeben hat. Habermas hält an seiner Überzeugung fest, dass unsere Lebenswelt ernstlich schaden nehmen würde, wenn nicht ein gewisses Maß an gegenseitigem Vertrauen herrscht und die Fähigkeit, sich mit Worten und nicht mit Waffen auseinandersetzen. An diesem 18. Juni wird Jürgen Habermas seinen 80. Geburtstag feiern. Auch wir haben - wie so viele andere - von dem emeritierten Professor für Philosophie und Soziologie in Frankfurt eine höfliche Absage für ein persönliches Geburtstagsgespräch erhalten. Dennoch war es uns ein Anliegen, diese Persönlichkeit in die Sendereihe 'Menschen in der Zeit' mit aufzunehmen. Dazu hilft uns ein Blick zurück in das Jahr 2004, in dem Jürgen Habermas in der Katholischen Akademie in München jenes berühmt gewordene Gespräch mit dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger und heutigem Papst Benedikt XVI. geführt hatte. Dr. Florian Schuller, seit beinahe 10 Jahren Direktor dieser nahmhaften Akademie hatte die aufsehenerregende Begegnung - von der es keine rundfunkgerechten Aufnahmen gibt - zustandegebracht und moderiert.
Ich darf ihn jetzt sehr herzlich bei uns begrüßen und ihn bitten, uns seine Erinnerungen an dieses Zwiegespräch weiter zu geben.

*Herr Dr. Schuller, von Professor Jürgen Habermas weiß man, dass er grundsätzlich keine Interviews gibt. In Ihrem Haus der Katholischen Akademie in München fand das inzwischen als historische Debatte bekannt gewordene Gespräch zwischen Kardinal Jospeh Ratzinger - heute Papst Benedikt XVI. - und em Philosophen Habermas statt. Diese Debatte, in der es um Vernunft und Religion ging - hat weltweites Aufsehen erregt. Sie haben dieses Gespräch angeregt, Sie haben an dieser Debatte teilgenommen. Zunächt vielleicht die
Frage: wie war diese Begegnung vom Menschlichen her? Wie gingen die beiden aufeinander zu? Wie war die allgemeine Atmosphäre?

'Es war eine sehr unkomplizierte, direkte Gesprächsatmosphäre. Interessant ist ja, dass sich die beiden Koryphäen des Geistes aus ganz unterschiedlichen Welten - obwohl sie ungefähr gleichaltrig sind - vorher nie getroffen hatten, geschweige denn miteinander auf einem Podium gesessen hätten und miteinander diskutiert hätten. Hilfreich war sicher auch, dass Jürgen Habermas gewünscht hatte - auch als Voraussetzung für dieses Gespräch genannt hatte - dass es ein ganz kleiner Kreis von 25 - 30 Personen sein sollte, sodass unmittelbarer Austausch möglich war und man im Grunde nicht in das Publikum hineinsprach, sondern tatsächlich zueinander'.

*Wir alle kennen Papst Benedikt XVI. relativ gut, wie würden Sie uns Jürgen Habermas menschlich beschreiben?

'Jürgen Habermas ist ein Mensch, der in einem säkularen Umfeld sich auch geistig geprägt hat, der sich selber - das ist sein bekannter Ausdruck als religiös 'unmusikalisch' bezeichnet hat, der zunächst, Ende der 60ger Jahre, auch ganz stark diese Erneuerung der Gesellschaft angeregt hatte, dann aber von den Auswüchsen schon sehr, sehr früh betroffen war. Ein Mensch, der weiß, dass er zu den großen Denkern im deutschsprachigen, im europäischen Bereich, im Bereich der Philosophie gehört. Ein Mensch, der sich deshalb auch seiner Bedeutung bewußt ist und der zugleich immer neu auf der Suche nach den - um mit dem Konzil zu sprechen - Zeichen der Zeit ist und der deshalb in dieser ganz spannenden Situation nach dem 11. September nun auch ein neue Sensibilität für die Fragen entwickelt hat, die die Religion betreffen oder die von der Religion her behandelt werden'.

*Hatten Sie den Eindruck, dass sich Joseph Ratzinger und Jürgen Habermas durch dieses Münchener Gespräch näher gekommen sind?

'Ich hatte damals den Eindruck, dass sie sich gut verstanden haben. Jürgen Habermas hatte am Ende des Gesprächs sogar gesagt: Ich bewundere bei Ihnen, Herr Kardinal, die Weite der Weltkirche, die eine ganz andere Dimension noch ins Denken mit hinein nehmen kann. Ich hatte den Eindruck, dass die beiden sich menschlich gut verstanden haben, sich näher gekommen sind. Im Nachhinein scheint mir allerdings auch, dass Jürgen Habermas doch einen größeren Abstand zwischen sich und Joseph Ratzinger entdeckt hat. Vor allem im Hinblick darauf, wie beide jetzt die Vernunft definieren und was beide unter Vernunft verstehen. Da scheint mir - ohne dass ich das genau festmachen könnte - aber auch doch durch Äußerungen von Jürgen Habermas, nicht zuletzt vor einiger Zeit in der 'Neuen Züricher Zeitung', dass die Distanz größer geworden sei, ungeachtet der Wertschätzung des anderen'

*Welche waren in Ihrer Erinnerung bei dieser Debatte in Ihrem Haus die wichtigsten Wortmeldungen aus dem Publikum. Wer hatte an bekannten Prsönlichkeiten daran teilgenommen? Und wie hat Habermas auf diese Fragen reagiert?

'Es war eigentlich kein Publikum, es waren ausgewählte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die hier dabei waren. Das Gespräch verlief ja so, dass jeder der beiden Vortragenden zunächst ein Statement abgegeben hat. Dann gab es eine Pause und dann haben die beiden aufeinander reagiert, in einem unvorbereiteten direkten Gespräch und dann kamen nachher Fragen aus der Reihe der Teilnehmer. Ich erinnere mich an Professor Spämann, der vor allem die Bedeutung des Naturrechts in den Mittelpunkt gestellt hat, ich erinnere mich an Professor Johann Baptist Metz, der leidenschaftlich die Frage nach der Wahrheit aufgeworfen hat. Und das Ganze kreiste letztlich um die Frage:
Was ist die letzte Begründung für unser politisches Handeln. Die vorpolitischen, moralischen Grundlagen eines freien Rechtsstaates - das war ja das Thema . Und da war es schon interessant, dass die beiden Kontrahenten - wenn ich sie so nennen kann - in den praktischen Konsequenzen sich sehr nahe waren, wo hingegen sie in der Begründung der Motivation natürlich ganz unterschiedliche Positionen vertreten haben'.

*Da wären wir Ihnen dankbar, wenn Sie diese unterschiedlichen Positionen kurz erklären könnten?

Jürgen Habermas vertrat die Notwendigkeit, dass im Diskurs der Gesellschaft gemeinsam der Grund gefunden wird und Joseph Ratzinger meinte mit der selbstverständlich von ihm her zu erwartenden klaren Betonung, dass die Grundlagen, die der Diskussion und der Mehrheitentscheidung vorweg liegen, nicht durch Mehrheitentscheidung und nicht nur durch Diskurs erreicht werden können'.

*Ein Impuls für das historische Münchner-Gespräch zwischen Joseph Ratzinger und Jürgen Habermas ist von der Frankfurter Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2001 an den Philosophen ausgegangen. In dieser Rede forderte Habermas von der sekulären Gesellschaft ein neues Verständnis von religiösen Überzeugungen. Habermas behauptete damals, dass diese Überzeugungen eine Herausforderung für die Philosophie darstellten. Dann erfolgte in München die Gegenüberstellung der beiden großen Kontrahenten. Auf der einen Seite die Personalisierung des katholischen Glaubens, auf der anderen die Personalisierung des liberalen, sekulären Denkens. Wurde denn so etwas wie ein gemeinsamer Nenner gefunden?
Ich möchte nocheinmal präziser fragen dürfen: wie könnte die Quintessenz zu diesem Gespräch lauten?

'Die Quintessenz muss man von beiden Gesprächspartnern her differenziert sehen. Jürgen Habermas hat deutlich gemacht, in den religiösen Traditionen, in den religiösen Begründungen ist gleichsam ein Mehrwert enthalten, den säkulares Denken nicht einholen kann.Menschenrechte und Menschenwürde sind eben nicht mit der gleichen Dichte besetzt, wie der Begriff oder die Position : Der Mensch ist Ebenbild Gottes. Das war die klare Aussage. Und deshalb soll und deshalb muss säkulares Denken offen sein für religiöses Denken. Andererseits besteht sicher vom religiösen Denken her die Gefahr, damals nicht bei Joseph Ratzinger, sondern im Nachklang zu diesem Gespräch, dass man nun diese Position von Jürgen Habermas zu sehr für sich selber vereinnahmte. Es blieb die Distanz und es blieb aber gleichzeitig das
Bewußtsein: im konkreten Handeln sind wir gar nicht so weit voneinander entfernt'.

*Wie kaum ein anderer Denker unserer Zeit beteiligt sich Jürgen Habermas am politischen und geistigen Diskurs der Gegenwart. Auf die Politik hat er ebenso Einfluss genommen wie auf die Wissenschaften. Denken wir nur an die 68ger Jahre. Bekannt geworden ist Habermas als streitbarer Intellektueller im sogenannten Positivismusstreit, das heißt: Ob und inwiefern Werte, auch religiöse Werte, die Wissenschaft überhaupt bestimmen können? Scheint es nicht so, dass die Religion in den letzten Jahren für diesen Philosophen immer mehr zu einem wichtigen Thema geworden ist.? So kann Religion - nach Habermas - zum Beispiel ein Trostspender sein, Religion kann ethische Werte fördern, Werte, die für die Demokratie von höchster Wichtigkeit sind. Hat Habermas eine grundsätzliche Geisteswandlung durchgemacht?

'Ich glaube nicht, dass sich Jürgen Habermas um 180 Grad gedreht hat.
Sondern er hat einen blinden Fleck in seiner Positionsbestimmung in der Gesellschaft der Gegenwart neu und bewußt in den Blick genommen und hier positive Werte entdeckt, die vorher nicht in seinem Bewußtsein waren. Er wehrt sich allerdings leidenschaftlich dagegen, nun als Fürsprecher oder fast als fast voreingenommener Räpresentant für religiöse Werte verstanden zu werden. Er bleibt der Religion kritisch gegenüber. Das ist seine eigene Geschichte und aus der kommt er natürlich nicht heraus. Er sieht aber sehr wohl, dass in der Gesellschaft als Ganzer Religion eine ganz wesentliche, unersetzbare Rolle spielt.'

*Welchen besonderen Anlass gibt es für einen durchschnittlichen Christen sich mit Habermas, diesen vielfach kritisierten aber international auch sehr geschätzten Denker auseinanderzusetzen?

'Jürgen Habermas steht für die Geschichte des säkularen Denkens der vergangenen Jahrzehnte und ein Christ, der dem Auftrag unseres Heiligen Vaters gerecht werden will, Vernunft und Glauben miteinander in Verbindung zu bringen, darf - meine ich - nicht nur historisch, sozusagen philosohiegeschichtlich sich auf dieses Thema einlassen, sondern muss ganz konkret sich mit den Positionen und den Menschen und den Denkern beschäftigen, die heute in der Gesellschaft das Sagen haben, unabhängig davon, welche Position sie vertreten. Das scheint mir die große und die bleibende Herausforderung zu sein. Und dafür ist Jürgen Habermas ein wesenticher Repräsentant. Sicher nicht der einzige, aber ein unersetzbarer Repräsentant für jeden, der sich über die geistige Situation unserer Zeit nicht nur informieren will, sondern sie in Kontakt bringen will mit seiner eigenen Position des Glaubens'.

*Das Gesamtwerk des Philosophen und Soziologen Habermas ist kaum mehr zu überblicken. Gibt es ein Werk - Herrn Dr. Schuller - das Sie besonders hervorheben würden?

'Eine schwierige Frage: Jetzt sind die wichtigsten Schriften von Jürgen Habermas in einer fünfbändigen Ausgabe herausgekommen. Da sind sicher die zentralen Texte nun versammelt. Ich meine, dass für das augenblickliche Gespräch der verhältnismäßig kurze Text aus dem Gespräch mit Kardinal Ratzinger tatsächlich ganz entscheidend ist. Denn hier werden nicht mehr die geistigen Schlachten der vergangenen Jahrzehnte geschlagen, sondern hier wird das in den Blick genommen, was in einer postsäkularen, postmodernen Situation von neuem ansteht: Wie nämlich Glaube und säkulare Vernunft miteinander reden können

*Ich denke, sehr verehrte Hörerinnen und Hörer, dass in dem Gespräch von heute die Persönlichkeit von Jürgen Habermas, dessen geisteswissenschaftliche Größe und Bedeutung aber auch die Aktualität dieses Denkers gebührend in den Vordergrund gestellt wurde. Dafür haben wir Dr.
Florian Schuller - dem langjährigen Direktor der Katholischen Akademie in München ganz herzlich zu danken. An Professor Jürgen Habermas gehen unsere besten Glückwünsche zu seinem 80. Geburtstag.

Aldo Parmeggiani, Rom


Monika Hauser - 50 Jahre

Alternativer Nobelpreis 2008
(Sendung: 17.05.09)

Dr. Monika Hauser ist Frauenärztin und Begründerin der internationalen Frauenrechtsorganisation 'medica mondiale'. Einer inzwischen etablierten, weltweiten sozialen Einrichtung. Sie kämpft gegen Gewalt in Krisengebieten, gegen sexuelle Gewalt - und für mehr Gleichberechtigung. Gleichberechtigung für Frauen. Die heute in Köln wirkende Gynäkologin erhielt im vergangenen Jahr den Alternativen Nobelpreis. Die gebürtige Schweizerin mit Südtiroler Wurzeln sieht die Ehrung vor allem als Auftrag, weiter zu machen - trotz aller Widerstände. Ihr Motto für die Zukunft lautet: Ich möchte, dass die Welt für Frauen anders wird'. - Zunächst ein paar Worte zum Alternativen Nobelpreis: der Right Livelihood Award, im Deutschen Alternativer Nobelpreis genannt, wird an Persönlichkeiten, Organisationen und Repräsentanten sozialer Bewegungen vergeben. Der Preis wurde 1980 vom Philatelisten, Journalisten und zeitweiligen Mitglied des Europäischen Parlaments Jakjob von Uexküll gestiftet und ist heute einer der angesehensten und dotiertesten Preise weltweit. Seine Ziele sind hochgesteckt: Hauptzweck ist es, Menschen in Not zu ehren und zu unterstützen, praktikable Lösungen zu den dringendsten Problemen unserer Zeit zu finden und umzusetzen. Die Preisträger werden ausgezeichnet für Verdienste in den Bereichen Umwelt, Frieden, Abrüstung, Menschenrechte, Entwicklung, Kultur und Spiritualität, indigene Völker, Verbrauchrschutz, Bildung, Gesundheit, Energie und Resourcenschonung. Hochgesteckte Ziele, die auch die Kirche – in einigen Fällen allerdings mit gegensätzlichen Standpunkten – verfolgt.
 
Frau Dr. Hauser, Sie erhielten den alternativen Nobelpreis wegen Ihres Einsatzes für unterdrückte Frauen, vergewaltigte Frauen in Kriegs-und Krisengebieten. Zuerst in Bosien, dann in Kosovo, Albanien, in Afghanistan und in Kongo, Liberia, Indien und Indonesien. Ihre Hilfe gilt Menschen, sozialen Einrichtungen, karitativen Institutionen. Beginnen wir am besten bei den traumatisierten Frauen: Wie haben Sie zu diesem Thema gefunden, das Ihr bisherigen Leben so stark gekennzeichnet hat und voraussichtlich Ihr ganzes, weiteres Leben begleiten wird?
 
*Ja, für mich war das Thema ‘Gewalt gegen Frauen’ eigentlich schon immer ein sehr präsentes Thema solange ich zurückdenken kann. Meine Großmutter zum Beispiel in meiner Vinschgauer Heimat hat mir von eigenen Gewalterfahrungen erzählt. Ich haben von meinen Tanten erfahren, dass sie von Dienstheeren Übergriffe erleben mu߆en. Je älter ich wurde, desto mehr habe ich wahrgenommen, dass in meiner Umgebung Frauen dieser Gewalt unterliegen.
 
Als Monika Hauser dann eine junge Ärztin wurde, ist ihr das noch klarer geworden: sie sah plötzlich, dass bei vielen ihrer Patientinnen, seien es deutsche oder italienische Patientinnen, aber auch Migranten und Flüchtlingsfrauen, die Gewalt, die sie erleben mußten, ihren persönlichen Alltag und ihre gesundheitliche Situation bestimmte. Daher war es für Monika Hauser logisch, Gynäkologin zu werden und sehr genau darauf zu achten, was diesen Frauen in Wirklichkeit geschah,,sie darin zu unterstützen und gleichzeitig immer auch die Hierarchien, die Krankenhausleitungen anzumahnen, dass dieses Thema nicht vergessen werden darf, sondern dass hier Frauen ganz strukturell unterstützt werden müssen. Im Zentrum der Arbeit von Monika Hauser stand von nun an die Hilfe für Frauen und Mädchen, all dies, was Frauen in Kriegen angetan wurde und weiter angetan wird. Heute kennt Monika Hauser die Grenzen der Menschenwürde, aber auch jene Grenzen, die die Menschwürde überschreiten. Denn auch die gibt es. Dinge über die selbst  sie kaum sprechen kann.  Tabus, über die man keine Worte mehr findet.
 
*Ich würde unterscheiden zwischen einem Tabu und einem sehr schmerzbesetzten Thema, was für Frauen, auf Grund dessen, dass sie sich mit anderen Frauen indentifizieren, für sie kaum aushaltbar ist. Das letzere erlebe ich immer wieder, oder habe ich in meiner Laufbahn erlebt, dass gerade in Bosnien Frauen so schreckliche Geschichten erlebt haben, dass ich die Verantwortung übernommen habe - sozusagen stellvertretend für die Welt - mir diese Geschichten anzuhören. Aber es war oft ganz schwer zu ertragen, auch wenn ich heute Geschichten aus dem Kongo oder aus Liberia erzähle, wo Frauen ‘nicht nur’ eine Vergewaltigung erleben, sondern auch wirklich die ganze Bestialität, zu der Männer fähig sind, erleben. Wo sie verstümmelt werden. Das ist dann manchmal schon so, dass ich denke, ich hätte schon alles gehört! Aber das ich das dann wieder revidieren muss. Das ist aber ein Schmerz, mit dem man auch nach 15 Jahren Menschenrechtsarbeit lernt, mit diese Thema einigermaßen umzugehen. Ich nehme auch professionelle Supervision in Anspruch, um diese sehr sehr,auch mir mich beladenen Themen abladen zu können. Aber es bleibt immer ein Stück dieser Gewalt als Stachel zurück. Wir, die wir langfristig mit diesm Thema zu tun haben, müssen sehr gut auf uns aufpassen, dass dieser Stachel der Gewalt nicht in uns auch wirken kann, sondern dass wir das zurückweisen, und auf uns aufpassen.
 
Das kann Monika Hauser vor allem auch deswegen gut tun, weil sie diese Arbeit auch als eine politiche Verpflichtung versteht. Sie will – das sagt sie ganz bewußt nicht ‘nur’ Caritas tun, sie will nicht nur  Frauen direkt unterstützen, sondern sie will an diesen frauenverachtenden Verhältnissen etwas verändern,.
 
*Ich will, dass diese Welt für Frauen insgesamt besser wird, weil sie für alle Menschen besser wird. Ich sehe in dieser politischen Arbeit auch eine Möglichkeit meinen eigenen Schmerz begegnen zu können.
 
Wie vielen kriegstraumatisierten Frauen hat Monika Hauser als Therpeutin und Fachärztin für Gynäkologie medizinisch und psychologisch inzwischen helfen können? Eine schwierige Frage, meint die Frauenärztin, weil natürlich auch mitberechnet werden muss, was ihre
Mitarbeiterinnen vor Ort leisten. Sie selbst ist mehr und mehr zur Managerin und Leiterin dieser Organisation geworden. Die eigentliche Arbeit mit den Patientinnen verrichten infolgedessen einheimische Fachfrauen, die sich jeden Tag diesem schweren Thema und den Folgen der Gewalt aussetzen. Monika Hauser  denkt, dass über die Jahre vielen zehntausenden von Frauen geholfen werden konnte. Allein in Bosnien sind es über hunderttausend Frauen, die mit neuer Würde ins Leben zurückkehren konnten. Wo und wie aber findet man die Gelder zur Unterstützung von Hilfsprojekten? Heute fundraising genannt?
 
*Eine sehr wichtige Frage. Wir machen viel fleißiges fundraising, das heißt wir finanzieren uns erwa halb-halb aus Spendengeldern in erster Linie aus Deutschland, aber auch aus der Schweiz, aus Österreich und auch Südtirol. Die andere Hälfte kommt von Drittmitteln, das heißt EU-Gelder von deutschen Ministerien, von Stiftungen, Das ist sehr wichtig, diese Aufteilung, sodass wir politisch unabhängig bleiben können, agieren können und auf der anderen Seite mit den Spenden auch immer in die Öffentlichkeit gehen und Aufklärung machen können. Denn das ist ja auch unser Auftrag: immer wieder Aufklärung zu machen, dass die Bevölkerung wirklich eine Sensibilität dafûr entwickelt, was Gewalt gegen Frauen bedeutet.
 
Vor einigen Jahren hat Monika Hauser eine bedeutende Summe an Unterstützung von der Caritas ausgeschlagen, weil die katholische Kirche Abtreibungen – auch nach Vergewaltigungen – ablehnt.
Stimmt das?
 
*Ja, das stimmt. Mir schien das moralisch nicht integer, dieses Geld anzunehmen. Wir unterstützen in unseren Projekten Frauen auch in diesel Form. Stellen Sie sich vor: eine Frau, die schwanger geworden ist durch bestialische Gewalt von Männern und als Folge suizidal ist. Weil sie sich nicht nur nicht vorstellen kann, dass sie dieses Kind nicht bekommen will, weil es sie jeden Tag an die Gewalt erinnern wird, sondern auch, und das ist ein Hauptpunkt, ihre Umgebung sie mit dem Kind ablehnen wird, Ihre Familie sagt: du bist dreckig, dein Kind ist dreckig, weil du ein Kind des Feindes bekommen hast! Wenn die Frauen nicht so alleine gelassen würden, mit ihrer Not,mit dem Kind auch, dass sie kaum wissen, wei sie überleben können. Wenn Frauen also mehr Unterstützung hätten, könnten sie sicher auch häufiger für das Kind entscheiden, wenn sie eben in einer solidarischen Umgebung lebten. Die Realität sieht aber leider ganz anders aus, darum muss diese Form der Unterstützung auch zu unserem Arbeitsbereich gehören. Damals habe ich aber mit der Caritas einen Kompromiss gefunden, Schließlich konnte ein Projektzweig doch noch von der Caritas unterstützt werden.
 
Monika Hauser kommt auf  die Rolle der Kirche bei Hilfsprojekten zu sprechen. Das sprichwörtliche Engagement der Kirche in der weltweiten Hilfe für die Armen, für die Notleidenden und Kranken und allgemein Entrechteten ist bekannt Die Ärztin sieht aber auch kritische Seiten.. Sie würde sich wünschen, dass ihre Einrichtung von der katholischen Kirche ganz allgemein, eine massivere Unterstützung bekommen würde.
 
*Wir arbeiten ja nicht nur in islamisch geprägten Ländern, sondern durchaus auch in Ländern wo wir sehr viele Katholikinnen haben. Hier wäre es sehr, sehr wichtig, wenn von der katholischen Seite ganz deutliche Worte kämen. In Bosnien übrigens habe ich immer wieder von Imamen Unterstützung bekommen. Es ist sogar ein Schiedsspruch darüber gesprochen worden, dass diese vergewaltigten Frauen nichts dafür könnnen, was ihnen geschehen ist. Dass die Täter Schuld sind. Und dass die Gesellschaft die Verantwortung hat, die Frauen wieder in ihre Mitte zurückzuholen. So etwas würd’ ich mir auch von der katholischen Seite wünschen. Das habe ich damals in Kroatien absolut vermißt. Aber auch in lateinamerikanischen oder afrikanischen Ländern, wo so viele Frauen noch Gewalt erleben, wäre hier ein absolut klares Wort angebracht, auf welcher Seite die Kirche steht, und das Frauen eben jede Form der Unterstützung bekommen, damit sie wieder ins Leben zurückkommen können
 
Zur Jahrtausendwende übernimmt Monka Hauser die politische Geschäftsführung der von ihr gegründeten Frauenrechtsorganisation “Medica mondiale’, für die sie acht Jahre später mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt wird. In der in Stockholm bekanntgegebenen Begründung heißt es: ‘Die Gründerin des Vereins’Medica mondiale’ wird ausgezeichnet für ihren unermüdlichen Einsatz für Frauen, die in Krisenregionen schrecklichste Gewalt erfahren haben, und für ihren Kampf, ihnen gesellschaftliche Anerkennung und Entschädigung zu verschaffen’. Ein Wort zu diesel Ehrung?
 
*Ja, ich freue mich sehr über diese Ehrung. Es war sehr mutig von der Jury hier ein ganz politisches Signal zu Gunsten von vergewaltigten Frauen auszusprechen. Weil es nicht nur im Kongo und in Afghanistan ein Tabuthema ist, sondern durchaus auch in unseren westliche Industriestaaten immer noch schwieirg ist, über dieses Thema zu sprechen. Daher bin ich sehr froh, über diese Solidarität und Loyalität der Jury und der Preis hat uns hohe Aufmerksamkeit beschert mit der wir weitere Aufklärung machen können.
 
Wie bezeichnen Sie sich selbst Frau Dr.Hauser?
 
*Ich bezeichne mich in erster Linie als engagierte Frauenrechtskämpferinnen, die nicht nachlässt, die hartnäckig ist, aber die auch mitllerweile über die Jahre sehr viele weitere Mitarbeiterinnen gefunden hat. Und ich freue mich über alle, die diese schwere Arbeit mitbegleiten und unterstützen.
 
Wen würden Sie für den nächsten alternativen Nobelpreis vorschlagen?
 
Das ist eine gute Frage, meint Monika Hauser abschließend und weist auf eine ganz mutige Frau aus China hin, namens Rebiya Kadeer, eine der berühmtesten Dissidentinnen Chinas, die sich seit Jahrzehnten bedingungslos trotz eigener Opfer für das Volk der Uiguren einsetzt und dafür auch im Gefängis war.  
 
Und zum Schluss: herzlichen Glückwunsch zu Ihrem 50. Geburtstag Frau Hauser!
 
Ich danke Ihnen.
 
(Aldo Parmeggiani)


Intendant Udo Reiter - 65 Jahre
(Sendung: 19. April 2009)

Er wollte  eigentlich Pilot  werden. Durch einen schweren Autounfall, der  ihn vor gut 40 Jahren
in den Rollstuhl zwang, verlief sein Lebensweg in eine andere Richtung. Nach dem Abitur studierte Udo Reiter Germanistik, Geschichte und politische Wissenschaften an den Universitäten München und Berlin und promovierte zum Dr. phil. Seine journalistische Karriere begann er als Volontaer beim Bayerischen Rundfunk, zwei Jahre lang war er Vorsitzender der ARD und seit 1991 ist der Medienspezialist und Katholik Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks und Fernsehens MDR, dem drei Bundesländer unterstehen: Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Er wird es bis zum Jahre 2015 bleiben.Wir sind jetzt mit Professor Dr.Reiter verbunden. Herr Reiter, Amtsmüdigkeit oder dergleichen ist für Sie anscheinend ein Fremdwort. Sie nehmen seit Jahrzehnten Spitzenpositionen in der deutschen Medienwelt ein, sodass eine erste Frage lauten darf: worin besteht  eigentlich das Geheimnis für Ihre eher ungewöhnlich lange und erfolgreiche Laufbahn?

*Möglicherweise darin, dass ich gar nicht beabsichtigt habe, Journalist zu werden, sondern eher zufällig in dieses Metier gekommen bin. Ich habe ursprünglich ja einmal eine Pilotenprüfung bei der Lufthansa gemacht und nur durch ein Unfall bin ich dann von dieser Laufbahn abgehalten worden und kam von da an in den Journalismus. Vielleicht konnte man mich deswegen unter all den Journalisten vielleicht besonders gut gebrauchen.

Sie sind also gelernter Journalist. Da ist die zweite Frage fast zwingend: wer ist für den Intendanten Udo Reiter ein guter Journalist?

*Ich denke, das Geheimnis des guten Journalisten liegt in seiner Unabhängigkeit. Man muss versuchen, dass man sich nicht zum Diener bestimmter politischer oder wirtschaftlicher Interessengruppen machen läßt, sondern dass man sich ein unabhängiges, freies Urteil bewahrt: das ist das 'A' und 'O' des guten Journalismus.

Der Mitteldeutsche Rundfunk, den Sie seit 18 Jahren leiten, gehört zu den Vorzeigeprogrammen im gesamtdeutschen Medienangebot. Das ist statistisch festgelegt. Ist Ihr Sender eher informationsorientiert oder unterhaltungsorientiert?

*Wir versuchen ein Vollprogramm anzubieten. Wir sind ja der einzige wirkliche ostdeutsche Sender in der ARD und von daher gibt es bei unserem Publikum eine besondere Interessenslage und die versuchen wir nun wirklich auf allen Gebieten - in der Unterhaltung, Politik,, Information bis zur Kultur - eingermaßen abzudecken.

Es heißt, Herr Reiter, dass Kompetenz, Kultur und Kinder, jene drei K's sind, auf die Sie in Ihren Programmen besonderen Wert legen. Da gibt es noch ein viertes K: nämlich Kirche. Welchen Stellenwert nimmt dieses vierte 'K' in Ihren Programmen ein?

*Nach der Wiedervereinigung hatten wir ja - was den Mitteldeutschen Rundfunk angeht - eine ganz spezielle Situation. In unserem Sendegebiet hatten die christlichen Kirchen nur noch eine ganz kleine Rolle am Rande gespielt. Wir hatten ungefähr noch 20 Prozent Christen unter der Bevölkerung. Da ist mir aufgefallen, dass es vor allem ein riesiges Informationsdefizit gibt. Wenn man mit den Leuten hier gesprochen hat: die Leute wissen nicht, was Pfingsten bedeutet. Sie kennen die biblische Geschichte nicht. Und jenseits von religiösen Überzeugungen ist dies auch ein Stück abendländischer Kultur. Wir haben uns deswegen vorgenommen, zuallererst Mal in dieser Richtung missionarisch tätig zu werden, dass wir die christlichen Glaubensinhalte wieder einmal unter die Leute bringen. Und von daher hat die Kirche von Anfang her eine große Rolle gespielt in unseren Programmen.

Online-Dienste, Chat, Internet, Podcast, waren noch vor wenigen Jahren unbekannte Begriffe. Wie geht die Entwicklung weiter? Welche medienstrategische Indikatoren stehen auf dem Zukunftsprogramm eines großen Senders? Wie wird unsere Rundfunk-und Fernsehwelt in 10-15 Jahren aussehen? Haben Sie da Visionen?

*Also, wie sie wirklich aussehen werden in 10-15 Jahren kann heute seriöserweise niemand sagen. Klar ist, dass wir in einer Umbruchphase leben und dass es geradezu eine Medienrevolution ist, was zur Zeit vor sich geht. Dabei geht es dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in erster Linie um Inhalte. Wir sind angetreten, um bestimmte Inhalte für die Meinungsbildung dieser Gesellschaft zur Verfügung zu stellen. Verteilungswege sind dabei sekundär. Als es nur  den Hörfunk gab, haben wir  dies über Hörfunkwellen gemacht, als das Fersehen kam, haben wir es über das Fersehen gemacht, und wenn heute und in Zukunft ein immer größerer Teil der Bevölkerung seine Informationen über das Internet bezieht, dann müssen wir diese Inhalte, die uns am Herzen liegen, eben über das Internet anbieten. Das ist sozusagen die phisolophische Grundlage. Ganz konkret bedeutet das, dass wir neben den normalen und linearen Hörfunk- und Fernsehprogrammen verstärkt unsere Inhalte auch auf diese neue Weise zur Verfügung stellen. Das wird der neue Umbruch sein, der uns jetzt bevorsteht.

Wir leben im Informationszeitalter und fragen einen ausgewiesenen Fachmann: wird der Einfluss der Medien auf Politik und Gesellschaft in Zukunft eher wachsen oder sich verringern?

*Das ist eine ganz schwierige Frage, weil ja nicht einmal ganz klar ist, welchen Einfluss die Medien denn haben. Ich habe den Eindruck, dass das manchmal auch überschätzt wird. Nach meiner Einschätzung sind es vor allem Trends, die ohnehin in der Gesellschaft vorhanden sind, die dann durch die Medien aufgegriffen und verstärkt werden. Insofern sind die Medien jeweils auch ein Kind ihrer Gesellschaft. Und wenn es in Zukunft noch mehr Medienangebote geben wird, als bisher schon, dann bedeutet das nicht automatisch, dass deswegen die Leute auch besser informiert sind. Das ist immer die Gefahr, wenn eine solche Flut von Informationen über die Leute hinweggeht. Dass man zwar alles Mögliche hört, aber nicht mehr einschätzen und beurteilen kann. Also, paradiesische Zeiten verspreche ich mir von diesem Blickwinkel aus nicht von der Zukunft.

Es ist allgemeine Meinung, dass wir in einer Zeit leben, in der viele Grundwerte in Frage gestellt werden: Moral, Familie, Ethik, Sitte. Was können Sie als Intendant tun, um diesem vermeintlichen oder effektiven Verfall entgegen zu wirken?

*Für den öffentlichen Rundfunk gehört dies zu den Grundaufgaben. Wir sind ein Teil der christlich-abendländisch-demokratischen Gesellschaft und als solche nicht wertneutral, sondern dieser Gesellschaft verpflichtet. Das steht ja auch in den einfachen Rundfunkgesetzen, dass wir auf der Basis dieser Werte unsere Arbeit tun. Deswegen ist es notwendig und richtig, dass wir das Programm auch daraufhin ausrichten. Ich denke tatsächlich, dass wir natürlich nicht für eine bestimmte Weltanschauung missionieren können, aber dass wir Grundwerten verpflichtet sind und dass man dies unseren Programmen auch anmerkt. Und darauf lege ich auch Wert.

In dem Vorspann zu diesem Gespräch werden Sie als Katholik vorgestellt. Wir interessieren uns besonders für Ihre Einstellung zum christlichen Glauben und zur Kirche. Können Sie uns dazu etwas sagen?

*Das will ich gerne versuchen: es ist ja so, dass der christliche Glaube, die Religion überhaupt verschiedene Ebenen haben. Das fängt an bei der Gläubigkeit im Leben des Einzelnen, geht dann über die Funktion der Religion über die angesprochene wertstiftende, sinnstiftende Funktion innerhalb einer Gesellschaft und geht bis hin, im Fall des Christentums ganz deutlich, zu ihrer kulturellen und historischen Dimension. Ohne das Christentum gäbe es das Abendland und die weltliche Zivilisation ja nicht. Ich räume gerne ein, dass bei mir persönlich diese dritte Funktion, diese kulturhistorische Dimension eine große Rolle spielt. Ich bin gelernter Mittelalter -Historiker und von daher hat man natürlich einen besonderen Blick für die Rolle der Kirche. Ich muss sagen, dass sie mir lieb und wert ist, speziell auch in dieser Funktion und dass ich auch deswegen gerne Katholik und gerne Christ bin, weil ich diese große Tradition spüre und weil ich gerne in ihr lebe.

Durch einen schrecklichen Unfall sind Sie querschnittsgelähmt und an den Rollstuhl gebunden. Für einen jungen Menschen - Sie waren damals 22 Jahre alt - besonders schlimm. Von dem eingangs erwähnten Wunsch Pilot zu werden, konnte plötzlich nicht mehr die Rede sein. Wie haben Sie diesen Einschnitt in Ihrem Leben seelisch verkraftet?

*Es war damals - Sie sagen es zu Recht - sicher eine große Krise. Gerade für einen 22-Jährigen, der voller Hoffnung in das Leben geht, schon ein starker Einbruch. Es wäre auch völlig töricht, wenn man das nicht zugeben würde, dass einem dies bis in die Grundlagen seiner Existenz erschüttert. Meine Lebensfreude und auch meine Lust weiter zu leben, waren damals auf dem Nullpunkt angelangt. Ich hatte durchaus auch die Überlegung, die wahrscheinblich jeder in dieser Situation hat, ob es nicht besser wäre, dass die ganze Geschichte wäre vorbei. Wenn man dann über diese Krise einmal wegkommt, dann merkt man plötzlich, dass das Leben eigentlich nicht an solchen Einzelheiten, wie Spazierengehen oder am Fussballspielen hängt, sondern dass es daneben auch noch andere Dinge gibt, die genau so schön sind, und das Leben genauso wertvoll machen können. Und ich habe vielleicht ein glückliches Naturell. Jedenfalls ist es mir dann nach einiger Zeit geglückt, diese anderen Dinge stärker zu sehen und von daher ein rundum erfülltes Leben inzwischen über 40 Jahre auch im Rollstuhl zu absolvieren.

Sie haben einmal gesagt, Sie seien  liberal und konservativ zugleich: Könnten Sie diesen mir beneidenswert erscheinenden Sachverhalt näher erläutern?

*Ich glaube Goethe hat einmal gesagt, jeder vernünftige Mensch ist ein konservativer Liberaler. Weil diese beiden Dinge eine große Rolle gerade in unserer ganzen Tradition spielen. Auf der einen Seite: wie will man in einer christlichen Zivilisation, die 2000 Jahre alt ist und glänzende Ergebnisse hervorgebracht hat, nicht konservativ sein, im Sinne, dass man diese annimmt und zu bewahren versucht. Auf der anderer Seite: wenn das allein die Welthaltung ist, dann gerät das leicht in etwas Engherziges, Engstirniges, Fanatisches und deswegen, denke ich, gehört diese andere Seite, diese Aufgeschlossenheit und auch Liberalität gegenüber neuen Dingen oder anderer Dingen mit dazu. Und beides zusammen, finde ich, macht ein vernünftiges Konzept, das mir immer sehr sympatisch war und das ich zumindest versucht habe, einigermaßen einzuhalten.

Vor 20 Jahren geschah das politische Wunder der Wiedervereinigung Deutschlands. Wann glauben Sie wird der Prozess der geistigen Wiedervereinigung abgeschlossen sein?

*Ich habe den Eindruck, dass das länger dauert, als wir uns damals alle gedacht haben. Diese vierzig Jahre völlig unterschiedlicher Sozialisation, unterschiedlicher Wertordnung und unterschiedlicher Kultur haben sich doch tief in die Seelen der Menschen eingeprägt. Es ist ein schwieriger Prozess wieder zueinander zu kommen, selbst auf die nächste Generation färbt das ab. Das wird noch länger dauern.

Zum Abschluss: Pioniergeist, politiches Gespür, Kompetenz und Unabhängigkeit gehören - wie wir aus unserem heutige Gespräch entnehmen können - zu den Charaktereigenschaften Ihrer Persönlichkeit. Das ist eigentlich schon eine ganze Menge.Dennoch die Frage: welche weiteren Merkmale würden Sie nennen, um Ihr heutiges Protrait in wenigen Sekunden zu vollenden?

*Das ist - wenn man dies für sich selber machen muss, immer eine schwierige Sache. Ich denke, abseits von dem was Sie genannt haben und von handwerklichen Fähigkeiten, die man natürlich auch braucht, gibt es vielleicht zwei Eigenschaften, die meine Laufbahn doch stark beeinflußt haben: auf die kommt man vielleicht gar nicht auf den ersten Blick, weil sie so banal aussehen, aber ich  habe den Eindruck, dass sie eine große Rolle spielen. Das eine ist, dass man Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden kann. Man glaubt gar nicht, wie viele Leute, die an sich sonst sehr begabt sind, dies nicht können und sich dann verzetteln in irgendwelchen Dingen, um die es letztltich gar nicht geht. Und das zweite ist, dass man das hat, was man auf bayerisch Schneid nennt, also, dass man sich manchmal was traut gegen den herrschenden Meinunsgwind zu sagen und zu vertreten. Und wenn die beiden Sachen zusammenkommen, dann haben Sie wahrscheinlich eine der Grundlagen meiner Laufbahn genannt.

Aldo Parmeggiani


Jutta Limbach – Frau an der Spitze
(Sendung: 15. März 2009)

Die Rechtswissenschaften sind ihr auf den Leib geschrieben:sonst hätte sie es nicht als erste Frau zur Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts gebracht. Und die Kultur hingegen ist ihr ans Herz gewachsen, sonst hätte sie nie die weltweite Präsidentschaft des Goethe-Instituts angenommen, die sie bis Ende 2008 innehatte. Bereits mehrfach wurde sie als mögliche erste Bundespräsidentin ins Gespräch gebracht. Heute lebt Frau Professor Dr. Limbach mit ihrer Familie in Bonn.

Frau Professor Limbach: wir möchten Sie durch das folgende Gespräch beruflich und menschlich besser kennen lernen und möchten uns für Ihre freundliche Bereitschaft dazu herzlich bedanken. Das Traumziel eines jeden Juristen ist es, Richter am Bundesverfassungsgericht zu werden. Sie haben dieses Ziel erreicht.. Mehr noch: Sie waren von 1994-2002 die erste Frau an der Spitze des höchsten deutschen Gerichts. Ebenso sind Sie die erste deutsche Frau, die die Präsidentschaft der weltweiten Goethe-Institute ehrenamtlich angenommen und sechs Jahre lang von 2002-2008 bekleidet hat. Auch waren Sie im Gespräch, erste Frau als Bundespräsidentin zu werden. Eine Laufbahn dieser Art sucht ihresgleichen. Wenn Sie Ihre Zeit als Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts Deutschland Revue passieren lassen – was hat Sie in dieser Periode am meisten bewegt?

*Am meisten haben mich zwei Entscheidungen bewegt. Die eine, die sich mit den Änderungen des Asylrechts im Grundgesetz auseinandersetzen mußte, und die zweite war das erste Verfahren, das ich überhaupt zu leiten hatte: das war der Einsatz der Bundeswehr innerhalb von Friedensmissionen der Vereinten Nationen.

Welche menschlichen Eigenschaften sind für die Ausübung so hoher Ämter, wie Sie sie bekleidet haben, besonders hilfreich oder vielleicht sogar Voraussetzung?

*Ich denke: Durchsetzungswillen, den muss man auf jeden Fall haben, auch als Frau.Dann kommt hinzu, Selbstdisziplin, und nicht zuletzt ein klarer Verstand.

Sie sind immer unmissverständlich in der Verfassung festgeschriebenen Grundrechte eingetreten. In erster Linie für die Unantastbarkeit der Menschenwürde und für das Grundrecht, das den Schutz des Lebens zum Inhalt hat. Sie haben immer die Ethik, die Moral und die Religion als Säulen des modernen Staates bezeichnet. Mehr noch:Sie ziehen daraus den Schluss, dass ein säkularisierter Staat auf Voraussetzungen beruht, die die Verfassung allein nicht garantieren kann. Sie räumen also auch der Kirche eine große Verantwortung ein?

*Das stimmt. Weil die Kirche Vertreterin der christlichen Religionen ist. Darum spielt sie als Institution auch eine große Rolle. Das sehen wir nicht zuletzt auch daran, dass sich diese Institution durch die Jahrhunderte hinweg erhalten hat.

Wie Sie wissen, ist die Kirche die große Verteidigerin des menschlichen Lebens und zwar in seiner ganzen Spannweite.Der Papst wird nicht müde, das Leben in jeder Phase und in jeder Konstitution zu verteidigen. Von der Zeugung bis zum natürlichen Tod. Wie beurteilen Sie die unantastbaren Prinzipien, an denen die Kirche – im Grenzbereich von Geburt und Tod –so festhält. Sagen wir einmal vom juristischen Standpunkt aus? Sind Euthanasie, Sterbehilfe, Abtreibung in jedem Fall mit der Menschenwürde unvereinbar?

*Da bin ich anderer Meinung als möglicherweise die Kirche, obwohl es auch da verschiedene Meinungen gibt, wie ich sehr wohl weiß. Die Kirche hat ihre Wahrheit, und dass die Gläubigen diese für verbindlich halten, ist selbstverstänndlich. Aber wenn man wie ich ein Amt hat, ein öffentliches Amt, dann muss man bedenken, dass es Menschen gibt, die religiös gebunden sind, in unterschiedlicher Art, dass es aber auch Menschen gibt, die nicht religiös gebunden sind und Kraft anderer Weltanschaung ihr Gewissen bilden. Und da kann ich nicht unversehens die Voraussetzungen, die die Kirche macht, auf das weltliche Recht übertragen. Ich bin durchaus der Meinung, dass man sowohl im Schwangerschaftskonflikt, als auch im Konflikt am Ende des Lebens der Selbstbestimmung des Menschen einen größeren Raum einräumen muss.

Nun sind ja Nächstenliebe und Barmherzigkeit juristisch und wohl auch gesellschaftspolitisch nicht messbar. Sollten diese beiden Begriffe nicht dennoch mehr Berücksichtigung finden, auch auf diesem schwierigen Gebiet - in Ausnahmefällen natürlich - meinten Sie das?

*Ganz gewiss. Das kann man zwar juristisch nicht beurteilen. Aber wenn man beispielsweise das Selbstbestimmungsrecht der Mutter gegen die Schutzwürdigkeit des werdenden Lebens abwiegt, dann sind das Momente, die im menschlichen, alltäglichen Leben eine große Rolle spielen. Und die in gewisser Weise auch der Richter berücksichtigen, jedenfalls respektieren muss.

Wir kommen jetzt zu Johann Wolfgang von Goethe: er ist der Namensträger des von Ihnen geleiteten internationalen Goethe-Instituts, das heute mit über 3.000 Mitarbeitern, in 145 Niederlassungen in fast 80 Ländern rund um den Globus präsent ist. Auch Goethe war Jurist, wie Sie.Für den Dichter bedeutete der Wechsel von der Juristerei zur Dichtung den lebensbestimmenden Übergang von der Pflicht zur Kür. Wie

groß war für Sie, Frau Professor Limbach, der Schritt von der Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts zur ehrenamtlich geführten Präsidentschaft des internationalen Goetheinstituts?

*Sie müssen bedenken, meine Zeit der aktiven Brufstätigkeit war mit meinem68. Lebensjahr beendet und da bot mir diese Präsidentschaft im Goethe-Institut eine willkommene Möglichkeit mich weiter auch im Sinne unserer Gesellschaft einzusetzen. Ich habe als ich jung war, eigentlich Deutsch und Geschichtestudieren wollen. Aber da ich schon vor hatte, mich dem schreibenden Gewerbe – also der Journalistik zuzuwenden – habe ich aus Zweckmäßigkeitsgründen Jura studiert, weil ich dachte, das dies eine zwingende Voraussetzung für eine politissche Redakteurin sei.

Nun ist die Sprache – wem sag ich das hier – vielleicht das essentiellste Element der Kultur eines Volkes, einer Nation. Sie haben auf Goethes Spuren deutsche Kultur in die ganze Welt getragen. Wie groß ist heute das Interesse an deutscher Kultur im Ausland?

*Wir sind erfreut darüber, dass das Interesse nach wie vor rießengroß ist. Wir könnten viel mehr Goethe-Institute haben, als wir gegenwärtig in der Welt geöffnet haben. Durch die Zusammenarbeit auch mit den anderen europäischen Kultur-Instituten – denken wir an Dante Alighieri, denken wir an das Institut Cervantes oder British Council – ist die europäische Kulturarbeit insgesamt innerhalb und außerhalb Europas sehr viel interessanter geworden und gerade diese Art der Zusammenarbeit auf europäischer Ebene bringt uns allen eine große Reputation ein.

Ist der Traum von der Weltsprache für die deutsche Sprache endgültig ausgeträumt?

* Der ist, denke ich, endgültig ausgeträumt. Es mag in einigen Bereichen, wie beispielsweise in der Philosophie, nach wie vor vorzugsweise deutsch gesprochen werden. Immer wieder hören Sie von Philosophen:ohne dass man die deutsche Sprache erlernt, kann man sich der Philosophie nicht widmen wollen. Aber in vielen Bereichen wodie deutsche Sprache die Weltsprache gewesen ist, im Anfang des vorrigen Jahrhunderts beispielsweise, in den Naturwissenschaften, hat die englische Sprache inzwischen ausden verschiedensten Gründen den Sieg davon getragen.

Kann man daraus den Schluss ziehen, dass die deutsche Sprache durch die Globalisierung an Bedeutung verloren hat?

*Alle Sprachen geraten durch die Globalisierung, durch die weltweite Vernetzung unter Druck, weil nämlich dann der Druck in Richtung eine gemeinsame Sprache zu sprechen, immer stärker wird. Dieser Druck wird gegenwärtig zu Gunsten der englischen Sprache ausgetragen. Aber in Europa haben wir ja das Ziel der Mehrsprachigkeit zu einer der grundlegenden Devisen der Kulturarbeit gemacht und darum denken wir, eingeschlossen die britischen Kulturinstitute, stark darüber nach, wie wir über das Englische hinausgehend Mehrsprachigkeit innerhalb Europas erreichen können.

Wir kommen jetzt zu einer sehr persönlichen Frage: Niemand anders als Goethe selbst erinnert in seinem Hauptwerk „Faust“ an eine grundsätzliche Lebensfrage: „Nun sag! Wie hast Du!s mit der Religion? Darf ich diese Kernfrage, die Margarethe an Dr.Faust stellt, so salopp an Sie weitergeben?

*Ich hoffe ich enttäusche Sie nicht, wenn ich zunächst einmal antworte: Ich bin eine Agnostikerin. Mein Vater hat, wie es damals offenbar unter Sozialdemokraten Mode war, uns nicht taufen lassen, sondern hat uns Kindern gesagt, ab 14 Jahren möget ihr entscheiden, ob ihr einer Kirche beitretet oder nicht. Mein Schwester hat sich dafür entschieden, ich bin nicht Mitglied einer Kirche geworden. Gleichwohl würde ich mich für eine Christin halten, denn meine Eltern haben dafür gesorgt, dass ich nicht nur einen christlichen Kindergarten besucht, sondern immer auch am Religionsunterricht teilgenommen habe. Aber lassen Sie mich eines hinzusetzen: ich habe im Nachhinein die Entscheidung meiner Eltern nicht für gut empfunden, und habe es hinsichtlich meiner Kinder mit meinem Mann anders gehalten. Nicht nur habe ich krichlich mit päpstlicher Dispens geheiratet, sondern wir haben alle Kinder taufen lassen, die offenbar der Kirche alle treu geblieben sind, denn auch unsere fünf Enkelkinder sind getaufte Kinder!

Europa war einmal vom Christentum geprägt. Wenn seine Werte morgen nicht mehr bekannt sein sollten, vergessen sein sollten, wer wird dann die Gesellschaft zusammenhalten, wer die christlichen Traditionen, Sitten und Moral glaubhaft vertreten und weitertragen?

*Ich habe schon mit Ihrer Unterstellung Schwierigkeiten weil ich mir eine Welt ohne Christentum nicht vorstellen kann. Und wenn es das nicht mehr gäbe – man müßte es glatt wieder erfinden. Und was ist dann im Grunde genommen der richtige Weg? Diese christliche Tradition, die schon über Jahrtausende währt, weiter zu bewahren und ich denke, dass das bei allen Mißerfolgen in der Moderne den Kirchen auch gelingen wird.

Frau Professor Limbach, Sie haben eine beispielloseLaufbahn hinter sich gebracht und sind für viele Menschen zu einem Vorbild geworden. Nicht nur für Rechtsgelehrte, Sprachwissenschaftler und hohe Kulturvertreter, sondern auch für ganz normale einfache Menschen. Wie haben Sie das geschafft, mit einer Familie mit drei Kindern einen so trefflichen, beispiellosen Erfolg zu erzielen?

*Ich denke ich habe dies sowohl meiner Herkunftsfamilie zu verdanken, als auch der Familie, die ich selbst mitgegründet habe.Meine Eltern haben mich schon so erzogen, dass ein Mensch, auch ein weibliches Wesen – schon meine Großmutter war politisch aktiv – beides können muss:eine Familie haben und auch einen Beruf oder eine politische Tätigkeit ausüben muss. Und dann habe ich einfach auch meiner Familie zu danken, meinem Mann, der sich mich nur als Hausfrau überhaupt nicht vorstellen konnte, und meinen Kindern, die sehr selbstständig dieses Familienleben, diese Arbeitsteilung mitgetragen haben. Und dann muss ich eines zugeben: wir Limbachs waren schon auf Grund unserer Ausbildung und der Position, die wir jeweils innehatten, finanziell auch so privilegiert, dass wir uns immer ein Kindermädchen leisten konnten. Unsere Kinder also immer betreut waren. Und vielleicht sollte ich doch hinzusetzen, dass es in solch einem Leben – so elegant manches klingt – doch immer auch schwierige Situationen gibt, in denen man darauf angewiesen ist, dass die Familienmitglieder einen unterstützen– dass aber auch Institutionen wie die Kirche und die Schule – mit dazu beitragen, dass Kinder einen Hort finden,und dass Kinder ab einem gewissen Alter sich Richtlinien setzen, - auf gut deutsch – ihr Gewissen ausbilden können.

Aldo Parmeggiani


Pius XII. - Ein Papst in Bedrängnis
(Sendung: 22.2.09)

 

Die geplante Reise des Papstes ins Heilige Land, die bevorstehende Seligsprechung Pius XII. aber auch die jüngsten Ereignisse im Umfeld der Traditionalisten haben die Debatte um die Rolle dieses Papstes während des Zweiten Weltkriegs neu angeheizt. Hätte der Papst die Greueltaten Hitlers stoppen können, in dem er Krieg und Judenverfolgung öffentlich verurteilte?  Die Meinungen über diesen Pontifex, der in der schwierigsten Zeit des vergangenen Jahrhunderts an der Spitze des Vatikans stand, gehen weit auseinander. Die einen sagen, er hätte mehr gegen das himmelschreiende Unrecht protestieren sollen, die anderen betonen, dass jede öffentliche Stellungsnahme noch mehr Unrecht nach sich gezogen hätte. Überlegungen und Einschätzungen dazu jetzt mit Professor Dr. Karl-Joseph Hummel, Direktor der Kommission für Zeitgeschichte/Bonn

Eugenio Pacelli war 12 Jahre lang Nuntius in Deutschland.  Die Zeit in München und in Berlin war für den späteren Papst der erste Auslandsposten und dieser Posten, begann sofort mit einer der wichtigsten  Aufgaben, die das damalige Kirchenoberhaupt  zu vergeben hatte: mit der Friedensinitiative Benedikt XV. Wie hat Pius XII. diese Erfahrungen in Deutschland genützt und später in sein römisches Amt aufgenommen?

*Nach dem Scheitern dieser Friedensinitiative wußte Pacelli, dass die Frage der päpstlichen Neutralität in weltpolitischen Angelegenheiten eine ganz wichtige Voraussetzung ist und diese erste wichtige Erfahrung hat er mit in die Zeit des 2. Weltkriegs genommen. Pacelli hat außerdem in München die kommunistische Räterepublik erlebt und hat den Aufstieg des Nationalsozialismus - einschließlich des Hitlerputsches - persönlich erfahren. Diese beiden Erfahrungen haben zusammen mit der Verhandlungserfahrung, die er dann in Berlin mit den Sowjets gemacht hat in den Geheimverhandlungen über päpstliche Hilfe in der Sowjetunion dazu veranlasst, ein klares, antikommunistisches und antinationalsozialistisches Bild mit nach Rom zu nehmen.

In den meisten Medien wird Pius XII.oft als Papst der Deutschen bezeichnet. Und zwar als Hitler's Pope, wie es in einer englischen Veröffentlichung von John Cornwell heißt. Daraus wird der Vorwurf abgeleitet, der Papst habe im antibolschewistischen Einverständnis gemeinsame Sache mit den Nazis gemacht. Professor Hummel:

*Eugenio Pacelli hat merhrfach auch in der Kriegszeit noch darüber gesprochen, dass seine Erfahrung, seine Zeit in Deutschland vielleicht die schönste Zeit seines Lebens gewesen sei. Trotzdem wußte Pacelli sehr genau zu diferenzieren: er war nicht der Papst der Deutschen, sondern er wußte, dass die Deutschen und der deutsche Nationalsozialismus nicht identisch sind. Sein Bild von Adolf Hitler stand sehr deutlich fest, als er 1929 aus Deutschland zurückkam und es gab auch keinerlei persönlichen Kontakt zwischen Hitler und Pacelli.

Interessant ist, dass die Nationalsozialisten das ihrerseits genauso eingeschätzt haben. Als Pacelli 1939 zum Papst Pius XII. gewählt wurde hat Goebbels in sein Tagebuch notiert: das ist nicht unser Mann!

* Ja, Pacelli hat aus dieser persönlichen Einschätzung des Nationalsozialismus für sich abgeleitet, dass es keinerlei Zusammenarbeit mit diesem Nationalsozialismus geben konnte, auch nicht in diesem antikommunistischen Einverständnis. Ähnlich differenziert ist Pacelli vorgegangen auch innerhalb der katholischen Kirche selbst: wir wissen, dass seine Einstellung zu dem Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz, Kardinal Bertram, sehr kritisch gewesen ist und wenn es um entscheidende Fragen ging, hat Pacelli seine persönliche Freundschaft zu Kardinal Faulhaber in München und dem Berliner Bischof von Preißing ausgenutzt und hat an allen offiziellen Kanälen vorbei, sich dort Rat geholt, den er dann bei seinen Entscheidungen auch berücksichtigt hat.

Pius XII. wird vorgeworfen, den Völkermord an den europäischen Juden nicht deutlich genug, nicht laut genug kritisiert zu haben. Der Papst, der geschwiegen hat, heißt es vielfach:  ist dies eine Formel, die Pius XII. mit sich herumtragen muss?

*Das beginnt nicht erst in der Nachkriegszeit, etwa mit Hochhuth, sondern bereits 1933 gibt es den berühmten Brief, den Edith Stein an Pius XI. geschrieben hat mit dem Topos: der Papst darf nicht schweigen, wenn so viel Elend um ihn herum vor sich geht. Nun ist Schweigen nicht gemeint im Sinne, der Papst hätte nicht gesprochen. Es hat keinen Papst gegeben, der mehr Ansprachen gehalten hätte und Reden gehalten hätte als Pius XII. Zu seiner Zeit wurde ihm sogar vorgeworfen, dass er sich zu allem und zu jedem Thema geäußert hat.

Aber  - aus diesem Schweigen wird abgeleitet, dass der Papst auch nicht gehandelt hätte, und untätig zugesehen hätte, obwohl er die Möglichkeit gehabt hätte, die Vernichtung der europäischen Juden zu verhindern. Stimmt das?

*Dazu muss man sagen, dass der Papst zunächst die Möglichkeit gar nicht gehabt hat und es muss schon die Frage erlaubt sein, warum die Nationalsozialisten gerade an diesem Punkt, der in ihrem Rassismus an erster Stelle stand, auf den Papst in Rom hätten hören sollen, wenn sie in anderen Punkten nicht auf ihn gehört haben und wir wissen ja, dass aus dem Streit um das Reichskonkordat 1933, dass die Nationalsozialisten auch da nicht bereit waren auch nur an einem einzigen Punkt nachzugeben. Tatsächlich war das Schweigen für Pius XII. die Voraussetzung, dass er handeln konnte, also die Nichtöffentlichkeit war die Voraussetzung dafür, dass zum Beispiel über die Nuntiaturen, Roncalli in Ankara oder der Nuntius in Budapest,Pässe ausgestellt worden sind, die die Ausreise nach Südamerika ermöglicht haben oder Taufen vorgenommen worden sind, oder jüdische Kinder in katholische Familien oder in Klöster vermittelt worden sind.

Welche Leitlinien haben Ihres Erachtens Herr Hummel Pius XII. zu seinem Verhalten veranlasst? Hätte es dazu überhaupt Altern,ativen gegeben?

*Pius XII. war Zeit seines Lebens ein abwägender, überlegender Diplomat, der mit juristischer Bildung sehr bedacht reagiert hat und nicht vorschnelle Entscheidungen getroffen hat. Diese eher abwartende diplomatische Haltung steht nun in Konkurrenz zu einer moralischen Führungsrolle, die von ihm erwartet worden war, auch von vielen Katholiken erwartet worden war. Natürlich ist es vorstellbar, dass ein anderer Papst sich anders verhalten hätte und sein persönlicher Sekretär, Pater Leiber, hat in einem Interview einmal gesagt, er glaube, dass Pius XI. sich anders entschieden hätte und in dem Protest gegen die Ermordung der europäichen Juden an die Öffentlichkeit gegangen wäre. Aber er wollte sich nicht festlegen, welches Ergebnis das bessere gewesen wäre. Für Pius XII. war es wichtig, ad maiora mala evitanda.

Nach der Öffnung der vatikanischen Archive wissen wir auch, dass es sehr viele alternative Überlegungen gab, die dann aus ganz verschiedenen Gründen verworfen worden sind. Ein Beispiel?

*1937 hat der Vatikan überlegt, nach dem Scheitern der Enzyklika 'Mit brennender Sorge', die in Deutschland nur dazu geführt hat, dass die Verfolgungsmaßnahmen zugenommen haben, aber damit die Situation der Katholiken nicht verbessert worden war, nach diesem Scheitern auf nationaler Ebene eine weltweite Offensive gegen den Nationalsozialismus zu inszenieren, und diese weltweite Initiative ist dann unterblieben, weil Kardinal Faulhaber in München davon abgeraten hat, mit der Begründung, diese Offensive würde dem Druck der Nationalsozialisten auf die katholische Kirche weiter erhöhen und würde in Deutschland zu einer Kirchenspaltung führen, weil es die Katholiken zwingt, sich zwischen Staat und Kirche zu entscheiden.

Ein zweiter Haupt-Vorwurf gegen Pius XII. bezieht sich auf einen angeblichen Antisemitismus dieses Papstes. Was kann man dazu konkret sagen?

*Dieser Vorwurf des Antisemitismus wird abgeleitet aus einer einzigen Quelle: einem Nuntiaturbericht vom April 1919 aus München, in dem Pacelli berichtet über den Eindruck, den die jüdisch-kommunistische Räteregierung auf ihn gemacht hat. Dieser in italienischer Sprache verfaßte Nuntiaturbericht wurde dann von John Cornwell ins Englische übersetzt und aus dieser Übersetzung stammt der antisemitische Eindruck. Der Ursprungstext ist alles andere als antisemitisch und die antisemitischen Klischees sind erst durch die Übersetzung Cornwells entstanden und wurden dann korrekt aus dem Englischen ins Deutsche und andere Sprachen übertragen. Nachdem die meisten Leser aber inzwischen die englische Ausgabe lesen und nicht auf das italienische Original zurückgehen können, wird diese gefälschte, verfälschende Übersetzung jetzt als Beleg für einen Antisemitismus Pius XII. angenommen.

Fünf Jahre nach dem Tod Pius XII. - 1963 - wird in Berlin ein Drama eines jungen protestantischen Schriftstellers, Rolf Hochhuth, aufgeführt, die das Geschichtsbild Pius XII. auf Jahrzehnte von weiß auf schwarz veränderte. Kritiker behaupten, die Darstellung Pius XII beruhe auf völlig unseriöse wissenschaftliche Recherchen, andere sprechen von einer gelungenen Dramaturgie?

*Die Öffnung der vatikanischen Archive bis 1939 erlaubt es nun schon in einer ganzen Reihe von Punkten mit Dokumenten, die bisher nicht zur Verfügung waren, gegen Hochhuth zu argumentieren und wenn Rolf Hochhuth bereit wäre, sich auf diese  Diskussion einzulassen, wäre sein Theaterstück auch nicht mehr aufführbar. Die einzige Möglichkeit für Hochhuth seine Position zu halten, ist, dass er dem Gespräch mit der Wissenschaft konsequent aus dem Weg geht und gegen die Erkenntnisse der zeitgeschichtlichen Forschungen moralische Positionen behauptet, die aber deshalb so schwach sind, weil die Personen auf der Bühne und die Wirklichkeit nichts miteinander zu tun haben.


*Pius XII.soll vom damaligen Botschafter beim Hl. Stuhl, Ernst von Weizsäcker, die Warnung erhalten haben, er könne mit seinen Kritiken und Vorwürfen gegenüber den damaligen Machthabern in Deutschland nicht vorsichtig genug sein, er, Weizsächer, kenne seine Leute nur zu gut.und wisse, welche Folgen dies haben könne. Herr Professor Hummel:

*Ernst von Weizsächer hatte nach Berlin gemeldet, dass es ihm gelungen sei, ohne Aufsehen zu erreichen, den Papst von einem öffentlichen Protest abzuhalten. Die Darstellung aus den vatikanischen Quellen deutet eher darauf hin, dass der Kardinalstaatssekretär Maglione bei seinem Gespräch mit von Weizsächer damit gedroht hat, der Papst würde an die Öffentlichkeit gehen, wenn die Razzia gegen die Juden nicht sofort eingestellt würde. Das überzeugende Argument für die Einstellung der Razzia war aber glaube ich das Beispiel Neapel, weil man hier zeigen konnte, dass der Aufstand in Neapel dazu geführt hat, dass die Stadt in die Hand der Allierten gefallen war und dass eine ähnliche Möglichkeit auch in Rom bestünde, und dieses Risiko wollte man in Berlin nicht eingehen.

Was geschehen wäre, wenn sich der Papst zu einem deutlichen Protest durchgerungen hätte, kann man nur vermuten. Wie hätten die Westmächte darauf reagiert? Wie die Verbündeten der Deutschen? Wäre der Krieg dadurch tatsächlich früher beendet worden? Dies alles sind Fragen, über die man nur spekulieren kann. Eines aber haben wir heute deutlich gehört: geschwiegen hat dieser Papst nicht, er hat vielmehr protestiert und vielen geholfen, nicht lautstark und vehement, sondern still und hinter den Kulissen.

Eine letzte Überlegung: Vielfach wird die Frage gestellt: Warum hat der Papst auch dann noch geschwiegen, als der Spuk des Nationalsozialismus und der Krieg vorüber waren. Pius XII. lebte ja noch bis 1958?  Die Bedenken, die Pius XII. vor 1945 dazu veranlasst haben, öffentlich zu schweigen, waren danach ja eigentlich weggefallen?

*Ich glaube, um hier eine abschließende Antwort zu finden, müssen wir warten, bis die Dokumente von 1939 - 1958 und auch zur Verfügung stehen. Und ich bin sicher, dass sich das Bild von Pius XII. mit diesen neuen Dokumenten dann weiter verändern wird, so wie es jetzt bereits für die 30ger Jahre sehr viel differenzierter ist, als wir das vor der Öffnung der Archive gekannt haben.

Aldo Parmeggiani


Giulio Andreotti  - 90 Jahre
Urgestein der italienischen Politik
(Sendung am 11. Januar 2009)

Giulio Andreotti - siebenfacher Ministerpräsident - hat den italienischen Staat nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt wie kein Zweiter. In allen Höhen und Tiefen hatte der gebürtige Römer die Hand im Spiel, er galt und gilt als Sphinx, als graue Eminenz, als politisches Urgestein dieses Landes. Im Laufe seines Lebens konnte der Senator auf Lebenszeit 28 Mal die Aufhebung seiner parlamentarischen Immunität abwehren. Dann kamen die schwersten Anklage auf ihn zu: Der Mafia Beihilfe geleistet zu haben und Auftrageber eines Mordes gewesen zu sein. Andreotti verzichtete auf seine parlamentarische Immunität und musste einen fast zehnjährigen Prozess über sich ergehen lassen. Der erste Prozess um die Ermordung des Journalisten Mino Pecorelli am 20. März 1979 endete nach drei Jahren mit einem Freispruch. In zweiter Instanz wurde Andreotti am 17. November 2002 in Perugia zu 24 Jahren Haft verurteilt. Dieses Urteil wurde in der Berufungsverhandlung am 2. Mai 2003 in Palermo aufgehoben. Im selben Jahr wurde Andreotti aufgrund zwischenzeitlich eingetretener Verjährung der Tat auch vom Vorwurf der Verbindung zur Mafia freigesprochen. Seine guten Beziehungen zum Vatikan und umgekehrt, die guten Beziehungen des Vatikans zum Christdemokraten und bekennenden Katholiken Andreotti sind sprichwörtlich.

Herr Senator, Sie feiern in diesen Tagen Ihren 90. Geburtstag! Sie sind einer der großen Protagonisten der italienischen Nachkriegszeit. 21 Mal bekleideten Sie ein Ministeramt, sieben Mal waren Sie Regierungschef. Sie sind zu einer Art Polit-Ikone des Jahrhunderts geworden, wie nur wenige Politiker auf der Welt. Sie werden verglichen etwa mit Konrad Adenauer, Nelson Mandela, Deng Xiao Ping, Helmut Schmidt - auch er ist in diesen Tagen 90 geworden - und mit vielen anderen. In politischer und vielleicht nicht nur politischer Hinsicht - war Alcide De Gasperi Ihr großes Vorbild, auf das Sie sich immer wieder berufen. Er war es, der Sie in das große Abenteuer der Politik hineingezogen hat. Die italienischen Christdemokraten haben fast ein halbes Jahrhundert lang innenpolitisch den Ton angegeben. Jetzt gibt es Ihre Partei nicht mehr. Wie lautet Ihr Urteil über die Politik von heute?

'Auf technischer Ebene gibt es heute mehr Kenntnisse, mehr Statistiken und Vergleiche. Allerdings hat sich - ich möchte sagen - der kulturelle, vielleicht auch der moralische Elan schrittweise abgeschwächt, der einst die Politik kennzeichnete. Ich wiederhole: wir sind vielleicht alle ein bisschen mehr zu Technikern geworden, aber insgesamt sehe ich darin absolut keinen Fortschritt.'

Die Aufnahme Italiens - das den Krieg verloren hat -  in das Atlantische Bündnis gilt heute als eine der bedeutendsten politischen Entscheidungen Ihres Landes. Ihrer Partei war es ebenso gelungen, den Vatikan und die katholische Welt dazu zu überzeugen, dass es auch eines militärischen Pakts, der Nato, bedurfte. Wichtig war natürlich auch die Entscheidung der UNO, später - als Gründungsstaat - der Europäischen Gemeinschaft  und schließlich der gemeinsamen Währung beizutreten. Welche weiteren Punkte möchten Sie auf Grund Ihrer langen politischen Präsenz noch hinzufügen?

'Ich würde hinzufügen: die Vorrangstellung auf dem Gebiet der Ideen, der Kultur. Immer mehr bedarf Politik einer guten Vorbereitung, einer Vertiefung, eines profunden Studiums. Dies ist jedoch ein Raum, der im Dunklen bleibt, wenn er nicht von einer großen Überzeugung, von einer großen Leidenschaft beseelt wird. Ich glaube, das ist das Vermächtnis, das uns De Gasperi hinterlassen hat.'

Das De Gasperi-Gruber Abkommen war lange Zeit ein wichtiges innen- und außenpolitisches Kapitel im Buch der Geschichte Italiens. Heute kann die autonome Provinz Bozen - Südtirol weltweit als Beispiel dafür vorgezeigt werden, wie Probleme ethnischer und sprachlicher Minderheiten einigermaßen vernünftig gelöst werden können. Das 'Paket' gilt allgemein als politisches Meisterwerk. Ihre Baumeister heißen Aldo Moro, Giulio Andreotti, Silvius Magnago, Bischof Gargitter, Rudolf Kirchschläger, Bruno Kreisky und viele andere. Manchmal wird das Abkommen sogar als potentieller erfolgreicher Exportartikel bezeichnet.

'Ich erinnere mich an die Geburt dieses Übereinkommens, dieses politischen Einvernehmens, das damals als unüberbrückbar galt. Ebenso gut erinnere ich mich an die einzelnen Persönlichkeiten, die Sie eben genannt haben. Ich glaube - je mehr Zeit vergeht - umso mehr nimmt man wahr, wie nützlich diese Wende gewesen ist. Wenn man Trennungen unterstützt - kann man zunächst einmal vielleicht Erfolg haben - aber man baut damit nichts auf. Im Gegenteil, man macht einen Schritt nach hinten. Ich glaube, das Gruber-De Gasperi Abkommen wird in der Geschichte Italiens für immer als ein essentieller Punkt positiver Entwicklung aufscheinen.'

Immer wieder wird - auch im Ausland - die Mafia als der Hauptfeind, als die Hauptgefahr Italiens bezeichnet. Die schlimmsten Verbrechen, die in diesem Land begangen wurden, tragen deren Unterschrift. Wie viel politischer Zündstoff  steckt heute noch effektiv hinter dieser Behauptung?

'Ohne Zweifel trägt die Mafia - vor allem in einigen bestimmten Regionen - im weitesten Sinn dieses Wortes alle Zeichen der Auflösung. Sie ist der Bazillenträger, eine Art Tuberkulose in Italien. Wenn es uns nicht gelingt, gegen die Mafia starke Gegenmittel zu finden, kann das ganze soziale System in gefährlichster Weise zugrunde gehen.'

Zehn Jahre lang stand Giulio Andreotti in Palermo und Perugia unter Prozess wegen Begünstigung der Mafia und des Verdachts auf einen Auftragsmord. Das sind furchtbare Anklagen, die das Bild eines bis dahin äußerst erfolgreichen Politikers dramatisch veränderten. Beide Prozesse endeten schließlich mit einem Freispruch. Andreotti hat auf seine parlamentarische Immunität verzichtet und war bei allen Gerichtsverhandlungen persönlich anwesend. Das ist bei vielen Staatsbürgern gut angekommen - er hat ihnen dadurch Vertrauen in das demokratische System wiedergegeben. Mit Sicherheit hat dieser lange Prozess nicht nur berufliche, sondern auch menschliche Rückschläge bewirkt: Andreotti spricht nicht oft und nicht gerne darüber. Hat sich da etwas Grundsätzliches in Ihnen verändert?

'Es war in der Tat eine lange Zeit großer Bitterkeit. Wenn jemand etwas Unrechtes getan hat, soll und muss er dafür die Verantwortung tragen. Wenn jemand aber auf Unverständnis oder gar auf Feindseligkeit stößt, weil er sich für gerechte und für die Allgemeinheit nützliche Dinge eingesetzt hat, reagiert dieser instinktiv und unweigerlich darauf. Aber ich habe es, Gott sei Dank, überlebt.'

Wenn man den Lauf der Geschichte Italiens von außen betrachtet, wird offensichtlich, dass Italien seine hervorragenden  Männer nicht gerade besonders ehrenvoll behandelt: man denke an Gramsci, Giolitti, Togliatti, Craxi, Moro, Leone und eben auch Andreotti. Wie ein roter Faden zieht sich dieser Tatbestand durch die italienische Geschichte des vergangenen Jahrhunderts. Was denken Sie darüber?

'Ja, Sie haben vielleicht Recht. Ich möchte dennoch etwas hinzufügen: die Geschichte kann immer nur aus der Vergangenheit und nicht vom Augenblick her beurteilt werden. Der Augenblick wird von der Chronik erfasst, die Geschichte nicht'.

In der schwierigsten Zeit Ihres Lebens, Herr Senator, hat ein Großteil Ihrer Parteifreunde Sie im Stich gelassen. Nicht jedoch der Vatikan. So, wie Sie den Vatikan nie verlassen haben. Sie gelten als ein Vertrauensmann der Kirche und sind selbst praktizierender Katholik. Was ist echte Freundschaft, was ist echter Glauben für Sie?

'Freundschaft, das ist der Pakt, den Nächsten richtig zu verstehen, das heißt seine eigenen Pflichten  wahrzunehmen und nicht nur dem Kult seiner Rechte zu folgen, was leider oft der Fall ist. Was den Glauben betrifft: wichtig ist, im Dienste der Kirche zu leben, sich für ihre Ideale einzusetzen und nicht umgekehrt, sich der Kirche  für eigene politische Zwecke zu bedienen. Auch dies steht im Vermächtnis von Alcide De Gasperi, das er unserem Gewissen anvertraut hat'.

Haben Sie Ihren Feinden, Ihren Widersachern verzeihen können? Haben Sie nie an Rache gedacht?

'Ach Rache, wissen Sie, das macht nur nervös und fügt der Bitterkeit weiteren Verdruss hinzu. Ich ziehe - nicht aus Güte - das Vergessen vor. Ich glaube, der Herrgott wird denen verzeihen, die mir ungerechterweise so viele Fallen gestellt haben. Immerhin, ich bin noch am Leben, das ist das Wichtigste'.

Papst Benedikt XVI. spricht oft über das Verhältnis der Vernunft zur Religion und umgekehrt. Es ist geradezu zu einem Leitmotiv dieses Pontifikats geworden. Widersprechen sich Ihres Erachtens, Herr Andreotti, diese beiden Begriffe oder sind sie einfach zwei Grundbestandteile menschlichen Seins?

'Das sind zwei verschiedene Gebiete, die aber auch eine Reihe von Gemeinsamkeiten aufweisen. Das eine bezieht sich hauptsächlich auf das Übernatürliche, das andere betrifft das konkrete Leben, das irdische Leben. Die Lehre der Kirche und ihre Sozialdoktrin besteht darin, das Verhalten der Menschen auf dieser Welt zu lenken, in der Verpflichtung sie möglichst von den Lasten eigener begangener Fehler zu befreien und der Barmherzigkeit Gottes anzuvertrauen'.

Ihre lange politische Karriere erlaubt auch einen Blick in die Zukunft: Welche Signale sehen Sie am Horizont der Zukunft aufleuchten? Welche Probleme, welche Chancen auf dem politischen, sozialen, kulturellen Umfeld werden auf die nächsten Generationen zukommen? Welche Visionen lassen sich da erkennen?

'Intern wird es uns wahrscheinlich gelingen, wenn auch nur in kleinen Schritten, die Differenzen zu überwinden, die derzeit nicht nur zwischen den einzelnen Regionen, sondern manchmal sogar zwischen der einen Nachbarstadt und der anderen herrschen. Aber auch weltweit müssen die großen Unterschiede verringert werden. Man darf sich nicht einbilden, dass Länder mit Quote Null für immer als solche zu betrachten sind. Wenn hier kein Gleichgewicht gefunden wird, werden wir schreckliche Revolutionen größten Ausmaßes erleben, gegenüber denen jene, die wir erlebt haben, im Vergleich nur kleine Kriege darstellen.'

Wir haben Ihnen heute, Herr Senator Andreotti, ein bisschen den Spiegel vorhalten können. Und Sie haben uns in Ihrer sprichwörtlichen Reserviertheit darauf auch immer  bereitwillig geantwortet. Dennoch bleibt eine letzte Frage offen: Wer ist Giulio Andreotti wirklich? Wird er ein nie ganz aufgeschlüsseltes Rätsel bleiben? Welche Geheimnisse hält der manchmal als Sphinx bezeichnete große Politiker in seinem Innersten verborgenen, fragen sich viele Menschen. Sein Gesicht enthält gleichzeitig Züge der Undurchdringlichkeit, aber auch der Gelassenheit, der Offenheit, aber auch der Verschlossenheit, der Güte, aber auch harter Entschlossenheit, einer unbestritten hohen Intelligenz, vielleicht sogar der Spiritualität. Wer ist Giulio Andreotti in Wirklichkeit?

'Ich fühle mich mit Sicherheit nicht besser als der Durchschnitt meiner Mitmenschen. Aber auch nicht schlechter. Ich besitze einen gewissen Sinn für den Realismus und lebe deshalb zwischen den Polen der Eitelkeit und der Bescheidenheit. Ich weiß nicht, ob das eine das andere überwiegt. Manchmal erkenne ich in mir schon auch positive Eigenschaften. Ich habe in meinem Leben viel Glück gehabt, politisch gesehen. Das hat bei vielen Neid hervorgerufen. Verständlich, Aber es würde mir auch Leid tun, wenn das Gegenteil eingetroffen wäre und ich keinen so großen Erfolg gehabt hätte. Ich muss mich wiederholen: ich bin ein ganz durchschnittlicher Mensch, und ich erwarte keine besonderen Auszeichnungen. Natürlich möchte ich auch nicht verfolgt und geächtet werden. Denn in diesem Fall hätte ich ja - in aller Bescheidenheit - den Zustand der heroischen Tugend erreicht, die ich in Wahrheit nicht mein Eigen nenne.

Aldo Parmeggiani






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