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Günter Grass - ein Jahrhundertmann - April 2008
Papst Benedikt XVI. ist mit seinem Buch 'Jesus von Nazareth' erstmals auf Platz Eins unter den führenden Intellektuellen Deutschlands vorgerückt: Auf der 'Liste der 500' verdrängte das Kirchenoberhaupt den Schriftsteller Günter Grass von der Führungsposition. Grass fiel auf Platz drei zurück und steht jetzt hinter Martin Walser. Dennoch: der 80 Jahre alt gewordene bedeutende deutsche Schriftsteller kann seine Stellung auf der Weltrangliste der Schreibenden gut verteidigen.Auf den Nobelpreis als höchste Weihe in der Welt der Literatur hatte Günter Grass allerdings lange warten müssen. 1999 erhielt er den Nobelpreis vor allem - aber nicht nur - für sein Historienepos 'Die Blechtrommel', den Roman über die jüngere deutsche Vergangenheit. Günter Grass hat nach Ansicht der Stockholmer Nobelpreis-Akademie 'der Menschheit einen Dienst erwiesen'. Das ist ein großes Wort: der Menschheit einen Dienst erweisen. In der Tat hat Günter Grass die größte Literatur-Auszeichnung auch dafür erhalten, dass er seine Stimme immer wieder für die Schwächeren und jene Menschen erhoben hat, die am Rande der Gesellschaft leben. All dies -Gedanken und Taten - haben nicht nur breite Resonanz, sondern auch Kritik gefunden. Herr Grass, wie gehen Sie mit Kritik um?
*Wenn die Kritik sich auf den Gegenstand bezieht, kann ich damit leben. Das ist für mich selbstverständlich, das gehört mit zum Handwerk. Wenn allerdings Kritik ideologisch vorbelastet ist, wenn Vorurteile wirksam werden, wenn es in Verleumdung und Häme umschlägt, dann ist das schwierig. Ich habe lernen müssen, damit zu leben. Was Sie angesprochen haben: ich will keine Postulate aufstellen, aber ein Schriftsteller - so verstehe ich jedenfalls meine Aufgabe - sitzt auf der Bank der Verlierer. Diejenigen, die in den gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen Prozessen an den Rand gedrängt werden, das sind oftmals Minderheiten, das sind sozial Ausgesteuerte, das sind eine wachsende Zahl von Menschen - da hat der Schriftsteller seinen Ort. Die Sieger in der Geschichte haben immer schon ihre Lobrede gehabt, da braucht es keine Zusprache'.
*Eine Frage, die uns alle brennend interessiert: Sie bringen Sprache zum kongenialen Ausdruck. Was geht in Ihnen vor, wenn der Formulierungsprozess, der Prozess der Wortsuche in Ihrem Inneren abläuft? Was würden Sie als Ihre Quelle der Inspiration, Ihres Einfallreichtums bezeichnen?
'Mir kam es immer darauf an - Realist und Skeptiker, der ich bin und von der europäischen Aufklärung herkommend - die Vernunft nicht nur als ein nur nüchternes Instrument zu sehen. Zu sehen, dass das sogenannte Irrationale auch zu unserer Realität gehört. Dass die Bedürfnisse der Menschen nach dem Märchenhaften, nach dem Phantastischen, nach dem Überrealen, vorhanden sind und als Realität wahrgenommen werden. Und so muss auch die Sprache, diese Vielschichtigkeit der Wirklichkeiten - ich rede bewußÝ im Plural - die verschiedenen Wirklichkeiten miteinander zum Ausdruck kommen. Das ist sicher bei mir die Antriebskraft.'
Die Bedürfnisse der meisten Menschen gehen also über das Reale hinaus. Herr Grass: es ist bekannt, dass Sie Agnostiker sind. Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind, sagt ja Goethe. Sie sagen, dass das Irrationale, das Überreale, also das Methaphysische auch zu unserer Realität gehören. Schließt die Vernunft also den Glauben nicht aus?
'Das muss jeder für sich selbst entscheiden, wiefern er auf Glauben angewiesen ist. Ich habe schon früh den Kindheitsglauben verloren und habe lernen müssen, dass ich hier nicht im Jenseits, sondern hier im Diesseits verantwortlich bin, für das, was ich getan habe und was ich tue. Und das ist Last genug. Und schwierig genug in den Widersprüchen unserer Zeit. Und diese Art von Verantwortung macht meinen Glauben auch aus, meinen Glauben an Veränderbarkeit, trotz all der Rückschläge. Wenn ich das ironisch formulieren darf: ich habe nur einen einzigen Heiligen. Das ist Sisyphos. Der kommt nicht aus der katholischen, auch nicht aus der christlichen Mytologie, sondern aus der griechischen und ist von Camus wunderbar interpretiert worden. Er lästert die Götter und bekommt die Strafe dafür. Er muss den Stein wälzen, der da oben nicht liegen bleibt. Und er sagt, ich lästere euch weiter, ihr Götter, ich habe nur eine Bitte: lasst mir meinen Stein. Und Camus sagt am Ende, wir dürfen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen. Also er weiß, dass der Stein oben nie liegen bleibt. Um es ins Praktische zu übersetzen: wenn eine Reform mühsam durchgesetzt worden ist, Ungerechtigkeitenbeseitigt hat, stellt sich heraus, dass mit der neuen Gerechtigkeit, neue Ungerechtigkeiten neu geschaffen worden sind. Also ist der Stein schon wieder unten und muss neu gewälzt werden. Das ist meine Richtlinie für mein Handeln. Ob ich mich gesellschaftlich und politisch bewege oder vor einem Manuskript sitze, vor dem ich weiß, dass es mich Jahre beschäftigt und der Stein auch dort immer wieder neu gewälzt werden muss'.
*In gewisser Hinsicht sind Schriftsteller ja auch immer Existenzanalytiker. Frage an Günter Grass: Kann Religiosität in Ihren Augen auch Ausdruck menschlicher Sinnsuche sein?
'Bei mir ist das - wenn ich zwischen meinem Schreibhaus in den Wald gehe und alte Buchenstämme zeichne. Da stehe ich jedesmal vor einem Wunder. Weil jede Buche anders ist. Also, was der Natur alles einfälltŠda reicht keine Phantasie, selbst meine nichtŠheran. Was da alles geschieht und immer wieder neu geschieht. Selbst dort wo die Natur durch Menschenwerk beschädigt ist. Ich war einige Jahre lang unterwegs und habe auf den Kammlagen im Harz oder damals noch in der DDR die zerstörten Wälder gezeichnet. Selbst der absterbende Wald hat noch etwas, was einem in Erstaunen setzt und was uns als Menschen klein macht.'
*Der Philosoph Habermas vertritt die Überzeugung, dass Religionen nicht verschwinden werden und fügt hinzu: sie sind der einzige kulturelle Grundbaustein unserer Zivilisation.
*Wenn ich nur den Vergleich anstelle, was an bildender Kunst in Verbindung mit der katholischen Kirche oder im Bereich der Musik mit der protestantischen Kirche entstanden ist, ist das, was in der Gegenwart künstlerisch zum Ausdruck kommt, jämmerlich und lächerlich. Und man kann nicht sagen, dass das an der Kunst liegt. Die Kunst hat sich anderen Theman zugewandt, weil die Kirchen in ihrer nach wie vor spürbaren Dogmatik nicht insprierend genug sind. Ich wüßte nicht, wo ich da ansetzen könnte. Das letzte Mal, dass ich ein Golgathabild gemalt habe, war in der Phase, als ich den toten Wald gezeichnet habe. Das Bild hängt in Lübecker Marienkirche, ein Triptychon, eine Kohlezeichnung, Großformatik drei zerstörte Bäume in der Mitte, die als Rümpfe eine angedeutete Kreuzform haben.Da ist kein Mensch drauf, nur zerstörte Natur'.
*Um nochmals Habermas zu zitieren: er nennt diese kulturellen Bausteine: Abrüstung, Sterbehilfe, Stammzellen, Klimawechsel. Das sind allesamt auch Paradigmen der katholischen Kirche, Herr Grass.
'Ja, aber das reicht nicht aus. Wenn jetzt der Papst - um ein Beispiel zu nennen, mit den Schwierigkeiten in Amerika - und das gibt es ja nicht nur in Amerika - Übergriffe auf Kinder von Priestern verurteilt und dankenswerter Weise dieses Problem angeht, sich entschuldigt und auch die Opfer besucht, ist das ein erster Schritt. Der zweite Schritt wäre natürlich zu fragen: Wie kommt es dazu? Ist das Zölibat noch aufrecht zu erhalten? Da fehlt die offene Diskussion, die Infragestellung von Postulaten, die aus dem Mittelalter herrühen und nicht mehr zeitgemäß sind. Da fehlt mir ein radikaler Reformwille und die Rückbesinnung auf das, was am Christentum so umwerfend revolutionär ist, das aus diesem Palästinastreifen heraus sich zu einer Weltreligion hat entwickeln können'.
*Sie sprechen selten über Kirche und Religion. Und wenn Sie darüber sprechen, üben Sie meist Kritik an der Institution Kirche und Klerus. Gibt es etwas, was Ihnen an der Kirche gefällt?
' Ja, Ich finde die Einrichtung der Beichte etwas sehr Menschliches. Weil die Gegenseite ans Schweigegebot gebunden ist, und der Mensch sich erleichtern kann, von dem was ihn bedrückt. Eine sehr menschliche Geste. Keine öffentliche Anklage, man macht das in dem Beichtstuhl aus. Die Beichte ist etwas sehr Gutes.'
Also dass Günter Grass für die Beichte oder eine Wiederbelebung der Beichte istŠŠdas ist schon mal eine Aussage! Die katholische Herkunft gehört zu Ihnen genauso wie - wie Sie selber sagen-, die Ablösung aus den Engen des Kinderglaubens. Wo aber liegen bei Ihnen heute jene Grenzen der Wahrheitssuche, die einen Künstler von einem Theologen unterscheidet? Oder anders gefragt, worin besteht die wahre Abgründigkeit des Menschen, angesichts unserer aller Endlichkeit?
'Also ich glaube nicht, dass der einzelne Mensch in der Lage ist, die Wahrheit zu erkennen. Wie ich beim Schreiben mit verschiedenen Wirklichkeiten zu tun habe,die im Widerspruch zueinander stehen, so gibt es auch Wahrheiten im Plural. Der Respekt vor der Pluralität dieser Wahrheiten, der Wirklichkeiten, das würde ich ein humanes Verhalten nennen. Ganz gleich, was man tut: als Künstler, als Politiker, wie immer auch. Auch als WirtschaftsmannŠ. da fehlt es ja weitgehend. Wir leben in einer Welt, die derartig ökonomisiert ist, das für all die Dinge, die wir hier besprechen, ja kaum noch Platz ist.'
*Jeder Mensch entdeckt im Rückblick auf seine bisherige Existenz Zäsuren, die ihm besonders wichtig erscheinen. Sie waren 16 Jahre alt, als Sie für ein paar Monate der SS angehörten. Dass Sie erst spät von dieser jugendlichen Zugehörigkeit gesprochen haben, wird von manchen kritisiert. Können Sie diese Kritik verstehen?
'Dass man fragt, warum ich dies so spät getan habe, das ist verständlich. Das habe ich mich selber auch fragen müssen. Ich habe immer gewußt, dass ich darüber schreiben werde. Das hat Zeit gebraucht. Ich mußte in ein Alter kommen, dass ich überhaupt in der Lage war, über mein Leben zu berichten. Das macht man normalerweise, wenn man ein bestimmtes Alter erreicht hat. Die Reaktion darauf, war bei vielen Verständnis, aber auch ein ungeheure Häme, Angriffe und regelrechte Kampagne, die ich erlebt habe und überleben mußte. Das war nicht einfach. Übrigens: eine der tolerantesten Worte dazu kam von Seiten des Kardinal Lehmann. Ja, seine Åußerung hat mir sehr gut getan.'
Stichwort Papst: Eines haben sie ja gemeinsam.Sowohl Joseph Ratzinger als auch Günter Grass standen lange Zeit auf Platz Nr.1 der 500 führenden Intellektuellen in Deutschland. Allerdings ist jetzt der Literatur Nobelpreisträger von Papst Benedikt XVI. eingeholt worden. Und da gibt es noch etwas, was die beiden großen Persönlichkeiten möglicherweise verbindet: In seinem Buch 'Beim Häuten der Zwiebel' trifft der junge Günter Grass in amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Bad Aibling auf einen jungen Mann, den er Joseph nennt. Beide eben erst siebzehn Jahre alt. Er beschreibt ihn als katholisch bis ins Mark, sanfte Stimme mit Berufswahl Bischof. Realität oder Fiktion?
'Ich glaube mich zu erinnern an einen Joseph, der sehr leise sprach, sehr eindringlich sprach, sehr gebildet war, der sein Latein kannte, während meines aus der Schulzeit schon längst verflogen war. Es war ein gemeinsames Hausen unter freiem Himmel. Es waren 100.000 Kriegsgefangene dort im Massenlager. Es regnete oft und wir saßen unter einer Zeltplane und haben Zukunftspläne geschmiedet. Und ich erinnere mich, dass dieser Joseph - von dem ich nicht ausschließen kann, dass es der spätere Kardinal Ratzinger und heutige Papst Benedikt ist - Pläne im Bereich der kirchlichen Hierarchie hatte. Nicht nur Priester, das war klar, er wollte höher heinaus. Und auch ich wollte ein berühmter Künstler werden'.
*Gewisse Untertöne in Ihren Gedanken lassen Sie nicht selten als Pessimist erscheinen. Durch die Ausbeutung der Schöpfung wird sich die Menschheit selbst auslöschen, sagen Sie und bedienen Sie sichbei dieser Negativutopie der Apokalypse.
'Ich bin, wenn Sie so wollen, ein lebenslustiger Pessimist. Ich lebe gerne und genieße das Leben. Aber ich bin mir bewußt, dass der Aufenthalt der Menschen auf diesem Planeten ein begrenzter ist. Wir sind relativ spät auf diesen Planeten gekommen, es gab hier Leben, lange, lange vor uns und es wird nach dem Ausscheiden der menschlichen Spezies auch wieder Leben geben. Wenn all der Unrat, all die Schäden, die wir verursacht haben, abgeklungen sind. Dieses Begreifen, dass wir hier nur Gast sind, und zwar ein Gast, der das, was ihm gegeben wird, ausbeutet, ans Ende führt. Der Mensch nutzt die Gaben, Verstand und Vernunft zu gebrauchen, Maß zu halten, nicht. In seiner Vermessnheit tut er Dinge, die nicht mehr zurückzunehmen sind, angefangen von der Atombombe bis zu den genetischen Eingriffen.'
Aldo Parmeggiani
Paul Kirchhof - 65 Jahre
Geburtstagsgespräch, 30 März 2008
Prof. Dr. Paul Kirchhof ist 1943 in Osnabrück geboren. Berufstätig wurde der junge Kirchhof zunächst in der akademischen Lehre. 1981 erhielt der deutsche Jurist und Rechtswissenschaftler einen Ruf an den Lehrstuhl für öffentliches Recht an der Universität Heidelberg. Im November 1987 wurde Kirchhof als bisher jüngster Bundesverfassungsrichter nach Karlsruhe gewählt. Maßgeblich wirkte er besonders in der Sozialpolitik, sozusagen als Förderer der klassischen Familie. Bei seinen Überlegungen zur Staatstheorie thematisierte Kirchhof auch die einer Verfassung zu Grunde liegenden Werte, wozu der bedeutende Verfassungsrechtler ausdrücklich das Christentum zählt. Kirchhof hält Werte für unabdingbar, das sie keine Verfassung selbst garantieren könne. Ein ganz anderes Amt nahm Kirchhof im Oktober 2004 mit der Berufung in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank an.
*Herr Professor Kirchhof, Sie sind Verfassungsrechtler, Wirtschaftsexperte, Finanz-und Steuerfachmann und Völkerrechtler zugleich: auf welchem Gebiet würden Sie den dringendsten Reformbedarf in Deutschland heute signalisieren?
'Ich sehe den dringendsten Bedarf in der Notwendigkeit, den Menschen wieder weniger Gesetze überzustülpen und mehr Freiheit zu lassen. Wir haben in Deutschland das Phänomen, dass der Gesetzgeber in einer Legislaturperiode von vier Jahren mehr als 400 Gesetze macht. Das bedeutet: in der Fülle dieser enormen Flut, kann das Parlament nicht verstehen, was es tut und der Bürger kann die Fülle dieser Gesetze nicht mehr befolgen. Weniger wäre hier deutlich mehr.'
*Wie aktuell stufen Sie als Mitglied der von Johannes Paul II. gegründeten Päpstlichen Akademie für die Sozialwissenschaften die katholische Soziallehre ein?
'Wir brauchen diese Soziallehre, weil unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem auf völlig neue Aufgaben gänzlich unvorbereitet zugeht. Wenn wir etwa demnächst die fast menschenlose Fabrik haben, in der nur noch mit Computern und Robotern produziert wird, aber nicht mehr mit menschlicher Hand, dann stellt sich die Frage, wer Gewinne aus diesem Unternehmen beziehen darf. Da wäre die herkömmliche Antwort: das ist derjenige, der das Kapital gegeben hat, der den Roboter gekauft hat. Wenn wir diese Antwort als abschließende gelten lassen, haben wir demnächst eine Gesellschaft, in der zehn Prozent vermögend und neunzig Prozent gänzlich verarmt sind. Wir haben sehr viel Arbeit, die zu leisten ist. In den Familien, bei der Altenpflege, im Umweltschutz, in den Gemeinden, aber wir haben die Einkommensströme nicht so organisiert, dass diese Arbeit bezahlt wird. Und dort brauchen wir einen deutlichen Impuls, der außerhalb des Wirtschaftslebens angesiedelt sein muss'.
*Was ist nun wichtiger: was der Einzelne für die Gemeinschaft tut, oder umgekehrt, was die Gemeinschaft, der Staat für den Einzelnen tut?
' Ich glaube, das sind zwei Pole desselben Problems. Der Mensch ist ein freier Mensch, aber in seiner Freiheit in die Rechtsgemeinschaft eingebettet. Er ist von Geburt an auf seine Eltern, auf sein Umfeld angelegt und wiederum ist er im Alter in seiner Gebrechlichkeit auf seine Mitmenschen angelegt. Das heißt, er kann nur in der Gemeinschaft existieren und sich geistig entfalten. Andererseits braucht er seine individuelle Freiheit. Er muss seinerseits bereit sein, seine Freiheit als Freiheitsrecht zu verstehen, das heißt als verantwortliche Freiheit'.
*'Etwas ist nicht Recht, weil es Gesetz ist, sondern es muss Gesetz sein, weil es Recht ist. Ein Ausspruch von Montesquieu. Würden Sie diesem Satz zustimmen?
'Nachdrücklich! Auch unsere Verfassung sagt ja, die Staatsorgane sind an Gesetz und Recht gebunden, sie will damit bewußt machen, dass es auch gesetztes Unrecht geben kann. Ich war ja nun zwölf Jahre Verfassungsrichter, also der Reparaturbetrieb eines Rechtstaates, und da war es meine alltägliche Aufgabe, etwaiges gesetzliches Unrecht zu reparieren am Maßstab des Verfassungsrechts. Wir haben heute, in den modernen Verfassungsstaaten, das große, historisch einmalige Glück, dass die Grundprinzipien indessen, was wir als Recht verstehen, im Verfassungstext geschrieben sind.'.
*Da es sich um ein Geburtstagsgespräch handelt, möchte ich hier vor allem den Menschen Paul Kirchhof näher vorstellen dürfen: Sie sind das Zweite von 6 Kindern: Wie sind Sie aufgewachsen, welche Erinnerungen haben Sie an Ihr Elternhaus. Gab es ein Ereignis, das Sie besonders geprägt hat?
'Ich habe sehr schöne Erinnerungen an meine Kindheit, an meine Jugend. Wie Sie gesagt habenn waren wir sechs Kinder. Die Familie war nicht üppig ausgestattet, aber sie war sehr stark aufeinander angewiesen, auf einander angelegt. Meine Mutter hat e jedem von uns immer gesagt: 'Du bist begabt, nutze deine Begabung, es kommt auf dich an'. Dieser Impuls, der war - glaube ich - sehr wichtig und wertvoll. Der hat uns auch en bisschen selbstbewußt gemacht und hat uns auch veranlaßt, ins Leben zu treten in dem Bewußtsein, wir müssen irgend etwas bewirken und bewegen. Was meinen Vater angeht - er war Richter am Bundesgerichtshof - dem verdanke ich schon sehr stark die Fragen des Rechts. Zur Zeit der Auschwitzprozesse in Karlsruhe sagte er einmal zu mir: 'Geh doch mal hinein und höre dir das an'. Da habe ich erlebt: das sind Menschen wie du und ich,die tragen nicht das Kainsmerkmal auf der Stirne. Und dann stellt man sich die Frage: wie konnte so etwas passieren? In einem Staat der von Schiller und Goethe geprägt ist. Und da kommt man sehr nachdenklich auf die Frage, die wir vorhin gestreift haben - was ist Gesetz und was ist Recht. Wann muss ich einen Befehl verweigern, wann muss ich den eigenen Weg des eigenen Gewissens gehen ?
*Sie waren Stipendiat der Katholischen Begabtenförderung 'Cusanuswerk', aus dem viele bedeutende Persönlichkeiten hervorgegangen sind. Wie haben Sie dieses Begabtsein - von der auch Ihre Mutter sprach - persönlich wahrgenommen?
' Ich habe dies vor allem in den Ferienakademien wahrgenommen. Wir hatten damals drei Wochen gemeinsame Sommerferien an einem Ort - ganz abgelegen - wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen. Und dort waren nun junge Menschen, die in ihrem Fach etwas zu leisten versprachen, miteinander in Kontakt, d.h. es hat sich dies Gespräch über Fachdisziplinen wie selbstverständlich ereignet. Also der Mediziner bespricht mit dem Juristen, der Physiker mit dem Historiker Dinge, die sonst in der Universität so nicht stattfinden, abgesehen von einem flüchtigen Mensa-Gespräch. Und das war, aus meiner Sicht, die ganz großartige Leistung des Cusanus-Werks, und sie ist es noch heute: Dass auf der Grundlage einer gemeinsamen Weltsicht, die einem viele Grundsatzedebatten zunächst einmal erspart, eine neue Konzeption des Gesprächs und der jungen Wissenschaftlichkeit sich ereignet, die eigentlich ein Leben lang anregt.'
*Wie haben Sie die berühmt-berüchtigten 68er Jahre menschlich und studiummäßig erlebt?
'Das Jahr 1968 war für mich das wichtigste Jahr meiner Biografie. Denn in diesem Jahr habe ich geheiratet, ich habe mir also den großen Garten der Freiheit der Familie erschlossen - und ich habe promoviert und habe mir erstmals den Garten der Wissenschaft erschlossen. Ich habe natürlich gesehen, dass es dort große Unruhen gab. Als ich auf der Hochzeitsreise waren, haben wir im Radio abends gehört, was am Ende des Prager Frühlings sich ereignet. Da standen Panzer und das war für einen wehrpflichtigen jungen Mann eine interessante Frage. Ich habe sehr viel Zeit verloren, als ich dann an der Universität Heidelberg war, und wir im juristischen Seminar unser Seminar selbst verteidigen mußten, viele Schriftsätze, viele Reden vorbereiten mußten, um den inneren Frieden in die Kultur des Maßes, den Respekt vor der Kultur des anderen zurückzugewinnen. Dort hatten wir organisierte Verächtlichkeit gegenüber Gruppen. Aber: ich hatte nie einen Zweifel, dass sich die Unversität mit ihrer Wissenschaftsfreiheit durchsetzen wird, dass wir etwa der Macht der Strasse unterliegen werden,das war für mich keine ernste Frage;'
*Und Sie haben damit Recht bekommen. Mit 44 Jahren wurden Sie zum jüngsten Richter am Bundesverfassungsgericht gewählt. Welcher Richterspruch ist Ihnen in Ihrer Laufbahn am deutlichsten in Erinnerung geblieben?
' Das waren viele. Am schwierigsten war vielleicht die Frage, inwieweit die Bundesrepublik Deutschland, die nach dem verlorenen Krieg als ein Staat ohne Wehrmacht, ohne Verteidigunsmacht angelegt war, damals in Jugoslawien, Thema 'Awacs' oder in Somalia mitwirken darf, an der militärischen Herstellung des Weltfriedens. Das war eine Grundsatz-Weichenstellung über die wir sehr nachgedacht haben. Dann gab es natürlich eine große Entscheidung zum Schutz des ungeborenen menschlichen Lebens, dann gab es bedeutende Entscheidungen zur Anerkennung von Ehe und Familie im Steuerrecht. Also es war schon eine Phase der Rechtsprechung, in der viele Grundsatzfragen in Karlsruhe zu entscheiden waren. Als ich kam, habe ich gedacht: hoffentlich kommt ein großer Fall. Als ich dann mitten drin war - es kam die Wiedervereinigung Deutschlands, es kam die europäische Integration, es kamen die ganz neuartigen Anfragen der Technik des Rechts, die wir aus den alten Texten von 1949 zu beantworten hatten, da war die Frage eine ganz andere. Wir haben uns gelegentlich gesagt, es könnte auch einmal eine Grundsatzfrage geben, die in der Politik damals noch in Bonn und nicht in Karlsruhe entschieden werden muss'.
*Stichwort Familie. Als Richter und Urteilssprecher galten Sie immer auch als Förderer der Familie. Unter Ihrer Federführung entstanden wichtige Urteile des Bundesverfassungsgerichts zur finanziellen Entlastung der Familien. Welchen gesellschaftspolitischen, welchen ethischen und moralischen Stellenwert räumen Sie der Familie ein?
'Einen ganz zentralen, weil die Familie unsere Zukunft ist. Wenn wir keine Kinder mehr haben, und wenn wir keine gut erzogenen Kinder mehr haben, haben wir keine Zukunft mehr. Und deswegen ist die zentrale Frage, an der unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft, unser Staat gemessen wird, ob es uns gelingt, unser Gesellschafts- und vor allem unser Wirtschaftssystem so umzubauen, dass das Kind in der Mitte steht. Dass die Tatsache Kinder zu haben,Reichtum ist, im Rentensystem keine Enteignung der Eltern vor allem der Mütter stattfindet, dass die ganze Gesellschaft darauf ausgerichtet ist, diesen unseren Kindern Bildung und Zukunft zu geben, dass unser Finanzsystem - Vermeidung der Staatsverschuldung - darauf angelegt ist, den Kindern ähnliche Lebensbedingungen zu bewahren, wie wir sie gegenwärtig haben, das gilt auch für das Umweltrecht'.
*Vor der Bundeswahl 2005 gehörten Sie zum Kompetenz-Team von Bundeskanzlerin Angela Merke und Sie waren lange im Gespräch als möglicher Finanzminister Deutschlands. Was würden Sie heute als die vordringlichsten Aufgaben auf diesem Gebiet erachten?
' Die vordringlichste Aufgabe ist die Vereinfachung des Steuerrechts. Wir haben gegenwärtig in Deutschland einen Sturm im Paragraphenwald des Steuerrechts. Der Grund liegt darin, dass dieses Steuerrecht seine innere Plausibilität und damit seine Autorität und Vertrauenwürdigkeit verloren hat, weil die Grundprinzipien einer gerechten, gleichen Steuerlast nicht mehr erkennbar sind. Wir haben eine Fülle von Privilegien und Ausnahmen. Die Steuer scheint vermeidbar. Wenn eine neues Gesetz kommt und esagt, du hast so und soviel Steuern zu bezahlen, geht der Steuerpflichtige nicht hin und bezahlt, sondern er geht zum Steuerberater und fragt: wie kann ich es vermeiden? Das gibt es in keinem anderen Rechtsgebiet. Und deswegen müssen wir hier wieder gewährleisten, dass die schönen Grundprinzipien der Besteuerung des Einkommens, des Umsates, der Erbschaft wieder so schlicht und einfach und unausweichlich geregelt wird, dass jeder Bürger es versteht und dass er dann seine Steuererklärung aus bestem Wissen und Gewissen selbst in Zukunft wieder abgeben kann'.
*Herr Professor Kirchhof: Die Phöinizier haben das Geld erfunden, aber warum eigentlich nur so wenig? Darf ich diese berühmte Frage des österreichischen Dichters Nestroy an Sie weitergeben?
' Das ist eine sehr erhellende Frage, weil sie bewußt macht, dass ein Wirtschaftsgut, also auch das Geld nur wertvoll ist, wenn es rar ist. Wenn wir alle genug Geld hätten, hätten wir eine Inflation. Das bedeutet, dass in diesem Wirtschaftssystem eigentlich jeder zu wenig Geld hat. Selbst der Millionär hat das subjektive Empfinden, das könnte mehr sein. Und das ist der Antrieb unseres Wirtschaftsystems, jeder strengt sich an, um mehr zu erwerben. Das ist aber auch das Risiko dieses Systems, weil eine Kultur des Maßes verloren zu gehen droht'.
* Sie sind Richter: in jedem Gerichtssaal steht der Spruch: 'Das Gesetz ist für alle gleich'. Ist es das?
' Das ist der Anspruch und dieser Anspruch ist für jeden, auch den nachdenklichsten und sorgfältigsten Richter, schwer zu verwirklichen. Und zwar deshalb, weil alle Menschen verschieden sind. Alt und jung, arm und reich, Mann und Frau, Inländer und Ausländer. Jetzt sagt der Gleichheitssatz: Ich muss unterscheiden, die Rechtsfolge je nach Verschiedenheit der Menschen und nach ihrem Recht, diese Verschiedenheit in Freiheit nähren zu dürfen. Also alt und jung heißt: der Junge kann noch keine Verträge schließen, der Volljährige kann sie schließen. Aber etwa in der Menschenwürde sind sie gleich. Arm und reich sind in der Menschenwürde gleich, im Steuersystem verschieden. Mann und Frau sind im Wahlrecht, bei der Geschäftsfähigkeit, bei der Menschenwürde gleich, bei der Bundeswehr, beim Schutz der Mutterschaft, sind sie verschieden. Inländer und Ausländer sind in allen Statusfragen, Existenzminimum, Recht auf Leben, Anspruch auf Würde gleich, im Wahlrecht sind sie verschieden. Dieser Gleichheitssatz sagt: wir müssen je nach betroffenem Lebensbereich und je nach der gemeinten Rechtsfolge die Wirklichkeit so aufnehmen, wie sie in ihrer Ähnlichkeit und Verschiedenheit rechtserheblich ist. Und das ist über die Jahrhunderte hin ein ganz großer, ein nie gänzlich erfüllbarer Auftrag'.
*Sie sind ein bekennender Katholik. Wie tragfähig ist unser Glaube, wie innovativ zeitnah unsere Theologie?
'Ich glaube gerade unsere Gegenwart, in der die Kulturen aufeinanderprallen, in der wir das Problem eines weltweiten Terrorismus haben, in der die Weltoffenheit der Märkte die unterschiedliche Verteilung der Güter bewußt macht, zeigt sich dieser Glaube als die Antwort auf unsere Zukunft. Der Grundgedanke - dass jeder Mensch die gleiche Würde hat, kommt aus Griechenland und aus dem Judentum - hat aber im Christentum seine wesentliche Ausprägung erfahren. Der Mensch ist Ebenbild Gottes, Gott ist Mensch geworden. Wenn man diesen Gedanken einmal aufnimmt, sprengt es einem fast den Kopf! Das heißt: jeder Mensch kann diesen Gott eine Heimat geben! Das ist ja ein radikaler Gleichheits- und Freiheitssatz, wie es ihn in der Rechtsgeschichte als solchen noch nie gegeben hat! Und er ist gegenwärtig, wo wir in der Offenheit der Welt die Verschiedenheit der Menschen aber auch der Völker, der Gruppen, der Kulturen empfinden, aktueller denn je.'
*Das radikalste Gleichheits- und Freiheitsgesetz steht in der Kernbotschaft der christlichen Lehre. Sie sagten es eben: Die Würde eines jeden Menschen ist unantastbar. Ist sie das auch, wenn wir unsere Blicke auf China, auf Afrika, auf Guantanamo richten?
' Wenn etwa im deutschen Grundgesetz im Artikel 1 steht: die Würde ist Unantastbarkeit, ist das ein postulierendes 'ist'. Es sagt nicht, dass es kein Unrecht in der Welt gäbe, es ist ein Sollensatz, der sagt: in jeder Region dieser Welt ist für jeden Menschen seine Würde unantastbar zu stellen, durch Staatsgewalt, durch Wirtschaft, durch Kultur. Und insofern müssen wir uns in diesem 'ist' bewußt machen, dass hier etwas beschrieben wird, was nicht zur Verfügung eines Rechts, nicht zur Verfügung einer verfassungsgebenden Gewalt, nicht zur Verfügung eines Gesetzgebers steht. Jeder Mensch hat - weil er Mensch is -, die gleiche Würde. Der Nobelpreisträger und der Taugenichts haben die gleiche Würde'.
*Ist eine freiheitliche Demokratie ohne das Religöse denkbar? Ich meine, bleibt eine säkulare Gesellschaft im Grunde auf Verankerung in den letzten Sinnfragen des Menschen angewiesen?
' Darauf, zwei Antworten: erstens, das Freiheitsprinzip ohne innere Bindung wird nicht gelingen. Wenn jeder in Freiheit die Grenzen des Rechts zu seinem Vorteil ausnutzt, dann werden wir so viel Rechtskorrekturen und soviel Überwachung brauchen, dass letztlich das Freiheitsprinzip zu Grunde geht. Zweitens: das Prinzip der Freiheit beantwortet ja nicht die Sinnfrage. Jeder freie Mensch, der denken kann, fragt aber nach seinem Woher und Wohin, nach dem Ursprung und Ziel seiner Existenz, nach dem Sinn seines Lebens. Und diese Antwort empfängt er nicht von einer freiheitlichen Rechtsordnung, sondern von Institutionen, die Sinn stiften, die -wie das Christentum - 200 Jahre über diese Fragen nachgedacht haben und ihre Erfahrungen an unsere Gegenwart weitergeben'.
*Sie sagten einmal, die Aufklärung sei frühzeitig abgebrochen worden und somit unvollendet geblieben. Dieser Satz ist mir persönlich besonders in Erinnerung geblieben. Was haben Sie damit genau gemeint?
' Die Aufklärung ist eine große Errungenschaft. Sie ist ja - an das muss man immer erinnern - schon bei Thomas von Aquin angelegt und nicht erst ein Phänomen der Neuzeit. Die Trennung von Recht und Moral, von Staat und Kirche, von Glauben und Wissen ist ein Befreiungsakt! Da hat sich der Staat besser entfaltet und die Kirche, es hat sich die Wissenschaft entfaltet, dies stellen wir nicht in Frage. Nur, wir haben die Aufklärung nicht weitergedacht, im Hinblick auf das Problem, dass der Mensch die Grundsatzfragen beantwortet haben will, dass er nicht nur in der Rationalität lebt. Sondern, er will wissen: was ist danach. Er will versuchen, den Vorhang vor dem Jenseits ein bisschen beiseite zu schieben. Das gehört auch zum Menschsein dazu. Deswegen müssen wir gerade in der Gegenwart, wo wir sehr auf wirtschaftliche Rationalität, auf Effizienz, auf Vernünftigkeit schauen, uns bewußt machen, dass neben diesem vernünftigen Menschen auch der Mensch steht, der sich über das, was sich menschlicher Logik erschließt, hinauswagt. Und deswegen steht etwa am Beginn unseres deutschen Verfassungsrechts eine Rechtsordnung die auf Rationalität, auf gerichtliche Nachvollziehbarkeit angelegt ist, als erstes Artikel eins: die Würde des Menschen ist unantastbar. Und dann Absatz zwei: das deutsche Volk bekennt sich darum zu den unveräußerlichen Menschenrechten. Es steht am Anfang ein Bekenntnis. Und die Vereinten Nationen schreiben am Anfang in ihrer Menschenrechtserklärung von dem Glauben an die Würde des Menschen. Wir wissen, das Recht hat ein Tabu, ein Axiom, eine nicht hinterfragbare Prämisse. Die Würde des Menschen, die wird geglaubt, und wird durch Glauben fundiert. Und wenn sie uns nicht mehr binden würde, hätten wir im Recht ein Kartenhaus, das beim ersten, gewaltigen Sturm zusammenbrechen würde'.
*Lange Zeit waren Sie Mitglied des Zentralkommitees der Deutschen Katholiken und haben sich mit politischen, philosophischen und religiösen Fragen befaßt. Welche ist die politische, welche die philosophische und welche die religiöse Grundfrage Nummer 1?
'Ich glaube die politische Grundfrage Nummer eins ist, dass wir die Würde eines jeden Menschen - wir haben darüber gesprochen - anerkennen. Das ist das Zentrum aller Politik. Wenn es uns gelänge, dieses Zentrum weltweit zu vermitteln, als individuelle Würde, nicht als Würde einer Gruppe, einer Sippe, eines Stammes, dann hätten wir politisch eine Maxime, die für Weltfrieden und Freiheit steht. - Philosophisch werden wir fragen müssen, wie wir ein Konzept des menschlichen Denkens entwickeln und verbreiten, das über die Generationen hinweggeht. Wir haben gegenwärtig eine Ausbeutung der Zukunft zu Gunsten der Gegenwart. Das ist unser Bildungssystem, das ist unser Rentensystem, das ist die Staatsverschuldung. Wir denken in der Gegenwart und - das ist in der Demokratie angelegt - die in Legislaturperioden denkt. Das ist die Perspektive, die Philosophie muss uns wieder veranlassen, viel weiter in die Zukunft zu gehen. Und die Religion? Sie wird uns weiterhin lehren, dass jeder Mensch eine Verantwortlichkeit hat, die auch dann eingefordert wird, wenn er sich unter Menschen unbeobachtet glaubt. Also ein Gewissen und ein Wissen gegenüber dem Höheren, dem Transzendenten, das gegenwärtig ist und damit Handlungsmaßstäbe setzt, die nicht von parlamentarischer Kontrolle oder vom Rechnungshof oder von der Gerichtsbarkeit abhängt, sondern die im Innern des Menschen wurzeln, in seinem Menschsein eigen sind.'
* Der Mensch hofft, plant, entwickelt Visionen, er verspürt einen Wissensdrang für das 'Danach', späht ins Jenseits, versucht, wie Sie sagen, den Vorhang ins Unbekannte etwas beiseite zu schieben. Aber immer wieder nagt der Zweifel an ihmŠ.Sie sind Rechtswissenschaftler, Herr Kirchhof: sagt die Wissenschaft das Richtige? Der Glaube das Wahre? Kann das Wahre auch das Falsche sein? Das ist natürlich in erster Linie auch eine philosophische Frage.
' Ich empfinde keinen Gegensatz von Glaube und Wissen, wie es gegenwärtig vielfach behauptet wird. Wir haben es in Deutschland im vergangenen Jahr wieder beglückend erlebt, dass unsere beiden Nobelpreisträger, Physik und Chemie, auf die Frage, ob sie gläubig seien, diese Frage bejaht haben. Der eine fragt nach dem Mikrokosmos im Menschen,und er sagt: wir können sehr viel Neues etwa in der Gentechnik erkennen und erklären, aber wenn wir fragen, warum das funktioniert, kann der Mensch keine Antwort geben. Und das setzt sein Glaube an. Er weiß also, dass in diesem ungeheuren wissenschaftlichen Erfolg er nur ein kleines Stückchen des Mehrwissens gegangen ist und dahinter steht etwas Größeres, etwas Erhabeneres. das er sich nicht erschließen kann. Und der andere,der in den Makrokosmos des Weltalls schaut, der sagt: wir können uns den Gestirnen, die die Welt umgeben, etwas annähern, aber dahinter ist eine große Wand und dahinter die Unendlichkeit. Das heißt: der Wissende, der nachdenklich forschende Mensch, ist sich der Begrenztheit seines Wissens und seiner Forschungsmöglichkeiten bewußt, und deswegen kommt er zum Glauben. Das wissen wir auch bei Max Planck und bei Einstein: viele, sehr viele große wissenschaftliche Forscher lehren uns, dass Wissen Glauben bedingt und Glauben einen wissenschaftlichen Glauben enthält'.
*Sind die Ansprüche, die die Vernunft an den Glauben richtet, geringer als jene, die der Gkaube an die Vernunft richtet?
' Ich glaube, beides bedingt sich wechselseitig, weil beides zum Menschen gehört. Es gibt nicht einen nur glaubenden Menschen,er will die Realität, die Rationalität sich erschließen und erfahren. Es gibt aber auch nicht einen nur rationalen Menschen, weil jeder denkende Mensch, der Sinnfrage letztlich nicht ausweichen kann und nicht ausweichen will'.
* Auf welchem Gebiet - wenn überhaupt - öffnen sich die großen Problemzonen zwischen Wissen und Glauben, zwischen Glauben und Wissen? Hat die Kirche mit ihrem unfehlbaren Lehramt Nachholbedarf?
'Zunächst einmal sehen wir das unfehlbare Lehramt heute sehr viel nüchterner. Es ist notwendig, das wissen wir, etwa vom Organisationsrecht her. Wer eine Weltfirma organisieren will, die ihren ganz schlichten Auftrag hat, Autos zu verkaufen, die braucht einen Chef. Es ist klar, es muss eine Autorität geben, die dieses Unernehmen weltweit zusmmenhält. Und wenn es jetzt eine Institution gibt, die Antworten auf die letzten Sinnfragen geben will - und das soll weltweit wirksam sein - als Garant des Friedens, als Vermittlung eines Menschenbildes, das in der Würde gründet, als eine Gewährleistung der Freiheit, auch der Religionsfreiheit, dann kann das nur organisiert werden, in dem nach sorgfältiger Beratung 'ex cattedra' und nach Ausschöpfung aller der Kirche möglichen Erkenntnisse, letztlich einer der Sprecher die Autorität für diese Kirche ist. Ich meine, wir haben gerade in unserer Weltoffenheit, die wir gegenwärtig glücklicherweise erleben dürfen, mehr denn je Verständnis dafür, dass eine Weltorganisation einen zentralen Sprecher braucht. Insofern ist da kein Nachholbedarf oder kein Modifikationsbedarf, es sind selbstverständlich - aber das ist gute Kirchentradition - die Aussagen die mit dieser hohen Autorität formuliert werden, immer sehr sorgfältig vorher gprüft und gedacht'
*Wie haben Sie bis jetzt das relativ junge Pontifikat Papst Benedikt XVI. erlebt?
' Also ich habe es erlebt als ein Beginn 'Deus caritas est' - das fand ich ganz großartig. Wir haben in Deutschland den Weltjugendtag erlebt, der der deutschen Kirche - gerade bei den jungen Menschen, und daruaf kommt es an - einen gewaltigen Impuls gegeben hat. Wir haben jüngst gelesen, über die Friedensbotschaft des Papstes. Sicherlich eine große Aussage auf die bedrängenden, dramatischen Fragen unserer Gegewart. Mir steht selbstverständlich als schlichtes Mitglied dieser Kirche keine abschließende Beurteilung zu, aber das sind doch Impulse, die aufhorchen lassen, die das Kirchliche beleben, die auch einen Blick in eine weite Zukunft werfen, in der praktische Kirchlichkeit und große Theologie Hand in Hand gehen'.
Aldo Parmeggiani
Ulrich Wickert - 65 Jahre -
Dezember 2007
Ulrich Wickert wurde im Dezember 1942 in Tokio geboren, da sein Vater in der
japanischen Hauptstadt Mitarbeiter der Deutschen Botschaft war. Seine
Kindheit verbrachte er in Heidelberg und Paris. Sein erstes juristisches
Staatsexamen legte Ulrich Wickert 1968 ab und begann als Redakteur bei der
ARD seine journalistische Laufbahn. Seine Berufsetappen sind: Korrespondent
in Washington, Studioleitung der ARD in Paris und in New York und erster
Moderator der Nachrichtensendung "Tagesthemen", die er bis 2006 moderierte.
Sein Markenzeichen in der vielgesehenen Abendsendung war der Abschiedsgruß
"Einen angenehmen Abend und eine geruhsame Nacht", mit dem er bis auf
wenige Ausnahmen die Sendung beendete. Seit dem 17. August 2006 moderiert
Ulrich Wickert im Ersten die 30-minütige Literatur-Sendung "Wickerts Bücher".
Wegen seiner Verdienste um die deutsch-französischen Beziehungen wurde der
bekannte Journalist zum Offizier der Ehrenlegion ernannt.
*ARD-Korrespondent in Paris, ARD-Korrespondent in Washington, Leiter des ARD-Studo's in New York und Paris schließlich Moderator der 'Tagesthemen' - einer der angesehendsten ARD-Sendungen. Eine Bilderbuchkarriere: wie lautet Ihr journalistisches Selbstverständnis ?
'Mein Selbstverständnis als Journalist war immer das zu tun, was man für richtig hält. Danach habe ich mich immer gerichtet. Ich habe nie auf eine Karriere gekuckt, sondern ich habe immer darauf geachtet: was halte ich für wichtig? Was interessiert mich persönlich? Wo möchte ich mich einsetzen? Wenn man sich danach richtet, dann arbeitet man wahrscheinlich sehr viel, weil man ja gerade das, was einem fasziniert, sich erarbeiten möchte.Man darf auch nicht davor zurückschrecken zu sagen: 'Ich weiß etwas nicht'. Es gibt auch Dinge, die ich nicht weiß. Und dann nach den Antworten zu suchen'.
*Sie galten lange Zeit als Idealbesetzung der 'Tagesthemen': auch deshalb, weil Sie schwierige Sachverhalte leicht verständlich darzustellen vermögen. Das ist sicher eine Kunst, die nicht jeder beherrscht. Und wohl auch eigentlich das Salz einer jeden Medien-Übermittlung?
'Das ist etwas, was ich mir in der Zeit, in der ich gearbeitet habe, angeeignet habe. Relativ früh habe ich - übrigens durch eine Bemerkung einer Zuschauerin, die mir einen Brief schrieb und sagte, in der letzten Sendung haben Sie 70 Fremdwörter benutzt - mir überlegt: Ist das Fernsehen ein Medium, in dem man Fremdworte benutzen sollte? In der Zeitung geht das ja, da kann man nachgucken. Aber im Fersehen darf man es nicht. Das ist das erste, was ich gelernt habe. Ich habe nie Sanktionen gesagt, sondern Strafmaßnahmen. Das ist ein viel stärkeres Wort. Ich habe nicht den Begriff Holocaust benutzt, sondern Judenvernichtung. Ich habe wohl einmal in den Tagesthemen das Wort Holocaust erklärt und auf die Bibel hingewiesen und dann erklärt, dass es Judenvernichtung heißt. Ich glaube, dass man manchmal sehr viel wissen muss, um etwas ganz einfach auszudrücken'.
*Gelobt wurden auch Ihre Ironie, Ihr Humor, Ihr intellektueller Charme, wenn man das so sagen darf. Was ist das nun eigentlich:Ironie, Humor im Rahmen einer Nachrichtenübermittlung?
'Ich habe mir gesagt: ein Moderator ist jemand, der den Zuschauer in eine Sendung hineinziehen soll, der ihn interessieren soll, für die Dinge, die da kommen. Dann habe ich mir überlegt, wie kann man Menschen interessieren? Indem man gewisse Saiten in ihnen zum klingen bringt, die 'subkutan' vorhanden sind. Indem man zum Beispiel Zitate in einen Text einarbeitet, die zum allgemeinen Gedankengut gehören. Das erste Buch, das ich mir von NDR für mein Büro habe kaufen lassen, war die Bibel. Deswegen, weil aus der Bibel heraus unglaublich viele Sätze in unseren täglichen Wortgebrauch hinein gewandert sind.
Ich habe einmal als Spaß eine ganze Sendung in alle Texte hinein ein Faustzitat eingebaut. Warum? Weil gerade eine große Faustaufführung - beide Teile von Peter Stein - in Hannover stattfand. Ich habe aber die Zitate nicht als Zitate kenntlich gemacht. Es haben immerhin etwa 5-6 Leute hinterher mir geschrieben, die die Zitate erkannt haben. Das halte ich für viel. Der normale Zuschauer, der sie nicht erkannt hat, für den ist es ja normal. Für den, der sie erkannt hat, ist es ein intellektueller Witz gewesen'.
*Neben den Aufgaben als Tagesschau-Moderator arbeiten Sie auch an der bekannten 'Phönix-Reihe: 'Zeitzeugen', in der Sie eine ganze Reihe von prominenten Persönlichkeiten unter die Lupe nehmen. Auch unter die moralische Lupe. Ist da jemand, der Ihnen vielleicht in besonderer Erinnerung geblieben ist? Und warum?
''Es sind mir Gespräche ganz besonders in Erinnerung geblieben: das Gespräch mit Helmut Kohl. Und zwar deswegen, weil Helmut Kohl eine Figur ist, die sehr stark im Historischen verankert ist. Die Interviews, die ich da führe, versuchen ja immer das Politische aus dem Biografischen heraus zu erklären. Sowohl Helmut Kohl wie Hans-Dietrich Genscher sind Leute die noch verwurzelt waren, in dem schrecklichen Krieg. Und die aus dem Kriegsgeschehen für sich selbst die Erkenntnis gezogen haben: 'Ich gehe in die Politik, um zu verhindern, dass das nocheinmal passiert'. Kohl war zum Flakhelfer ausgebildet worden, Genscher war Soldat gewesen, als Fünfzehnjähriger. Sie haben in der ganzen politischen Laufbahn zu erkennen gegeben, dass dies beides immer wieder eine Rolle gespielt hat. Deswegen waren für mich, gerade diese beiden Politiker, die so unglaublich lange das Geschehen in der Bundesrepublik mitgeprägt haben, die verantwortlich gewesen sind, für die Zeit, in der die deutsche Einheit zustande gekommen ist. Das waren sicherlich die faszinierendsten Interviews'.
*Heute, Herr Wickert, wage ich mich in die Rolle des Moralisten und frage Sie kurzwegs - wie Sie es so oft getan haben im Verlauf Ihrer Medienarbeit - frage Sie also kurzwegs: Was halten Sie von der Moral, von den Werten im Allgemeinen ?
''Ich habe eine humanistische Erziehung genossen, und bin deswegen immer gefeit gegen Ideologien gewesen. Zu der Zeit als meine gleichaltrigen Kommilitonen Marx oder Mao gelesen haben.Ich habe es zwar versucht, aber sie haben mir nicht die Antwort gegeben. Ich habe für mich immer wieder gesagt: es gibt gewisse Werte, das sind die Regeln in unserer Gesellschaft. Ich habe auch viele Bücher zu dieser Thematik geschrieben. Ich bin der Meinung, wenn etwas in der Gesellschaft nicht funktioniert, dann funktionieren die Regeln in der Gesellschaft nicht. Was sind die Regeln? Sie sind etwas ganz Modernes, wenn ich davon ausgehe, dass Werte und Tugenden auf der Einsicht des Menschen beruhen. Das heißt: in einer Gesellschaft muss man die Regeln diskutieren, denn sie verändern sich ja auch, wenn die Einsicht sich verändert. Aber die Grundlage müssen Werte sein, wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - heute nennt man sie Freiheit, Gerechtigkeit Solidarität - und die anderen Werten, die daraus resultieren'.
*Was halten Sie von den Werten, die uns das Christentum seit 2000 Jahren überliefert hat?
'Liebe, Glaube, Hoffnung sind sehr, sehr wichtige Werte. Nun beschränke ich mich bei meiner politischen Analyse auf die Werte, von denen ich sage, sie kommen aus der Einsicht. Ich finde hochinteressant, dass sich jemand, der sich mit den demokratischen Werten befaßt, Jürgen Habermas, mit demjenigen getroffen hat, der sich mit den christlichen Werten befaßt: nämlich mit dem damaligen Kardinal Ratzinger und heutigen Papst Benedikt XVI. Ich wäre gerne dabei gewesen, bei diesem Gespräch, denn es ist hochinteressant, dass der Mann, der die Vernunft repräsentiert, also Habermas, sich mit dem trifft, der das Gefühl, den Glauben repräsentiert, dass die beiden doch irgendwie zusammengefunden haben. Der Vernunftmann, also Habermas, sagt: Aufklärung ist gut und schön, aber der Mensch braucht auch das Gefühl! Ich glaube, das ist etwas sehr Wichtiges'!
*Auch für den Theologen-Papst Ratzinger sind Glaube und Vernunft durchaus nicht Widersprüche, sondern notwendige Ergänzungen.- Vielleicht kann man das ganz einfach so ausdrücken: die Vernunft hat Grenzen, der Glaube nicht. - Herr Wickert, gibt es Augenblicke in Ihrem Leben in denen Sie sich Ihrer Religiosität bewußÝ werden?
'Nun bin ich eine Mensch, der auf Grund meiner Biografie den Weg zum Glauben gesucht hat, aber nicht wirklich gefunden hat.Und wenn ich mich dann mit dem Thema auseinandersetze und dann aber plötzlich feststelle, dass es Menschen gibt, die sich in dem katholischen System oder dem christlichen System befinden, auch manchmal die Antwort nicht gefunden haben, dann tröstet mich das ein bisschen. Ich war befreundet mit Eugene Ionesco, dem Vater des absurden Theaters. Ein Mann, den ich sehr bewundert habe, mit dem ich wunderbare Gespräche geführt habe. Der immer wieder die Frage nach Gott gestellt hat. Der Vorgänger des jetztigen Papstes hat ihm einen Brief geschrieben, weil Eugene Ionesco das Libretto der Oper über Pater Kolbe geschrieben hat. In diesem Brief des Papstes stand: 'Ich bete für Sie'. Und als Ionesco dann gestorben war, war ich bei seiner Beerdigung und hinterher bei der Familie und dort war auch ein katholischer Pfarrer. Ich habe ihn gefragt woher er komme und er sagte, ich habe mich im letzten Jahr einmal in der Woche Eugene Ionesco besucht und mich mit ihm unterhalten. Dann habe ich gefragt: 'Worüber haben Sie sich unterhalten?'. 'Ja, er hat mich immer gefragt nach Gott'. Und dann habe ich ihn gefragt: 'Hat er denn Gott gefunden?' Da hat er gesagt: 'Nein, er ist gestorben ohne Gott zu finden'.
*Sie haben insgesamt 22 Bücher geschrieben und sind dadurch zum weltweiten Beobachter von Menschen und Kulturen geworden. Fangen wir bei Deutschland an: Worin besteht die deutsche Identität?
'Die deutsche Identität besteht erstens darin, dass sie eine kollektive Identität ablehnt. Sie lehnt sie deswegen ab, weil in der Identität etwas ganz Schreckliches enthalten ist: das Dritte Reich, die Nazi-Zeit und die ganzen Verbrechen, die damit zusammenhängen, bis zur Vernichtung von Millionen von Menschen in den Gaskammern. Deswegen finden Sie in Deutschland immer wieder Leute die diesen Begriff ablehnen: selbst Roman Herzog hat - als er Bundespräsident war -, am 3. Oktober, also am Nationalfeiertag in seiner Festrede gesagt: es gibt keine kollektive Identität.Es gibt sie aber! Sie beginnt erst einmal mit der Sprache, sie geht weiter durch das, was wir als Kinder als Märchen und Lieder lernen, es entwickelt sich dann über die regionale Identität hin zur nationalen Identität. Eine Identität, die aus unserer Geschichte sehr geprägt ist. Ich glaube, dass wir sogar noch geprägt sind durch den 30-jährigen Krieg. Und sicherlich sind wir auch durch die Religionen geprägt. Wir sind ein eher protestantisches Land und das merkt man auch in unserem Verhalten. Auch in unseren Problemen gegenüber Schuld. Also, das sind alles Dinge, die zusammen kommen, die bei dem einen mehr und bei dem anderen weniger vorhanden sind'.
*Herr Wickert, Sie sind ein Mensch, der viel nachdenkt: was glauben Sie kommt auf die Jugend, auf die nächsten Generationen zu?
'Geschichte entwickelt sich nie linear. Sondern es sind immer Wellenbewegungen, die wiederum abhängen von ganz verschiedenen Situationen. Was ich im Augenblick sehe als Grundlage ist eigentlich etwas Positives. Denn als allererstes erleben wir immer weniger Kriege. Es gibt zwar immer noch lokale Kriege. Aber durch das Zusammenwachsen der Wirtschaften und damit zusammenhängend durch den immer größeren Wohlstand überall auf der Welt werden wahrscheinlich größere Kriege immer seltener werden. Das finde ich schon einmal sehr tröstlich. Sicherlich gibt es Auf-und Abs. Aber es hat ja in Europa nie eine so lange Friedens- und Wohlstandszeit gegeben, wie wir sie seit 1945 erleben. Sicherlich wir haben die Balkankriege gehabt, aber auch das wird sich verändern, in dem Moment wo sich wirtschaftlich da etwas verändert. Die wirtschaftliche Situation ist sehr, sehr wichtig. Mein Eindruck ist, wenn ich jetzt von Deutschland ausgehe: dass in Deutschland gerade die Jugend sehr nachdenklich ist, sich sehr auch wieder der Familie zuwendet und sich nach dem zuwendet, worüber wir gesprochen haben, nämlich den Werten'.
*Herr Wickert, Sie schreiben ja weiterhin Bücher - das heißt mit anderen Worten, Sie sind ein Suchender geblieben?
' Das ist merkwürdig, dass Sie diese Frage stellen, denn ich weiß nicht wonach ich suche.Ich bin wie dieser eine Mann, den man mit der Laterne durch die Lande gehen sieht und auf diese Frage antwortet:ich suche einen Menschen. Nein, das ist es nicht, was ich suche. Aber, ich suche eigentlich eine Antwort auf die Frage, die sich mir immer wieder stellt: warum der Mensch eigentlich zur Vernunft fähig ist, aber es trotzdem so viele unvernünftige Dinge gibt?'
*Haben wir Sie -Ihres Erachtens - in diesem kurzen Gespräch einigermaßen wahrheitsgetreu dargestellt, oder was fehlt noch am Gesamtbild Ihrer Persönlichkeit, das unbedingt noch zu erwähnen ist?
'Die Schwierigkeit ist ja, dass man sich selbst nicht kennt. Die anderen, die einem von außen sehen, kennen einen Teil von mir selber, weil sie von außen eine Figur wahrnehmen, die wiederum nur mit deren Wahrnehmungsvermögen verbunden ist. Ich selbst halte mich für einen relativ netten, fröhlichen Menschen, der das Leben schön findet, der sicherlich im Leben das eine oder andere sich als Frage gestellt hat und dennoch viele Fragen vor sich sieht'.
*Herr Wickert, Sie haben unzählige Male den deutschen Bürgern über das Fernsehen eine geruhsame Nacht gewünscht: Was wünschen Sie heute - am Jahreswechsel 2007/2008 den Hörerinnen und Hörern von Radio Vatikan?
'Ich muss Ihnen dazu erklären, wie es zu der 'geruhsamen Nacht' gekommen ist. Ein Zuschauer schrieb: Jetzt gibt es 24 Stunden Fernsehen. Das war als die Nachtlücke gefüllt worden war. Keiner wünscht uns mehr eine gute Nacht. Da habe ich gesagt: da gibt es ein Bedürfnis. Wenn einer etwas schreibt, dann denken andere das auch und da habe ich mir überlegt: mann kann nach einer Nachrichtensendung wie den Tagesthemen den Leuten nicht eine gute Nacht wünschen, weil das wäre zynisch nach all den schrecklichen Dingen, die man vielleicht gesehen hat. Aber ich habe dann gesagt: ich benutze das Wort 'geruhsam', weil da Ruhe sich drin befindet. Und ich würde sagen, nachdem alles, was ihr gesehen habt, wünsche ich euch, dass ihr Ruhe findet, heute Nacht. Und insofern wünsche ich das Ihren Zuhörern, Ihren Lesern, dass sie Ruhe finden. Denn ich glaube, das ist das Wichtigste, was man im Leben haben kann'.
Aldo Parmeggiani
Angelo Sodano - Kardinaldekan
(November 2007)
Angelo Kardinal Sodano wurde am 23. November 1927 in Isola di Asti in der
Region Piemont als zweites von sechs Kindern geboren. Das Umfeld, in der der
junge Angelo Sodano aufwuchs, war tief religiös geprägt. 1950 wurde er zum
Priester geweiht. Neun Jahre später ging er nach Rom und nahm das Studium
der Kanonistik an der Päpstlichen Lateran-Universität und das Studium der
Theologie an der Päpstlichen Universität Gregoriana auf und besuchte die
Päpstliche Diplomatenakademie. Er promovierte in Theologie und kanonischem
Recht und trat direkt in den Dienst des Heiligen Stuhls ein. In seiner
Amtszeit als Nuntius in Chile machte er sich durch die erfolgreichen
Verhandlungen im Grenzstreit zwischen Argentinien und Chile im
Beagle-Kanal-Konflikt einen Namen. In der Pinochet-Ära wandte er sich
wiederholt gegen die Gewaltakte des Regimes und setzte sich vehement für die
Menschenrechte ein. Sodano war von 1991 bis 2006 Kardinalstaatssekretär der römischen Kurie und ist seit zwei Jahren Kardinaldekan.
* Eminenz, Sie haben über 15 Jahre lang - länger als alle Ihre Vorgänger der jüngeren Kirchengeschichte - das Amt des Kardinalstaatssekretärs innegehabt. Sie sind bis 2006 der engste Mitarbeiter sowohl von Papst Johannes Paul II. als auch von Papst Benedikt XVI. gewesen. Wenn Sie Rückschau halten auf diese wichtige Zeit Ihres Lebens, welche persönlichen und kirchlichen Erinnerungen würden Sie als die wichtigsten bezeichnen?
'Es ist immer schwierig über sich selbst in Kürze eine Bilanz zu ziehen. Wie Sie schon sagten, war ich mehr als 15 Jahre lang Kardinalstaatssekretär. Ich möchte aber auch daran erinnern, dass ich schon vorher als Priester und später als Bischof über 30 Jahre lang im Dienst des Papstes, des Heiligen Stuhls und der Weltmission stand. Ich habe meine Diözese Asti in der Lombardei verlassen und bin nach zwei Jahren Akademie in den Dienst des Heiligen Stuhls getreten. Papst Johannes XXIII. sandte mich nach Quito in die Nuntiatur nach Ecuador. Das war der Beginn meiner langen diplomatischen Laufbahn; es ging weiter in die Nuntiaturen Uruguays und Chiles, dann wieder zurück ins Staatssekretariat bis hinauf zum Amt des Kardinalstaatssekretärs, zu dem mich der unvergessene Papst Johannes Paul II. berufen hatte. Ich habe - wie jeder gute Christ, jeder Laie, Priester, Bischof oder Kardinal - versucht, der Kirche zu dienen. Dieser Geist, das kann ich hier vor dem Herrn, der mich geleitet hat, bezeugen, war immer so etwas wie mein Polarstern.'
*Hat der Dienst, den Sie, auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen geleistet haben, eher einen 'politischen' Charakter gehabt oder kann er auch als, sagen wir, ein besonderer kirchlicher Pastoraldienst bezeichnet werden?
'Die Worte des Herrn:'Im Haus meines Vaters gibt es viele Aufgaben' haben mir immer gut gefallen. Das heißt, auch in der Kirche gibt es verschiedene Tätigkeiten, und alle zielen auf den einen Punkt: auf unseren Vater, auf das 'zu uns komme dein Reich', adveniat regnum tuum.Papst Johannes Paul II. gab bei der Kurienreform 1988 seinem Apostolischen Schreiben den Namen: 'Pastor Bonus'. Das heißt, er rief die Kurie dazu auf, sich an Christus, den guten Hirten, zu orientieren. Und so habe ich meinen Dienst in diesem Geist ausgerichtet. Als ich mein Amt als Kardinalstaatssekretär beednet hatte, überreichte ich allen meinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen unserer Abteilung ein Buch von mir mit dem Titel: ' Die Hefe des Evangeliums - Die Gegenwart des Heiligen Stuhls im Leben der Völker'. Denn genau das ist der wahre Zweck der Präsenz des Heiligen Stuhls im internationalen Kontext: Die Verbreitung der christlichen Botschaft. Jesus hat uns gesagt: 'Was ihr mit euren Ohren vernommen habt, verkündet es von den Dächern'. Also eine Form der Verkündigung auch von der Warte der internationalen Bühne aus. Denn allein durch das Evangelium Christi können die Völker Rettung finden. Ich dachte an diese Worte Jesu als ich in New York vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen, in Genf, in Straßburg, vor dem Europarat und auf anderen internationalen Tagungen sprach. Es handelt sich um eine besondere Art der Verkündigung des Evangeliums: manchmal fällt die Saat auf fruchtbaren Boden, manchmal nicht. Aber das ist Mission!'
*Der Staatsekretär ist der erste Mitarbeiter des Papstes. Können Sie uns den spezifischen Aufgabenbereich beschreiben, den Sie als Kardinalstaatsekretär, also als Regierungschef der Kirche, betreuten?
'Ja, wie aus den Apostolischen Konstitutionen 'Pastor Bonus' und 'Regimini ecclesiae' Papst Pauls VI. und aus der gesamten Tradition des Heiligen Stuhls hervorgeht, ist der Staatssekretär der erste Mitarbeiter des Papstes, sowohl 'ad intra' für die Kirche, als auch 'ad extra' für die Beziehungen zu den einzelnen Staaten. Innerhalb der Kirche arbeitet er mit allen Einrichtungen in der Römischen Kurie, die den Papst in seiner Misssion unterstützen, eng zusammen. In der Römischen Kurie gibt es rund 30 solcher Organismen - Kongregationen, Pästliche Räte, Gerichte, Verwaltungen, Kommissionen - durch die der Papst enge Beziehungen zu den Bischöfen in aller Welt, zu den religiösen Kongregationen und mit allen katholischen Laienbewegungen unterhält. Der Staatssekretär muss der erste Ansprechpartner auf all diesen Arbeitsgebieten sein. Dann gibt es die Arbeit 'ad extra', also die Kontakte zu den anderen Staaten und internationalen Organsationen. Heute unterhält der Heilige Stuhl diplomatische Beziehungen zu 178 Staaten. Es handelt sich um langsame, kontinuierliche, manchmal im Stillen geleistete Arbeit, wie es die Methode der Diplomatie vorschreibt, um die Beziehungen zu den zivilen Behörden aufrecht zu erhalten, und um auf diese Weise auch die geistige Fortentwicklung der Völker zu förden. Ich habe versucht, dieser Arbeit besondere Wichtigkeit zuzuschreiben, indem ich die Kontakte durch Besuche oder Empfänge von Staatsmännern, Regierungschefs, Botschaftern aus der ganzen Welt förderte, sodass diese 'Hefe des Evangeliums' auch in das Leben der einzelnen Völker immer mehr eindringen könne'.
*Gerade auf dem Gebiet der Beziehungen zu den einzelnen Staaten gab es während des langen Pontifikats Johannes Paul II. und folglich auch in Ihrer Zeit Ihres Amtes als Kardinalstaatsekretär, einschneidende Entwicklungen: die Zahl der Staaten, mit denen der Vatikan diplomatische Bezeihungen aufnahm, wuchs in steigendem Maße. Können Sie etwas Näheres zu diesen Entwicklungen auf diesem Gebiet sagen?
'Besonders gerne erinnere ich mich an die Zusammenarbeit mit jenen Staaten in Osteuropa,die bis 1990 unter kommunistischer Herrschaft standen.Ich konnte zusammen mit dem Heiligen Vater Johannes Paul II. die Freude erleben, wie in all diesen Ländern wieder diplomatische Beziehungen aufgebaut wurden. Denken Sie daran, dass es zur Zeit der alten Sowjetunion keine einzige päpstliche Vertretung gab: jetzt gibt es sogar sechs davon! In Russland, Weißrussland, Ukraine, Georgien, Armenien und Adzerbaidjan. Dann gibt es Vertretungen in Kazakhstan, Tagikistan, Uzbekistan und so weiter, eine Vertretung in den baltischen Staaten. Die Päpstlichen Gesandten sind also überall verstreut. Weiters sind in Mittel- und Osteuropa sechs neue Nuntiaturen und ebenso viele in den Balkanländern entstanden: das sind insgesamt 18 neue Nunziaturen, die es uns erlauben, in beachtlicher Weise präsent zu sein.Auch wurde in diesen Jahren versucht,durch ein neues Statut die Gegenwart des Heiligen Stuhls noch mehr in die Organisation der Vereinten Nationen miteinzubinden: In einer eigens dafür einberufenen Abstimmung erhielt der Heilige Stuhl von allen Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen einen besonderen Status zuerkannt, anders als andere Organisationen: eben weil der Heilige Stuhl nicht nur eine Weltreligion vertritt, sondern auch einen Staat. Wir haben versucht, die Kontakte mit der EU zu intensivieren und uns in die großen Debatte über die Zukunft Europas eingeschaltet, indem wir bei der EU in Brüssel eine Nuntiatur eingerichtet haben. Ich habe so gut ich konnte alles getan, um die drei großen europäischen Institutionen besser zu koordinieren:die Europa-Union, den Europarat in Straßburg und die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, die frühere Konferenz von Helsinki, die jetzt ihren Sitz in Wien hat. Manchmal wird gleichzeitig dieselbe Arbeit geleistet, wie in drei konzentrischen Kreisen, und muss dann immer wieder alles neu studieren neu definieren. Viele Regierungen haben mir für die Präsenz und meine Bemühungen um eine Reorganisation gedankt. Wie Sie sehen, war die Kontaktarbeit erheblich und ich muß hier Menschen erwähnen, die mir dabei sehr geholfen haben: zuerst Erzbischof Tauran, als Sekretär für die Verbindungen zu den Staaten und dann Erzbischof Lajolo'.
*Eines der Hauptziele des Heiligen Stuhls für die Menschheit ist der Frieden auf der Welt. Welche Entwicklugen waren auf diesem Gebiet in diesen vergangenen Jahren die wichtigsten?
'Es waren sehr schwierige, von großen, internationalen Spannungen gekennzeichnete Jahre. Denken wir nur an das Drama im Balkangebiet.Ich selbst begleitete Papst Johannes Paul II. am Ende des Krieges nach Sarajewo und wurde zum Zeugen der Tragödie einer von unnützen Massakern in die Knie gezwungenen Stadt. Dann gab es die großen Kriege in Afrika, den Krieg an den großen Seen, ein vergessener Krieg, der vielen hutu und tutsi das Leben gekostet hatŠ..Dann weitere kleinere und größere Konflikte, denken wir an die Toten in Ost-Timor und vor kurzem in DarfurŠDas Problem des Friedens war immer schon eine Hauptsorge des Heiligen Stuhls und von mir selbst auch. Ich habe alles getan, um mir die siebte Tugend des Evangeliums zu verdienen: 'Selig die Erbauer des Friedens'.
*Was sagen Sie über Italien? Allein schon durch die geografische 'Nähe' ist der Heilige Stuhl mit diesem Land ja besonders eng verbundenŠ..
'Ja im Verlauf der letzten 15 Jahre habe ich viele Kontakte mit allen Regierungschefs Italiens gehabt: die Beziehungen sind problemlos und herzlich, sie beruhen ja auf den mittlerweile bewährten Lateranverträgen. Jeder Tag, der vergeht, zeigt, wie weise die Einführung der Lateranverträge gewesen war, sichern sie doch wirklich eine echte Zusammenarbeit im wahrsten Sinnes des Wortes, im Respekt der beiderseitigen Autonomien. Es besteht also ein herzliches Verhältnis im Interesse der großen Anliegen der Katholiken in Italien: des Lebens, der Familie, der Schule Aber auch bei den großen internationalen Fragen, die gemeinsam bearbeitet werden. Ich muss sagen: im allgemeinen besteht mit allen Ministern und Außenministern ein wirklich herzliches Verhältnis'.
*Eine etwas persönlichere Frage: An welches Ereignis in Ihrer langen Laufbahn erinnern Sie sich mit besonderer Genugtuung, mit besonderer Dankbarkeit? Welches Ereignis wird Ihnen am meisten in Erinnerng bleiben?
'Sie stellen mir eine Frage, die mich ein wenig verlegen machtŠ.Sehr gut in Erinnernung geblieben ist mir zum Beispiel - gleich Anfang meines Amtes als Staatssekretär - die Reise nach Moskau im Jahre 1990. Ich mußte nach dem Fall des Kommunismus die diplomatischen Beziehungen für den Heiligen Stuhl vorbereiten. Am Anfang stand eine lange und fruchtbare Begegnung mit dem damaligen Präsidenten Gorbatschow. Daraus folgte später die Reise dieses Staatschefs nach Rom. Es war der Anfang einer neuen Seite im Buch der Geschichte mit dem Russland von heute. Mit Bewegung erinnere ich mich auch an meinen Besuch in Indien, in Kalkutta als Päpstlicher Legat anlässlich des Todes von Mutter Teresa. Ich erinnere mich natürlich an die vielen Reisen von Papst Johannes Paul II.: ich begleitete ihn insgesamt 53 Mal, angefangen von 1991 in Fatima am 13. Mai zum 10. Jahrestags des Attentats bis zum letzten Besuch in Lourdes, am Fest Maria Himmelfahrt im Jahre 2004. Es waren wirklich wunderschöne Augenblicke.Eine ganz besonders tiefe Erinnerung vernindet mich an die Agonie und den Tod dieses großen Papstes, der mich als Mitarbeiter an seiner Seite wollte. Es waren Tage intensiven Schmerzes für mich, wie für uns alle, und sie werden mir unauslöschlich in Erinnerung bleiben. Was die kirchlichen Ereignisse betrifft, an die ich mich besonders gerne erinnere, ist der Besuch in Kazakhstan im Jahre 2003. Hier galt es, in der Hauptstadt eine neue Hierarchie, ein neues kirchliches Leben aufzubauen, Erzbischöfe, Bischöfe und Apostolische Legaten einzusetzen.Es ist dem Heiligen Stuhl - auch durch meinen persönlichen Einsatz - gelungen, mit diesem Land sogar einen Vertrag abzuschließen, einen Vertrag der ein Beispiel für künftige Verträge mit islamischen Ländern sein könnte. Dies sind die kleinen und großen Erinnerungen, die in mein Herz eingeschrieben sind'.
*Eminenz, Sie sind heute der Dekan des Kardinalkollegiums: Würden Sie uns kurz die Bedeutung dieses Amtes beschreiben?
'Im Kodex des kanonischen Rechts werden zwei beratende Einrichtungen des Papstes genau beschrieben: die Bischofssynode und das Kardinalkollegium. Ich breche kein Geheimnis, wenn ich sage, dass bei der Vorbereitung dieses Kodex' darüber beraten wurde, welches der beiden man an die erste Stelle setzen solle. Man entschloss sich schließlich für die Bischofssynode, weil diese vielleicht die Basis der Universalkirche besser vertrete. Also, die Bischofssyode und das Kardinalkollegium sind beratende Organe des Papstes: Die Bischofssynoden wirken in ihren synodalen Voll- General-Spezial-oder Lokalversammlungen. Das Kardinalkollegium wirkt in seinen Konsistorien - regulären wie außergewöhnlichen - sowie in seinen informellen Versammlungen. Der Heilige Vater Papst Benedikt XVI. will dem Kardinalkollegium - das richtigerweise im Laufe der Jahrhunderte den Namen 'Senat des Papstes' zuerkannt bekam - neuen Elan geben. Ich werde mich also besonders dafür einsetzen, dass die Kardinäle über die dringendsten Probleme der Kirche unterrichtet werden, ich werde sie öfters einberufen, damit wir uns auch persönlich besser kennen lernen. Auf diese Weise kann ich weiterhin mein Körnchen am großen Ideal und Werk des Papstes beitragen, ein Werk, dass - selbst von Kritikern - immer mehr geschätzt wird. Eine gute Stimme, unabhängig von politischen Strömungen, eine Stimme für das Wohl der Menschheit. Meine Vorgänger, der unvergessene Kardinal Casaroli, schrieb am Ende seines Lebens ein Buch: 'Für die Kirche und für die Welt'. Es zeigt dieSynthese seines Lebens auf, ein Leben für die Entwicklung, für den Frieden, für die Eintracht; Ich glaube, auch mein Wirken wird immer zum Ziel haben: Für die Kirche und für die Welt'.
*Ein besonderes Wort bitte noch für unsere Hörerinnen und Hörer?
'In all diesen Jahren war ich dem Wirken und Tun von Radio Vatikan immer sehr nahe. Ich konnte das viele Gute verfolgen, dass Radio Vatikan weltweit vollbringt. Ich wünsche allen Mitarbeitern weiteren Erfolg und Einsatz. Auch eure Arbeit kann man als pastorale Arbeit bezeichnen, denn sie steht im Dienste der Verbreitung des Reich Gottes. Ich erinnere mich an jene Stimme Papst Pius XI, bei der Einweihung von Radio Vatikan, diese schöne, lateinische Sprache: 'Ut Verbum Dei clarificetur et diffundatur'. So wünsche auch ich Radio Vatikan, dass es weiterhin das Wort Gottes und die Tätigkeit des Heiligen Stuhls in alle Welt verkündet'.
Aldo Parmeggiani, Radio Vatikan
Rudolf Seiters - 70 Jahre
(Sendung am 14.10.2007 und 16.10.2007)
Dr. Rudolf Seiters geboren am 13. Oktober 1937 war von 1989 bis 1991
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes in der von
Helmut Kohl geführten Bundesregierung, Am 26. November 1991 wurde Dr. Seiters
zum Bundesminister des Inneren ernannt. Als bei einem polizeilichen Einsatz
auf dem Bahnhof im mecklenburgischen Bad Kleinen der gesuchte RAF-Terrorist
Wolfgang Grams und der GSG 9-Beamte Michael Newrzella ums Leben kamen,übernahm Dr. Seiters die politische Verantwortung und trat von seinem Amt
zurück. Von 1998 bis 2002 war Rudolf Seiters Vizepräsident des Deutschen
Bundestages. Seit 2003 ist der CDU-Politiker Präsident des Deutschen Roten
Kreuzes. Rudolf Seiters war über dreißig Jahre lang ununterbrochen Mitglied
des Deutschen Bundestages. Der angesehene Politiker ist verheiratet, hat
drei Töchter und wohnt in Papenburg.
*Herr Professor Dr. Seiters, Sie gehörten 33 Jahre lang ununterbrochen dem deutschen Bundestag an und haben wichtigste Ämter bekleidet Gab es in diesem langen Zeitraum ein Ereignis, das Sie als den absoluten Höhepunkt bezeichnen würden?
'Die für mich prägenste Zeit war sicherlich der Zeitraum 1989-1990, als ich Chef des Kanzleramtes und - so war das im Grundlagenvertrag geregelt - Verhandlungs-und Gesprächspartner der DDR. war. Drei Ereignisse des Jahres 1989 haben uns die Überzeugung vermittelt, dass es zur deutschen Einheit kommen werde: die Ausreise der Flüchltinge, die Hans-Dietrich Genscher und ich am 30. September vom Balkon der Prager Botschaft verkünden durften - 5.500 Flüchtlinge waren in der Botschaft. Der Fall der Mauer und die Rede von Bundeskanzler Helmut Kohl in der Frauenkirche in Dresden: das war der Beginn des Endes der DDR'.
*Nach dem Mauerfall 1989 wurden Sie unter Helmut Kohl Mitgestalter, Koordinator und Administrator der jüngeren Deutschlandpolitik. Als Innenminister haben Sie oft mit besonderem Feingefühl aber ebenso mit Entschiedenheit agieren müssen: welche waren damals die besonderen Chancen, welche die Gefahren?
'Wir mußten sehr sensibel umgehen mit dem Zustrom von Bürgerkriegsflüchtlingen und Asylbewerbern nach Deutschland. Für mich war immer klar,- auch aus der Historie heraus, dass das grundgesetzlich verankerte Recht auf Asyl für politisch-religiös-und rassisch Verfolgte unangetastet bleiben mußte. Auf der anderen Seite war der Strom der Asylbewerber von 50.000 in einem Jahr auf 440.000 im Jahre 1992 gestiegen und unsere Gemeinden, auch unsere kirchlichen Gemeinden waren mit der Intergration überfordert. Wir mußten diferenzieren zwischen denen, die wir vor Verfolgung schützen mußten und denen, die aus wenn auch verständlichen, aber eben doch wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland kamen. Es ging also um Integration, es ging um Flüchtlingsschutz, es ging aber auch um eine würdevolle Rückkehr der Betroffenen. Diese Zeit fiel leider zusammen mit einer Reihe von ausländerfeindlichen Anschlägen, die uns alle sehr betroffen gemacht haben. Wie gesagt: es ging darum, klare Positionen zu beziehen, rechtsradikale Organisationen zu verbieten, diejenigen zu verfolgen, die sich strafbar gemacht haben und insgesamt für ein Klima der Ausländerfreundlichkeit in Deutschland zu sorgen'.
*Als bei einem polizeilichen Einsatz in Mecklenburg ein gesuchter RAF-Terrorist und gleichzeitig ein Polizist ums Leben kamen, haben Sie die politische Verantwortung übernommen und sind zurückgetreten: Haben Sie diesen Schritt jemals bereut?
'Diese Frage wird mir oft gestellt - meine Antwort ist auch heute noch: Nein, ich habe den nicht bereut, obwohl mir der Rücktritt sehr schwer gefallen ist. Ich habe das Amt des Innenministers sehr gerne wahrgenommen. Man konnte sehr viel gestalten. Aber der Umstand, dass bei zwei Toten die Beamten in der Nacht die Waffen gereinigt hatten, die Gesichter, die Hände, haben es mir unmöglich gemacht, sofort die in der Öffentlichkeit sehr emotional vorgetragenen Vorwürfe zurückzuweisen, hier sei durch die Staatsmacht, durch die Polizei, durch die Bundespolizei praktisch ein Mord geschehen, also eine Hinrichtung. Das war alles nicht wahr. Es hat sich auch später herausgestellt,. Nur mußten wir sechs Monate auf die Untersuchung der Universität Münster und Zürich warten. Und in einer solchen Situation - sechs Monate - nicht die Antwort geben zu können, die mir klar war, hätte dazu geführt, dass die Vermutungen, die in der Öffentlicheit geäußert wurden - der Staat wolle etwas vertuschen - zugenommen hätten. Ich wollte ein Zeichen setzen, in die Bevölkerung hinein: hier wird nichts vertuscht. Ich wollte vielleicht auch ein Zeichen der politischen Kultur setzen. Das ist in Deutschland auch so verstanden worden'.
*Sie genießen wegen Ihrer Gradlinigkeit selbst bei politischen Gegnern hohes Ansehen: das ist für einen Politiker nicht alltäglich. Welche waren, welche sind die Leitlinien, nach denen Sie Ihre Entscheidungen im Leben richten?
'Ich glaube, man braucht gerade auch in politischen Ämtern, aber natürlich auch im beruflichen und im privaten Leben einen inneren Kompass. Man braucht Grundüberzeugungen und Grundwerte, an denen sich dann auch persönlich oder politische Entscheidungen ausrichten. Ich komme aus einem katholischen Elternhaus, für mich war das Gebet - in schwierigen und in guten Zeiten - immer sehr wichtig. Ich glaube, das was Dietrich Bonhöffer ausgesagt hat, in diesem wunderbaren Gedicht 'Von guten Mächten wunderbar geborgen', das kann man auch so zusammenfassen: Wer glaubt, ist niemals allein. Mir hat das immer sehr geholfen'.
*Es wird Ihnen nachgesagt, dass Sie Ihre Hilfsbereitschaft und Liebenswürdigkeit oft als politische Waffe einsetzen. Können Sie uns ein Beispiel nennen,wann und bei welchem Anlass dies der Fall war?
'Ich denke, das kann man nur grundsätzlich beantworten: Für mich war immer wichtig, dass man in einer Demokratie, wo unterschiedliche Standpunkte vorliegen, wo man Kompromisse braucht, sich immer auch in die Lage des Anderen hineinversetzt: was kann ich ihm zumuten, und was will ich mir zugemutet wissen. Das heißt, der Versuch bei aller Schärfe der Auseinandersetzung fair zu bleiben. Das war zum Beispiel bei dem Rückführungsabkommen mit Polen und mit Tschechien, damals Tschechoslowakei, der Fall. Das war im Inneren aber auch in den Jahren, da ich die Opposition informieren wollte über den Gang der Ereignisse zur Deutschen Einheit, wo man vieles auch vertraulich behandeln mußÝe, der Fall. Aber dadurch, dass ich immer offen gesprochen habe, auch in den internen Gesprächen, hat sich eine Basis eines gewissen Vertrauens herausgebildet, was in der Politik ganz wichtig ist. Wir haben das ja auch im internationalen Bereich erlebt: Vieles hätten wir nicht geschafft, mit Zustimmung unserer Freunde und Partner, wenn es nicht eine Basis des Vetrauens gegeben hätte, dass Deutschland das Koordinatensystem seiner Politik nicht verändert'.
*Sie sind aus dem Bundestag nach über drei Jahrzehnten aus eigener Initiative ausgeschieden und sind seitdem - seit 2003 - Chef des Deutschen Roten Kreuzes. Herr Dr.Seiters, welche sind heute die Hauptaufgaben dieser international hochrenommierten Hilfsorganisation? Wo liegen ihre politischen, sozialen, menschlichen Schwerpunkte?
*Dieses Bündnis von 187 Rot-Kreuz und Rot-Halbmondgesellschaften der Welt ist ein ganz wichtiges Netzwerk. Wir sind mit 4,3 Millionen Mitgliedern und 400.000 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern die zweitgrößte Organisation nach den Amerikanern. Wir sind gegenwärtig tätig mit Projekten in 73 Ländern der Welt mit humanitären Aufgaben, aber auch im Auftrage des internationalen Roten Kreuzes unterwegs, um Gefangene zu besuchen und Missstände in Gefängnissen abzustellen. Also diese Aufgabe im Internationalen Bereich, sich einzusetzen gegen Hunger und gegen Verfolgung, Aids und Malaria, ist eine der wichtigsten internationalen Aufgaben. Darüber hinaus sind wir Spitzenverband der freien Wohlfahrtspflege mit Krankenhäusern, mit ambulanten Diensten, mit einem Blutspendedienst, der zu 80% Deutschland mit notwendigem Blut versorgt, mit Ersten-Hilfe-Ausbildungen und dann natürlich auch mit dem ganzen Feld der Rettungsdienste'.
*Vor zwei Jahren haben Sie als Präsident des Deutschen Rotes Kreuzes den Vatikan besucht. Welchen Eindruck hatten Sie nach dieser dreitätigen Romvisite mit nach Deutschland gebracht?
'Es ist für einen Politiker immer ein ganz großes Erlebnis in Rom zu sein, im Vatikan zu sein und Gelegenheit zu haben - wie es mir vergönnt war - auch mit dem Heiligen Vater zu sprechen, und mit den Kardinälen. Aber es ging bei dem Besuch auch darum: was können wir tun, um gemeinsam in der Welt, uns zu unterstützen. Mir wurde auch gesagt, das Rote Kreuz hat anders als konfessionell Organisationen manchmal schon die Chance und die Möglichkeit Türen zu öffenen. Ansonsten haben wir ein sehr gutes Verhältnis zur Caritas. Wir sind auch zusammengeschlossen im Katastrophenbündnis. Also diese Kontakte auch international zu stärken war mir ein Anliegen'.
*Ein Jahr vorher -2002 - hatten Sie noch als Vizepräsident des Deutschen Bundestages Rom und dem Vatikan einen Besuch abgestattet und dabei auch den damaligen Präfekten der Glaubenskongregation und heutigen Papst Benedikt XVI. getroffen. Welches Thema stand auf der Tagesordnung?
'Es war im Grunde eine Fortsetzung eines Gesprächs, das ich früher als Kanzleramts-Minister gehabt habe. Es ging um die Frage der Deutschen Einheit. Der damalige Papst hat mir eine Frage gestellt, die ich nicht vegessen habe: 'Wie werden die Menschen nach Jahrzehnten Unfreiheit, mit der so plötzlich wiedergewonnenen Freiheit fertig?' Wie gehen sie damit um? Das war auch Gegenstand des Gesprächs mit dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger, der sich aber auch - als Deutscher - sehr gekümmert hat und sehr nachdrücklich auch nachgefragt hat: 'Wie gehen wir in Deutschland als Politiker um, mit dem Schutz des werdenden Lebens? Also die Frage nach Schwangerschaftsabbrüchen, die Frage nach Gentechnik und Bioethik, das waren die wichtigen, und sind heute auch die wichtigen Themenbereiche. Albert Schweitzer hat einmal gesagt: 'Das Fundament jeder Sittlichkeit ist die Ehrfurcht vor dem Leben'. Das war im Grunde der wichtigste Gegenstand unseres Gesprächs'.
*Ihre Meinung über die heutige Position der Kirche auf sozialpolitischem Gebiet?
'Sie kennen ja die laufenden Diskussionen in Deutschland: es gibt gewisse, durchaus erkennbare Akzente unterschiedlicher Art, was die deutschen Bischöfe und Rom in einigen Fragen betrifft. Nicht in grundsätzlichen Fragen. Ich glaube, man muss schon unterscheiden, ob die Kirche, ob der Papst von ihrem Amtsverständnis her, von ihrem Auftrag her, mit bestimmten Fragen so umgehen können, wie das Politiker manchmal aus pragmatischen Gesichtspunkten heraus tun können. Natürlich sind wir als Politiker vom Umstand, dass es so viel Kinderarmut in der Welt gibt, mehr betroffen. Da fragt man sich: Was könnte die Politik anders machen? Natürlich wird die Frage der Schwangerschaftsverhütung anders gesehen im politischen Raum, als im kirchlichen. Aber, diese Umstände sind ja auch bekannt'.
*Wie beurteilen Sie das junge Pontifikat des ersten deutschen Kirchenoberhauptes seit über 500 Jahren?
'In Deutschland erschien eine Zeitung mit dem Titel: 'Wir sind Papst'. Der Stolz in Deutschland ist ungebrochen. Der Papst hat am Weltjugentag in Köln, bei dem ich dabei war, eine große Wirkung erzielt. Er hat den Jubel der jungen Menschen, die teilweise Tage vorher angereist waren, entgegen genommen. Ich glaube, es wäre sehr wichtig, wenn die Bemühungen seines Vorgängers, was die Zusammenarbeit der Kirchen, der Religionsgemeinschaften anbetrifft, fortgesetzt würden, natürlich bei Wahrung der Standpunkte der katholischen Kirche'.
*Deutschland gilt sowohl im sozialen als auch im kirchlichen Bereich als Spendenweltmeister. Finden Sie nicht auch, dass darüber eigentlich relativ wenig, zu wenig gesprochen wird?
'Die Medien leben von den Bildern. Als der Tsunami so schrecklich über Sri Lanka und Indonesien, die Maladiven und über andere Länder einbrach, ging eine Welle der Hilfsbereitschaft durch die Welt, insbesondere durch Deutschland. Allein wir vom Roten Kreuz haben damals 124 Millionen Euro Spenden aus der Bevölkerung bekommen. Wir sind nach wie vor in diesen Ländern unterwegs, um wirklich effektive und von den Menschen auch angenommene Hilfe zu leisten. Die Spendeneingänge in den letzten zwei Jahren, Gott sei Dank hat es Katastrophen dieser Art 2006 und 2007 nicht gegeben, sind geringer gewesen, aber sie kommen dann eben nicht einem solchen Zwecke zu Gute, sondern sie fließen in die Ortsvereine und in die Kreisverbände des Roten Kreuzes, der Caritas, der Diakonie. Also insgesamt, denke ich, zeigt sich die Hilfsbereitschaft der deutschen Bevölkerung nicht nur daran, dass so viele Menschen - 10 Millionen und noch mehr - sich regelmäßig ehrenamtlich engagieren, sondern auch dann, wenn man das Gefühl hat, wenn die Herzen angesprochen werden, dass Hilfe unbedingt notwendig ist, dann gibt es kleine und große Spenden, für die wir sehr dankbar sind'.
*Worauf ist diese Spendenfreudigkeit der Deutschen eigentlich zurückzuführen, Gibt es dafür besondere Gründe?
'Das würde mich jetzt veranlassen, einen Vergleich zu ziehen mit anderen Ländern. Aber das möchte ich nicht tun. Ich glaube, dass auch in anderen europäIschen Staaten durchaus eine große Spendenfreudigkeit vorhanden ist. Es geht immer um die Frage: Wie erreiche ich die Herzen der Menschen, wie kann ich sie überzeugen, dass Gelder, die gespendet werden, nicht in die falschen Kanäle geraten? Dass sie nicht in einen Moloch einer großen Organisation verwaltungsmäßig versickern. Deswegen ist es für uns immer sehr wichtig gewesen, deutlich zu machen, dass über 90% der Gelder, die wir einnehmen, auch tatsähclich den betroffenen Menschen zu Gute kommen. Ein bisschen Vorsorge muss sein und ein bisschen Verwaltung muss auch sein. Aber hier gibt es ein großes Potential des Vertrauens, das wir aufgebaut haben'.
*Wie jedes Jahr war auch dieser Hochsommer von der Tragik der Bootsflüchtlinge im Mittelmeer dramatisch gekennzeichnet. Welchen Ausweg aus diesem menschlichen Inferno würden Sie als Leiter einer Internationalen Hilfsorganisation für die Zukunft ins Auge fassen?
'Das Wichtigste ist natürlich eine Situation zu schaffen, dass Menschen nicht ihre Heimat verlassen, sondern in ihrer Heimat bleiben oder nach Kriegen und Bürgerkriegen und Hungersnöten wieder in ihre Heimat zurückkehren. Das ist leichter gesagt als getan. Ich denke, dass die Industriestaaten fianziell noch mehr tun könnten, dass sie ihre Hilfen noch stärker zu bündeln hätten. Es gibt ja auch große Bemühungen, um ein gemeinsamen europäIsches Programm zu entwickeln. Wir erhalten viel Unterstützung für Projekte, die wir durchführen. Im Niger gab es eine große Hungersnot, Millionen waren davon betroffen. Da hat uns Europa geholfen und auch die Bundesregierung. Im Sudan gibt es schreckliche Auseinandersetzungen, was die Stammeskämpfe anbetrifft. Ich kenne die Situation, ich war selber in den Auffanglagern in Dafour und habe die Situation dort betrachtet. Ebenso in Ruanda. Also, die Vereinten Nationen, die internationalen Organisationen und die Staatengemeinschaft sind gefordert. Ich appelliere immer wieder an uns selber, aber auch an unsere Regierung und an die internationalen Organisationen, dass sie alles tun, um auch die Regierungen vor Ort zu überzeugen, dass sie mithelfen müssen und dass sie nicht Gelder versickern lassen in Korruption'.
*Wie sieht die Lage in Deutschland aus: auch hier nimmt der Bedarf nach sozialer Hilfe ständig zu. Grund dafür sind eine relativ hohe Anzahl von Arbeitslosen, der Zustrom von Emigranten und vielleicht auch eine im Schnitt immer älter werdende Bevölkerung. Wo sehen Sie auf diesem Gebiet eine Lösung?
'Wir haben jetzt vor kurzem durch den Bundestag und den Bundesrat eine sogenannte Reform des Gemeinnützigkeitrechts bekommen, um das Ehrenamt zu stärken. Da hat eine große deutsche Zeitung geschrieben, hinter dieser Maßnahme verberge sich nicht nur reine Großzügigkeit, in Wahrheit rufe der Staat die Bürger zur Hilfe, weil er nicht alle sozialen Aufgaben in ausreichendem Maße schultern könne. Sie haben Recht: wir haben das Problem der Kinderarmut in Deutschland, das mag überraschen, in einem reichen Land, aber es ist so. Es betrifft im übrigen Menschen mit Migrationshintergrund, es betrifft Menschen in Familien, die drogen- und alkoholabhängig sind, es betrifft Behinderte und andere mehr. Das Problem ist, denke ich, auch erkannt. Wir haben einen dramatischen Umbruch im Altersaufbau der Bevölkerung, die Situation der Pflegeeinrichtungen und die Bewältigung des Themas Pflege bei der zunehmenden Zahl von Hochbetagten und Kranken ist vielleicht die gesellschaftspolitische größte Herausforderung, vor der wir stehen. Und dann, das sage ich gerade jetzt, wo wir das europäische Jahr der Chancengleichheit in diesem Jahr haben, geht es darum, Chancengleichheit zu fördern und Diskriminierung abzubauen'.
*Die Frage nach Ihrer Einschätzung der katholischen Soziallehre wird an dieser Stelle zu einer Pflichtfrage.
… 'Ja, ich denke, dass die katholische Soziallehre uns viele Wegweisungen geben kann. Ich selber habe während meines Studiums in Münster den späteren Kardinal Höffner erlebt, der auf diesem Felde ein ausgewiesener Wissenschaftler und Theologe war. Ich zitiere in häufig, wenn er über die Grenzen des Sozialstaats, aber auch über die Grenzen des staatlichen Handelns spricht. Über die Aufgaben, die der Staat wahrzunehmen hat, über die Kernfragen, wie alles geschehen muss, dass wir in einer Gesellschaft leben mit einem menschlichen Gesicht. Ich finde, dass dies eine wichtige, ganz wichtige Wegweisung ist, die für mich auch immer große Bedeutung hatte'.
…
*Sie sind Politiker geworden und können auf eine bedeutende Laufbahn zurückblicken: Welche andere Berufswahl wäre für Sie noch in Frage gekommen? Wie haben Sie sich in Ihrer Jugend sich selbst als Erwachsener gesehen? Hatten Sie eine besondere Berufsvorstellung?
'Ich habe Jura studiert, meine beiden Examina gemacht, hätte mir auch vorstellen können, als Anwalt zu arbeiten oder in der öffentlichen Verwaltung, wo man auch eine Menge bewirken kann. Aber, da ich mich schon während der Schule sehr interessiert gezeigt habe für Fragen der Politik und der Geschichte, war es eigentlich zwangsläufig, dass ich mich dann betätigt habe bei den jungen europäischen Föderalisten und auch in der Jungen Union. Und dann kam plötzlich auf mich das Bundestagsmandat zu. Da habe ich mir gedacht: Zwei oder drei Legislaturperioden, das möchte ich gerne machen und dann wieder ausscheiden. Aber dann sind eben 33 Jahre daraus geworden in den unterschiedlichsten politischen Ämtern'.
*Sie haben lange auf dem politischen Parkett gestanden und tun es ja eigentlich immer noch.Was hat Politik eigentlich mit Glauben zu tun?
'Ja ich denke, dass jeder Mensch, der sich um die Lösung politischer Fragen bemüht, das auch tun sollte, aus einem ganz bestimmten persönlichen Antrieb. Das heißt: in die Politik hineinzugehen, nur um einen Job zu machen, das ist falsch. Aber Politik gestalten zu wollen, und nach eigenen Vorstellungen, ist doch sehr wichtig. Wenn man dann eine persönliche auch religiöse Grundüberzeugung hat, dann kann dies - davon bin ich fest überzeugt - sehr hilfreich sein. Ich sagte ja schon, für mich ist der Glaube und das Gebet - auch wenn ich das nicht plakativ vor mir hertrage - einfach eine wichtige Grundvoraussetzung für mein politisches, soziales und ehrenamtliches Engagement'.
*Sie sind bekennender Katholik:Welche religiöse Frage berührt Sie als Privatmensch am meisten?
'Nun ja, wir leben in einer Zeit der Individualisierung, der Säkularisierung. Ich komme selber aus einer Religion, wo man auch beim Kirchenbesuch sehr wohl feststellen kann, dass er sehr deutlich zurückgegangen ist. Das heißt: wie können wir über die Begeisterung junger Menschen bei einen Papstbesuch hinaus, die Menschen grundsätzlich noch stärker veranlassen an dem sozialen und kirchlichen Leben teilzunehmen? Ich denke, das ist ein weites Feld, da gibt es keine Patentrezepte. Aber die grundsätzliche Frage ergibt sich - wie ich finde - auch aus der Diskussion, die wir geführt haben bei der Wiedervereinigung: Übernehmen wir den Gottesbezug in das Grundgesetz, in Verantwortung vor Gott und den Menschen und auch jetzt bei der Diskussion über die Europäische Verfassung, wo ich mir sehr gewûsncht hätte, dass auch der Gottesbezug in diese Verfassung einfließen würde, Das sind grundsätzliche Fragen, die noch nicht zu Ende diskutiert sind'.
*Sie sind Chef einer großen Hilfsorganisation: Welchen Stellenwert hat menschliches Leben ganz allgemein im Vergleich zu anderen Werten, wie Gerechtigkeit, Freiheit, Ordnung im Staat, Anerkennung der Autorität?
'Das ist ein zentraler Wert: es geht um das ungeborene, den Schutz des ungeborenen Lebens, es geht um die Trauer und Sterbebegleitung. Ich habe vor einigen Jahren die Schirmherrschaft übernommen, um die von den christlichen Kirchen in Niedersachsen gegründete Hospizstiftung - die sehr wichtig ist - weil sie den Gegensatz darstellt zur Sterbehilfe, die wir aus ethischen und moralischen Gründen natürlich scharf ablehnen. Es geht um die Frage: wie gehen wir um mit Krankheiten. Also Ehrfurcht vor dem Leben, ist die zentrale Frage eines jeden demokratischen, auch aufgeklärten und säkularisierten Staates'.
*Was müßte kurzfristig und was müßte langfristig gelingen, damit Sie als Verantwortlicher des Deutschen Roten Kreuzes sagen könnten: es ist ein Traum in Erfüllung gegangen?
'Ich bin immer Optimist gewesen, aber ich war auch und bin auch Realist. Manchmal kann man schon zweifeln, ob es uns jemals gelingen wird, auf Erden alle diese Probleme zu lösen, die wir gegenwärtig haben. Wir haben viele Millionen von Flüchtlingen in der Welt. Wir erleben immer, dass Kriege und Bürgerkriege ausbrechen. Aber man darf einfach nicht aufgeben, nicht resignieren. Für mich wäre es schon sehr wichtig, wenn man in der Zukunft sagen könnte: wir haben die Probleme der Welt auch international gemildert, wir haben Menschen größere Chancen gegeben, sich zu verwirklichen'.
Aldo Parmeggiani Wolfgang Schäuble
(16.+18.September 2007) Rom/Berlin: Wolfgang Schäuble wurde am 18. September 1942 in Freiburg im Breisgau
geboren. Nach dem Abitur absolvierte er ein Studium der Rechts- und
Wirtschaftswissenschaften und promovierte 1971 zum Dr. jur.. Dr. Schäuble
begann seine politische Laufbahn schon sehr früh. Seit 1972 ist er Mitglied
des Deutschen Bundestages. Er war Parlamentarischer Geschäftsführer der
CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Fraktionsvorsitzender, Oppositionsführer im
Deutschen Bundestag, Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des
Bundeskanzleramtes unter Helmut Kohl. Seit 2005 bekleidet Wolfgang Schäuble
das Amt des Bundesministers des Innern. Schäuble geriet in der
Jahrtausendwende unter die Welle der CDU-Spendenaffäre. Das gegen ihn
laufende Ermittlungsverfahren wurde aber eingestellt. Im Oktober 1990 wurde
gegen den CDU-Politiker während einer Wahlkampfveranstaltung ein Attentat
verübt. Seither ist der vierfache Vater teilweise gelähmt und auf einen
Rollstuhl angewiesen. * Herr Bundesminister Schäuble, Sie haben viele wichtige politische Ämter bekleidet und sind bereits zum 2. Mal Innenminister der Bundesrepublik Deutschland. Auf was kommt es in der Politik an? ' Es kommt ganz entscheidend darauf an, dass man weiß, dass man eine große Verantwortung trägt. Je höher man in der politischen Laufbahn kommt, je mehr man Erfahrungen sammelt, umso mehr empfindet man, dass es eine Freude ist, man will ja gestalten, Macht haben, aber auch dass es eine große Verantwortung ist'. * Haben Sie eigentlich schon als Jugendlicher an diesen Beruf gedacht? ' Als ich mich als junger Mensch mit der Frage beschäftigte, was ich einmal machen würde, habe ich nicht gedacht, dass mein Beruf Politik sein würde. Ich habe gedacht, Anwalt zu werden. Deshalb habe ich Jura studiert. Ob ich Anwalt oder Richter, was ich auch gerne werden wollte, ein ganzes Leben lang sein wollte, hat sich dann erübrigt. Ich bin relativ früh als Abgeordneter gewählt worden. Wahr ist aber auch, dass ich mich schon in meinen jungen Jahren für Politik interessiert habe. Vermutlich durch Einfluss meines Vaters. Wir sind drei Brüder und alle drei politisch sehr interessiert. Ich habe mich auch in der Freizeit politisch engagiert. Und wie es oft so ist: was man als Freizeitbeschäftigung, als Hobby macht, wird oft zum Beruf. Ich habe es nie bereut - das muss ich dazusagen - ich bin mit allen Höhen und Tiefen - glücklich, dass mir diese Möglichkeit in meinem Leben geschenkt worden ist;' *Es wird Ihnen allgemein Sachlichkeit, Sachverstand, Pragmatik nachgesagt. Sehen Sie sich selbst als Taktiker oder als Stratege? 'Ich bemühe mich, die Sachen zu durchdringen und Lösungen zu finden, von denen ich glaube, dass sie von der Sache her richtig sind. Deswegen würde ich mich nicht als Taktiker sehen. Ich weiß nicht, ob ich ein Stratege bin, das ist so anspruchvoll! Aber, es gibt schon Dinge, wo man auch im Sinne von Max Weber dicke Bretter bohren muss. Wo man also wissen muss, ich beziehe eine Position, wo ich heute und vielleicht auch in den nächsten Jahren, keine Mehrheit bekommen werde. Und trotzdem bin ich überzeugt: es ist richtig und ich kämpfe dafür, ich überprüfe immer wieder auch meinen eigenen Standpunkt, um es dann irgendwann doch zu erreichen. Wobei hinzuzufügen ist, dass mein Verständnis für Demokratie auf der Grundannahme beruht, dass es nicht eine richtige Entscheidung gibt, dass es eben in den politischen Dingen nicht die Wahrheit gibt, sondern, dass Wahrheiten auch veränderlich sind. Dass man auch in der Lage sein muss, Entscheidungen zu korrigieren. Dass also das, was Karl Popper als das Prinzip der offenen Gesellschaft beschrieben hat, die Korrigierbarkeit von menschlichen Entscheidungen also, schon eine wichtige Voraussetzung für Freiheit und Demokratie ist'. *Politiker müssen, wie Sie gerade gesagt haben, oft unbequeme Entscheidungen treffen, unpopuläre Maßnahmen durchführen…. 'Ich bin aktuell in einer nicht ganz einfachen Debatte in Deutschland - in der Frage, dass wir den Sicherheitsbehörden, der Polizei unter ganz engen Voraussetzungen - über die man diskutieren muss- auf Grund richterlicher Entscheidungen die Möglichkeit gibt, zur Abwehr der Gefahren aus dem internationalen Terrorismus auch on-line-Durchsuchungen zu machen. Mir war von vornehrein klar, dass das ein Thema ist, wo man Gefahr läuft, dass es ein großes Unbehagen in der Öffentlichkeit gibt. Weil die Menschen natürlich dazu neigen - diese internet-Technologie verstehen sie auch nicht so ganz, das ist ihnen einwenig unheimlich - zu glauben, dass der Staat ihre Computer überwacht. Das ist auch gar nicht geplant. Aber das kann öffentlich leicht so gedeutet werden, dass man als derjenige dargestellt wird, der alle überwachen möchte. Es kommt hinzu, dass viele Menschen den staatlichen Behörden unterstellen, sie würden zum Zwecke der Steuerüberwachung die Menschen gerne kontrollieren. Darum geht's mir nicht, ich bin auch nicht Finanzminister. Ich brauche zur Wahrnehmung meiner Verantwortung für die Sicherheit, für die Polizeibehörden ein Instrument, um bei schweren Bedrohungen aus dem internationalen Terrorismus unter engen Voraussetzungen notfalls auch in Computern - so weit man dies technisch überhaupt schafft - Einblick nehmen zu können. Das war mir klar: das wird eine heftige Auseinanderstzung geben, die meine persönliche Wertung in Umfragen beeinträchtigen wird. Aber um der Sache Willen,um der Verantwortung als Innenminister Willen ist das alternativlos notwendig. Wenn ich dafür nicht eintrete, kann ich nicht verlangen, dass die Familienministerin oder der Umweltminister das macht. Das muss ich tun, das ist Teil meines Amtes'. *Ihre Aussage über eine etwaige gezielte Tötung von Terrorverdächtigen hat viel Aufsehen erregt und Kritik von höchster Stelle ausgelöst. Fühlen Sie sich missverstanden, haben Sie mit dieser Reaktion gerechnet? 'Ja, in der Frage bin ich natürlich gründlich missverstanden worden. Wer immer das gemacht hat, ich habe mich geärgert. Ich habe lediglich gesagt, dass die Internationale Rechtsordnung, die nationale übrigens auch, auf die moderne Bedrohung durch assymetrische Kriegsführung der Selbstmordattentäter nicht vorbereitet ist. Und ich habe es an dem Beispiel der Operation 'induring freedom' erläutert,die in der Charta der Vereinten Nationen eine Verteidigungs-Maßnahme ist - wo also der Weltsicherheitsrat entschieden hat, die Vereinigten Staaten sind angegriffen worden und sie haben das Recht sich dagegen zu verteidigen. Und daraus ist die Meldung entstanden, ich hätte in Deutschland die gezielte Tötung von Terrorverdächtigen gefordert. Das ist bei manchen Menschen ein törichtes Missverständnis, bei anderen ein bewußtes Vorgehen und dann ist es wirklich bösartig und verletztend. Das ist wahr'. *Welchen politischen Menschen Ihrer Zeit w& |